Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-08-13 · Heft 33 (13.8.1897) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 33 (13.8.1897)
Date
1897-08-13
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228236--53925-3267876
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3 „Jud! Jud!" geschimpft, und da hat er mit einem Schneeballen auf einen Kameraden, der mit mir 'gangen ist, g'worfen. Aus Zorn Hab' i den Juden — Dröllinger ist gar kein Jude — den Stein an den Schäd'l g'worfen." Der Richter verurtheilte den Angeklagten zu vierzehn Tagen schwerem Arrest und zum Ersätze der Heilungs- und Operationskosten des Beschädigten in der Höhe von 1500 Gulden. — Gestern hatte sich der Redakteur des „Deutschen Volksblatt" Karl Staubach vor Gericht zu verantworten, das ihn auch wegen entstellender Zeitungsberichte zu 50 fl. Geldstrafe eventuell zu zehn Tagen Gefängniß verurtheilte. — Wenn ich Ihnen noch berichte, daß der antisemitische „Volksfreund" wegen Mangels an Abonnenten eingegangen, und daß abermals der Leiter eines frommen Vereins „zum heiligen Rudolf" mit den Kassengeldern gleich seinem Vorgänger durchgebrannt ist, so wären wir für heute mit der Antisemitenchronik dieser Woche zu Ende. — Fern von Wien, in Aussee, beging gestern der Nestor und Begründer der modernen Ohrenheilkunde, Professor Dr. Josef Gruber, in vollkommener Frische des Geistes und des Körpers seinen siebzigsten Geburtstag im engsten Familienkreise. Aus diesem Anlasse wurden aus den Kreisen der Wiener medizinischen Professoren, Dozenten, Assistenten und sonstigen Aerzte die herzlichsten Glückwunschtelegramme an den allverehrten Gelehrten gerichtet. lieber Anregung des ärztlichen Stabes der ersten Ohrenklinik im Allgemeinen Krankenhause, deren Vorstand der Jubilar seit dem Bestände der erwähnten Klinik ist, wird im Oktober d. I. eine offizielle Feier veranstaltet werden, mit deren Vorbereitung ein großes Komitee betraut ist, dem die hervorragendsten Ohrenärzte angehören. — Die jüngsten Judenexzesse in Chodorow bildeten in der letzten Woche den Gegenstand einer Gerichtsverhandlung in der galizischen Kreisstadt Brzezany. Wiener Blätter bringen ausführliche Berichte über den Prozeß. Einem dieser Blätter entnehmen wir die Nachricht von einem Coup, den die Vertheidiger bei dieser Schlußverhandlung durchführen wollten. Sie beantragten nämlich unter dem Vorwände, es handle sich hier nicht um öffentliche Gewaltthätigkeit, sondern um Raub, daß die Verhandlung nicht vor .einem Richtersenate sondern vor Geschworenen durchgeführt werde. Letztere würden wahrscheinlich in ihrer Voreingenommenheit gegen die Juden die angeklagten Plünderer und Hetzer freigesprochen haben. Der Gerichtshof hat jedoch den schlauen Antrag der Vertheidiger verworfen und sich für kompetent erklärt. Am ersten Verhandlungstage wurden 36 Angeklagte vernommen. Alle leugnen ihre Schuld und behaupten, daß sie von Anderen mitgerissen wurden, höchstens ein bis zwei Fenster einschlugeu und sich nichts zugeeignet haben; sie wären, versichern sie, von den Juden seit Langem provozirt und am kritischen Tage geschlagen worden und hätten daher nur aus Nothwehr gehandelt und zurückgeschlagen!! Schließlich betonten sie, daß die Hauptschuldigen die Flucht ergriffen haben und sich nicht auf der Anklagebank befinden. Am l. d. M. wurde das Urtheil gefällt. Danach wurden 15 Angeklagte freigesprochen, einer zu fünf, sieben zu drei, zehn zu zwei Monaten und zwölf zu sechs Wochen schweren Kerkers, ein Arbeiter zu vierzehn, vier zu drei und Samuel Arbeit zu zwei Tagen Arrests verurtheilt. Anselm Scharr, welchem als Zeugen während der Hauptverhandlung nachgewiesen worden war, daß er in der Untersuchung falsch ausgesagt und dadurch die Anklage gegen 15 Bahnarbeiter verursacht hatte, wurde zu zwei Monaten einfachen Kerkers verurtheilt. Die Vertheidiger der Verurtheilten