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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-08-20 · Heft 34 (20.8.1897) · p. Seite 398

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 34 (20.8.1897)
Date
1897-08-20
Page
Seite 398 (sequence 2)
Language
German
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wohl sieht man mit Verwunderung viele Geistliche mit den in der Verhöhnung christlicher Anschauungen und Institutionen ein frevelhaftes Spiel treibenden Wotansanbetern freundschaftlich Hand in Hand gehen, wenn es gegen die Juden aufzutreten - gilt. Als eine Ironie der Weltgeschichte muß es aber erscheinen, wenn sowohl unter den christlichen wie unter den Rassen-Antisemiten — getaufte Juden sogar als Führer sich hervorthnn. Der ganze Kampf über die Frage, welcher Antisemitismus der berechtigte sei, muß natürlich jedem Unbefangenen die Antwort nahelegen: Gar keiner. Der schlichte Menschenverstand hat da die einzig wahre, erlösende Formel gefunden. Jedermann muß, unabhängig von Rasse und Abstammung, nach seinem eigenen Werthe beurtheilt werden. Niemand ist der Repräsentant einer großen Gemeinschaft. Ahlwardt und Vergani sind ebenso wenig Typen für die arische Rasse, wie es Brimanus und Max Löw für die semitische sind. Nicht die Abstammung, sondern der Charakter und die Betätigung desselben im Leben entscheidet über den Werth eines Mannes. Es ist allerdings traurig, daß solche selbstverständliche Dinge am Ende des erleuchteten neunzehnten Jahrhunderts noch so eindringlich gepredigt werden müsten, als wären sie neuentdeckte Wahrheiten. Und dennoch kann dies nicht oft und nicht eindringlich genug geschehen. w Dir Mache. Berlin, 17. August. f er Begriff der, „christlichen Nächstenliebe" hat in der letzten Woche eine sehr verschiedenartige Deutung erfahren. Anläßlich der großen Hilfsaktion für die überschwemmten Nothstandsbezirke in Sachsen, Schlesien und Böhmen hat der Magistrat von Forst i. L. in seinem Dankschreiben an eine hiesige Zeitung von einem „Akt christlicher Nächstenliebe" gesprochen. Daran nahmen einige jüdische Mitbürger Anstoß, und die „V. Z." bemerkte zur Hertheidigung: „Der Magistrat hat zweifellos nur einen ihm geläufigen Ausdruck gebraucht, ohne auch nur von ferne her daran zu denken, dem Wohlthätigkeitswerk einen konfessionellen Stempel aufzudrücken. Daß davon keine Rede sein kann, weiß der Förster Magistrat und Jeder, der die Kisten der Spender in unserem Blatte gelesen hat. Schon die Namen lassen erkennen, daß unsere jüdischen Mitbürger an diesem Liebeswerk einen ganz hervorragenden Antheil haben, wobei noch zu bemerken ist, daß ein großer Theil der jüdischen Spender sich bescheiden nur hinter Chiffren verbirgt. Wie wenig ein solcher Gedanke Platz greisen kann, dafür mag auch folgende Thatsache als Beweis dienen. Wir hatten den Vorschlag gemacht, daß warmherzige Menschenfreunde, Männer wie Frauen, sich dazu bereit finden möchten, die Ueberschwemmungsgebiete aus eigene Kosten zu bereisen und durch eigenen Augenschein sich von dem Nothstande zu überzeugen, um hierher zu berichten, wo und welche Art Hilfe am nöthigsten sei. Ein Herr erklärte sich zu diesem hochherzigen Liebeswerk bereit, wir veröffentlichen nachstehend seinen ersten Bericht, und dieser eine Herr, dessen Namen wir auf seinen Wunsch verschweigen müssen, ist ein Jude." Aber mit dieser Vertheidigung waren die konservativen und antisemitischen Blätter durchaus nicht einverstanden. Sie brandmarkten es einfach als eine „jüdische Unverschämtheit", .daß man an jenem Ausdruck Anstoß genommen. Inzwischen hat aber der erste Bürgermeister jener Stadt, Herr Lehmann, folgendes Schreiben veröffentlicht : „Der geehrten Redaktion übersandten wir vor einigen Tagen unseren herzlichen Dank für die durch Ihre.Vermittelung unseren unglücklichen Ueberschwemmten gewordene große Liebesgabe, die zudem die erste war, die uns von außerhalb zufloß. Durch ein heute eingegangenes anonymes Schreiben werde ich daran erinnert, daß in dem Dankschreiben die Wohlthat der