Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1897)
- Date
- 1897-08-20
- Page
- Seite 402 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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402 spezifisch amerikanischer Verhältnisse betrachtet werden. Das rege öffentliche Leben bringt es mit sich, daß jede Bewegung durch bestehende Organisationen sich zu stärken sucht, und die ganz private Natur der kirchlichen Gemeinde zwingt den Geistlichen, sich an Fragen des öffentlichen Lebens zu betheiligen. Es ist z. B. bekannt, daß die amerikanischen Munizipalverwaltungen wahre Brutstätten von Korruption sind. Eine Partei bildet sich, um diesen Zuständen ein Ende zu machen. Sie sucht naturgemäß ihre Stütze nicht nur bei Individuen, sondern auch bei Verbänden und ladet daher hervorragende Geistliche zur Mitarbeiterschaft ein. Oder es wird eine Schule, eine Bibliothek oder irgend ein gemeinnütziges Institut gegründet, bei welchem die Betheiligung aller Kreise gewünscht wird. Nach dem alt-amerikanischen Grundsätze: No taxation without representation (Keine Besteuerung ohne Volksvertretung) wird jeder Klaffe eine Vertretung zugestanden. So kommt der Rabbiner in das betreffende Kuratorium und muß bei Versammlungen Reden halten. Sehr häufig wird auch bei gewissen Gelegenheiten die Toleranz demonstrirt. Die Deutschen feiern ihren Sedans-, die Irländer ihren Sankt Patrickstag, die Italiener ihren venti Lsttemdre, irgend eine religiöse Anstalt begeht eine Schlußfeier, und Alles, selbst die Katholiken mit eingeschloffen, wetteifert in der Demonstratio» ihrer echt amerikanischen Weitherzigkeit. Der Rabbiner wird eingeladen, eine Ansprache zu Hallen. Kommen diese Anregungen von außen, so fehlt es nicht an Anregungen von innen. Hier, wo die Gemeinden nicht staatlich anerkannte und beschützte Institute sind, kann inan die Illusion nicht festhalten, daß die Predigt ein Substitut oder gar eine Uebersetzung des Sabbath-Nachmittag-Schiur sei. Da geht es nicht an. aus dem Gesetze über das Sühnopfer der rothen Kuh symbolisch angedeutete Lehren herauszuquälen und schwierige Fragen über die hebräischen Synonyme für Erlösung aufzuwerfen. Hier gilt es, die wirklichen Interessen der Zuhörer zu treffen, nicht der Illusion zu leben, als habe jeder Zuhörer feine Paraschah zweimal im Urtext und einmal im Targum gelesen. Ich will diese Thatsache durch eine Lehre illustriren, die ich einem Freunde gab, welcher sehr zu seinem Schaden an der deutschen Art festhielt. Sie fragen, sagte ich, warum Gott befohlen habe, das Volk zu zählen, und citiren Midraschauslegungen wie die von der feuerigen Münze, welche Gott dem Mose gezeigt habe, Ausgeburten einer ausschweifenden Phantasie, welche, nicht zufrieden mit den biblischen Wundern, stets neue dazu ersann. Predigen Sie doch über den Unabhängigkeitskalnpf in Kuba, über den Brand des Bazars in Paris, über Kreta und Armenien. Das ist amerikanisch. Selbstverständlich kommen infolge dieser Thatsachen schwere Verirrungen vor, und da, wie ich gelegentlich bemerke, diese Zeitung einzelne Beispiele solcher Predigtthemen anführt, ist eine Illustration überflüssig. Ferner ist die Gefahr vorhanden, daß der Rabbiner, um sich vor, das Publikum zu bringen, sein eigenes Gebiet vernachlässigt und mehr außerhalb der Gemeinde wirkt als innerhalb derselben. Die Schwäche, in dem Beifall von Nichtjnden das höchste Glück zu sehen, ist nicht ausschließlich amerikanisch. Jede europäische Zeitung erzählt uns, daß das Scheiden des Herrn Dr. dl. aus 2). so lebhaft von Nichtjuden bedauert wird, und daß die christliche Bevölkerung von der patriotischen Rede des Herrn Dr. Z. so begeistert war. Ich habe versucht, in meinem Dr. Kriegsfelder diesen Typus zu zeichnen. Ueberall dieselbe Frage: 'HEX'' nur ist in Amerika mehr Anlaß dazu. Viel ruhiger war die Debatte über einen Vortrag, welchen Dr. Max Margolis, früher Professor am Hebrew Union College, jetzt auf den Lehrstuhl der semitischen