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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-08-20 · Heft 34 (20.8.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 34 (20.8.1897)
Date
1897-08-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Kerlin, 20. August 1897. 61, Jahrgang. Nr. 84. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis:- Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M- Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Crpe-ition: Lerlm, Lerujalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion, und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Leitartikel: Feindliche Brüder. — Die Woche. — Protokolle der Versammlung des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen und deren Unterstützungskasse am 9. Juni in Breslau (Schluß). — Die Rabbinerversammlung in Montreal. Von Prof. Dr. G. D euts ch (Schluß). — Zur Geschichte des Delatorenwefens und der Kriminaljustiz unter den Juden im Mittelalter. Von Pros. Dr. D. Kaufmann. — Lesefrüchte. I. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. — Feuilleton: Weder Glück noch Stern.. Von Q. Bach (Forts.). — Karlsbad 1897. III. Don G. K. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Heringsdorf, Breslau, Gartz a. Q., Hamburg, Pirmasenz, Wien, Budapest, London, Bukarest, Nikolajew, Algier. — Don Nah und Fern. — Miscetten. Feindliche Brüder. Berlin, 17. August. ift für uns lehrreicher und charakteristischer, als der Streit zwischen den verschiedenen Spielarten des modernen (2Antisemismus um die Grundprinzipien ihrer Weltanschauung. Ein solcher Streit ist kürzlich zwischen zwei Blättern antisemitischer Richtung, einem deutsch-nationalen und einem christlichsozialen, in Oesterreich ausgebrochen und der Ausgang des Prozeffes Vergani-Schönerer, über den wir an anderer Stelle berichten, giebt diesem Streit einen besonders merkwürdigen Beigeschmack. Das „Deutsche Volksblatt" hatte in einem langen Artikel auseinandergesetzt, daß der Rassenstandpunkt „zum Dogma der Partei" geworden sei und daher ausnahmslos jeder Jude, mag er nun ungetanst oder getauft, mag er selbst der Inbegriff aller menschlichen Vollkommenheit sein, ein Gegenwand des Hasses und Abscheues sein müsse. Da kam aber das zweite antisemitische Blatt, die „Reichspost", und bewies, daß der besagte Artikel des „Deutschen Volksblattes" der Ausfluß eines gestörten Denkvermögens sein müsse und daß der Raffenantisemitismus Wahnsinn sei. Die „Reichspost" ließ eine ganze lange Reihe von, Argumenten aufmarschiren, um dem Leser jeden Zweifel darüber zu benehmen, daß jenes Blatt in der That von krankhaften Vorstellungen geleitet sei, wenn es seine antisemitischen Theorien vertritt, und daß sein Antisemitismljs „blinder Haß gegen Menschenfleisch" sei. Diesen Judenhaß stellte sie als unwürdig „ge-/ bildeter, gesitteter, kultivirter Menschen im 19. Jahrhundert" hin und den antichristlichen Charakter dieser schmachvollen Bewegung brandmarkte sie mit größer Entrüstung. Sie sagte auch die volle' Wahrheit, wenn sie daraus hinwies, daß „die Apostel und größten christlichen Männer semitischer Herkunft" waren, ohne deren grundlegende Acheit-rs/Wne-/chrWche./'KMm .; AbeMie „Reichspost" hat sich nicht begnügt, mit den erwähnten Argumenten das Organ . des/ Raffenantisemitsmus zu widerlegen. Sie. hat noch einen letzten Beweis, und zwar einen ganz eigenartigen aufgetischt.. .Dieser.laM: .„Nur unser christlich er Antisemitismus ist vernünftig!" Wer hat also Recht von den beiden edlen Brüdern? Der „christliche Antisemitismus" ist unstreitig die merkwürdigste Blüthe der ganzen Bewegung. An und für sich ist er im Gründe genommen eine contradictio in adjecto; denn Eines schließt sicher das Andere aus. Wem die Lehren des Evangeliums heilig sind, für den führt keine Brücke zum Antisemitismus, welcher die Negation des Christenthums bedeutet. Der fromme Christ, der sich sagt, daß der Stifter des Christenthums, die Apostel und. viele der größten Männer des Christenthums dem semitischen Volksstamme angehörten, muß die Herabwürdigung des semitischen Volkes geradezu als eine Blasphemie betrachten; er muß und wird das Wort „Antisemitismus". als einen Schlag ins eigene Antlitz empfinden. ' Da sind die Rassentheoretiker denn doch konsequenter. Sie scheuen nicht davor zurück, immer wieder auf die Identität des jüdischen Geistes mit dem christlichen hinzuweisen, sie sagen es offen, daß das Neue Testament nur die Fortsetzung und Ergänzung des Alten Testaments sei, und sie wenden sich deshalb mit rückhaltsloser Empörung gegen die christliche Weltanschauung, hinter der sie überall die jüdische erkennen. - Das Wesen des „christlichen Antisemitismus" soll darin bestehen, „daß er nur nach der Gestnnungsbethätigung, nicht nach dem Stammbaume oder der Blutqualität urtheile". Gilt nun aber blos den Juden gegenüber der gewiß sittliche und gerechte Standpunkt, daß die Gestnnungsbethätigung Alles sei? Gilt das nicht. auch gegenüber den Christen? Was soll aber dann die Bezeichnung /„Christlicher Antisemitismus"? Man könnte, wenn man schon solche widerspruchsvolle, einander sich aufhebende Bezeichnungen zusammenkoppelt, auch von einem „jüdischen Antisemitismus", und einem „christlichen Antichristenthum" sprechen. So absurd es wäre, einen gläubigen, rechtschaffenen Christen, der gegen einen zufällig als /Christen geborenen Mörder sich wendet, einen Antichristen zu nennen, genau so thöricht wäre es, jenen Christen einen Antisemiten zu nennen, der die Gauner verabscheut, die zufällig als Juden geboren wurden.! lieber den „Raffenantisemitismus" ist wenig zu - sagen. Die Verurtheilung deffelben liegt im Worte selbst. In dem obenerwähnten Streit ist unter anderen das folgende - Wort gefallen : ,„Es fehlt nicht an Versuchen, das antisemitische Moment in der antiliberalen Bewegung in den Hintergrund zu drängen und dafür ..derselben durch Beimengung des katholischen Elements 'einen Charakter zu verleihen, der von Jenen, die gewissermaßen bei dem Entstehen der antisemitischen Partei Pathe gestanden haben, ^absolut bekämpft werden muß." . Ein solches Bekenntniß sollte ehrlichen Christen : die Augen TÖffnen über die Ziele der ganzen antisemitischen Bewegung. Gleich-

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