hochherzigen Geber als ein Akt „christlicher Nächstenliebe" bezeichnet ist. Ich bedauere, den Namen des Absenders nicht zu wissen; sonst würde ich ihm dasselbe mitgetheilt haben, -wie jetzt Ihnen, nämlich, daß ich diesen Ausdruck bei der vorliegenden Gelegenheit als einen unpassenden von Herzen bedauere. Bei der thurmhohen Arbeit, die angesichts der Katastrophe Kopf und Hände bei mir voll in Anspruch nimmt, war es mir nicht möglich gewesen, wie ich gewünscht, selbst die Dankeszeilen zu entwerfen, mußte vielmehr die Erledigung dem Büreau überlassen, in dem irgend ein Beamter sich — sicherlich in der Eile, ohne besondere Pointe — in der für den vorliegenden Fall unpassenden Weise im Ausdruck vergriffen hat. Ich bedauere das Vorkommniß wiederholt und brauche wohl nicht hinzuzufügen, wie tief alle Kreise Hierselbst davon durchdrungen sind, daß es sich diesem Schicksal gegenüber um keine Partei- oder Religionsunterschiede, sondern lediglich um unglückliche Mitmenschen handelt. Da ich aus einer zweiten, soeben eingegangenen Postkarte annehmen muß, daß unsere Zuschrift weiteren Kreisen bekannt geworden ist, so bitte ich, auch von meiner vorstehenden Erklärung Kenntniß geben wollen, damit nicht, was bei dem namenlosen Unglück am hiesigen Orte unendlich zu bedauern wäre, der Wohlthätigkeitssinn, wie der Briefschreiber andeutet, zu unseren Ungunsten nachtheilig beeinflußt wird." Mit dieser offenen Erklärung wäre wohl die Sache abgethan. Aber es verlohnt sich wohl der Mühe, einmal klarzustellen, wie die jenen Blättern sehr nahe stehenden Kreise den Begriff der „christlichen Nächstenliebe" auffassen. Auch in Wien ist selbstverständlich eine Hilfsaktion seitens der antisemitischen Stadtverwaltung in Angriff genommen worden. Welches Resultat hat sie nun gehabt? „Innerhalb sechs Tagen, seit der Aufruf erlassen, sind beim Bürgermeister Dr. Lueger ungefähr 7000 fl. eingelaufen, wovon jedoch 5000 fl. von der Ersten österreichischen Sparkasse stammen. Bleiben also 2000 fl., und diese 2000 fl. enthalten alles, was im Ablauf von fünf Tagen das gesammte christliche Volk von Wien, obwohl sein abgöttisch verehrter Führer es selbst aufgefordert hatte, für die Ueberschwemmten zusammengebracht hat. Unter diesen 2000 fl. zählen aber auch mit die Beiträge des Bürgermeisters und seiner beiden Kollegen, sämmtlicher christlich-sozialer Würdenträger, darunter so gewichtvoller Herren wie des vielfachen Hausbesitzers und Zeitungseigenthümers Vergani und des Fürsten Liechtenstein, weiter die Beiträge der Geistlichkeit Wiens, angefangen von dem Erzbischof, dem Nutznießer eines fürstlichen Vermögens, und dem reichen Schottenstift und aufgehört bei den reichen Stadtpfarrern." Die Wiener Juden aber haben ihre Beiträge entweder dem Landeskomitee direkt oder dem Statthalter von Niederösterreich überschickt. Sie haben dabei nicht im Entferntesten daran gedacht, daß jene Nothstandsbezirke fast durchweg judenreine oder judenfeindliche Gegenden sind, und sie werden sich durch solche thörichte Bedenken auch ferner in ihrem Liebeswerk nicht hemmen lassen. Damit ist die Frage praktisch gelöst. Für uns bleibt der oberste Grundsatz der, den ein Lehrer des Talmud dahin präzisirt hat: „Immer erweise der Mensch Liebe auch gegen beit, der ihm Böses gethan; er räche sich nicht, trage keinen Haß nach; das ist die Sitte des Israeliten zum Unterschiede von der der Heiden, die verstockten Herzens sind, rachsüchtig und den Zorn immer im Herzen tragend." An diesem Grundsatz wollen, wir auch ungeachtet aller Angriffe festhalten — das ist allgemein menschliche Nächstenliebe! * Auch die jüdischen Blätter in Frankreich beklagen es lebhaft, daß keiner der dortigen Abgeordneten und Senatoren unseres Glaubens das Wort in der Kammer für. die Rechte der verfolgten und vielverleumdeten Juden -in Algier ergriffen habe. Genau dasselbe haben die jüdischen Blätter, in Oesterreich vor einigen Wochen beklagt anläßlich der Interpellation über die Exzesse von Chodorow. Und

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