Sprachen nach der Universität von Kalifornien berufen, über die Theologie des alten Gebetbuches hielt. Im Allgemeinen giebt es in der Konferenz auch Mitglieder, welche rein wissenschaftliche Vorträge nicht recht mögen, und ein Herr sagte bei Gelegenheit, die Mitglieder sollten ihre staubigen Quellenforschungen zu Hause laffen. Freilich liegt dieser Abneigung der psychologische Zug zu Grunde, daß es am sichersten ist. eine Sache zu diskreditiren, deren Superiorität uns unbequem geworden ist, doch muß man zugeben, daß gerade unter der jüngeren amerikanischen Generation ein^eifrigeres wissenschaftliches Streben sich Bahn bricht und immer kräftiger sich ausbreiten wird, je selbstverständlicher und alltäglicher die Beherrschung der englischen Sprache geworden sein wird. Dr. Margolis Vortrag hatte eine praktische Seite. Er behauptete, daß der messianische Gedanke das traditionelle Gebetbuch durchdringe, und daß er auf korrekt verstandener biblischer Anschauung ruhe. Das erregte kräftigen Widerspruch von Seiten des Präsidenten, dessen theologischer Standpunkt eine vollkoinmene Deckung der Reformtheorien mit der biblischen Lehre ist. Die Reform hat für ihn nicht die Bibel amendirt, sondern richtig interpretirt. Wenn der Talmud den messianischen Gedanken im Allgemeinen als wesentlich erklärt, so haben wir in demselben Talmud doch wieder klare Aussprüche, die das Gegentheil beweisen, und schließlich ist Maimonides mit seiner scharfen Anseinauderhaltung des messianischen Reiches und des Jenseits ebenso sehr eine Autorität als die Rabbiner, welche unserem Gebetbuche die heutige Fassung gegeben haben. Dr. Wise ist der unerschütterliche Vertreter des alten Reformpriuzips, welches in der biblischen Theologie den Grund- und Schlußstein des Jndenthums sieht. Es ist nicht zum mindesten seine Persönlichkeit, welche die Rabbiueckonferenz zu ihrer gegenwärtigen Bedeutung erhoben hat. Es ist auch nichts Kleines, daß ein Mann im 79. Lebensjahre eine so weite Reise mitten in dem tropischen amerikanischen Sommer unternimmt, wenn im Eisenbahnwagen die Temperatur auf 30—320 R steigt, und man bei einer solchen alle Energie tödtenden Hitze täglich sechs Stunden lang Debatten anhört und Verhandlungen leitet. Diese Bewunderung fand auch während der Verhandlungen mehrfach Ausdruck, so auch in einer kalligraphisch ausgestatteten Adresse der Emanuel-Gemeinde in Montreal. Eine glückliche Kombination der wissenschaftlichen und praktischen Theologie brachte der Bortrag des Rabbiners Joseph Stolz von der Jesaias-Gemeinde in Chicago über den Ritus bei Beerdigungen (Funeral-Agenda). Der Vortrag ging von dem Gedanken aus, daß alle Leichenfeierlichkeiten von dem Grundgedanken des Glaubens an ein ewiges Leben getragen seien, und daß wir in unserem Ritual dem Gedanken des Trostes statt dem des Schmerzes Raum geben müssen. Als praktisches Resultat wurde die Schaffung eines Andachtsbuches für Beerdigungsfeierlichkeiten und für den Gräberbesuch beschlossen. Das Sepher Chajim ist noch immer ein mächtiger Hebel des Judenthums. Die Klage über den verschwenderischen Luxus bei Beerdigungen und bei Grabsteinen wurde mit Recht vorgebracht, aber kaum mit Erfolg, obwohl unter anderem auch eine statistische Berechnung citirt wurde, wonach der Werth der Monumente auf einem einzigen großstädtischen Friedhofe genügen würde, eine Hochschule zu erhalten. Von den gelegentlichen Zwischenfällen während der Konferenz will ich den Besuch Geistlicher verschiedener Konfessionen anführen, welche, wie das hier üblich ist, auf die Tribüne geführt wurden, um Ansprachen an die Versammlung zu halten. Darunter war auch ein Herr, der, von dem Rabbiner Veld als Vertreter einer lokalen Wohlthätigkeitsgesellschaft eingeführt, erzählte, wie glücklich er sich fühle, von der Gegnerschaft der Konferenz gegen den Zionismus erfahren zu haben, denn wenn erst die Juden zur Erkenntniß gelangt sein würden, daß es Gottes Wille gewesen sei, sie in alle Welt zu zer-