legten keine Berufung ein. — Aus Pest erfahren wir über die Affäre Schönhauser noch Folgendes: Als Ilona vor zwei Jahren erkrankte und in einer internen Klinik Ausnahme fand, gewann sie die dort als Pflegerinnen thätigen Nonnen sehr lieb und schenkte deren Ausführungen über das ewige Heil willig Gehör. Mit Rücksicht auf ein organisches Herzleiden könne sie ohnedies nicht hoffen, einen Mann zu finden, sie solle also Christin und Nonne werden. Das war der Tenor der Gespräche, welche die Pflegerinnen mit der Kranken führten. Endlich ließ sich das unerfahrene junge Mädchen zu dem Gelübde überreden, es werde sich taufen lassen. In aller Heimlichkeit nahm sie Unterricht in den Lehren der christlichen Religion und erklärte dann eines Tages der ebenso überraschten wie entsetzten Mutter, sie sei Christin geworden und wolle nicht mehr mit der jüdischen Mutter leben. Die schrankenlose Liebe des Mutterherzens fand sich mit diesem Kummer ab; hatte doch Frau Schönhauser schon genug traurige Tage mitgemacht! Sie gab also blutenden Herzens ihre Einwilligung, daß Ilona, welche sich jetzt Marie nannte, in ein Kloster gebracht werde. Das Mädchen kam erst in das Marienkloster, dann nach Raab. Seit dem 16. Februar, an welchem Tage Ilona in einem mit „Schwester Marie" Unterzeichneten Briefe die Mutter von ihrer Uebersiedelung nach Wien verständigte, hat Frau Schönhauser nichts mehr von ihrer undankbaren Tochter gehört. Alle Nachforschungen blieben vergeblich, und die kirchlichen Behörden wollten angeblich nichts Anderes wissen, als daß das Mädchen in ein österreichisches Kloster gebracht worden sei. Frau Schönhauser hat sich nun an die Budapester Stadthauptmannschaft um Hilfe gewendet, welche ihr auch zugesagt wurde. — Am 6. d. Mts. hat der Kaiser die Besichtigung der innundirten Theile Wiens vorgenommen. Er inspizirte das Sperrschiff in Nußdorf und wurde dort von Staatswürdenträgern empfangen. Die Führung hatte Herr Oberbaurath Taussig übernommen, der dem Kaiser die nöthigen Erklärungen gab. Der Kaiser belobte den Oberbaurath in ganz besonderer Weise mit den Worten: „Ich spreche Ihnen meine volle Anerkennung aus für das, was hier geleistet worden ist. Ich bin vollkommen zufrieden." Oberbaurath Taussig ist der Leiter und Chef der Arbeit n bei der Donau - Regulirung, eine der größten Autoritäten auf dem Gebiete der Wafferbautechnik — und ein guter Jude! — Budapest, 6. August. Die „rituelle" Blutbeschuldigung hat sich neulich der Bevölkerung des Ortes Th aß (Com. Szabolcs) bemächtigt. Als von dort das 2^jährige Knäblein Johann Rajlik plötzlich verschwunden war, nahm die Bevölkerung eine drohende Haltung gegen die Juden ein, die sie beschuldigte, das Christenkind abgeschlachtet zu haben. Schließlich stellte es sich heraus, daß das arme Kind non dem 13 Jahre alten christlichen Knaben Andreas Szilügyi aus purer Mordlust getödtet wurde. Der junge Bösewicht, der schon einmal einem Kameraden ein Auge ausgestochen hatte, befindet sich in Hast. — Vor Kurzem erhoben mehrere Bürger die Klage, daß zwei Lehrer einer hauptstädtischen Anstalt dem Antisemitismus huldigen und ihre jüdischen Schüler auf die empörendste Weise insultiren. Die vom Schulstuhl angeordnete Untersuchung bekräftigte diese Anklage. Nichtsdestoweniger wurde außer den beiden Lehrern noch ein Dritter, der sich der armen Schüler annahm, strafweise versetzt.. — Der Steinbrucher Äultusgemeinde wurden von der Hauptstadt 2000 Kronen als Unterstützung bewilligt. — Dem Maler Wilhelm Krauß aus Neutra bewilligte die Akademie der bildenden Künste den Königswarter-Preis. — Von einem jüdischen Lehrer, der zwei Menschenleben rettete, wird aus Erlau berichtet: Der dortige Lehrer Soma Weiß hat am jüngsten Sonntag mit eigener Lebensgefahr zwei Menschen vom sicheren Tode gerettet. Der Juwelier Bela Tarbay, der des Schwimmens unkundig ist, wagte sich ins große Wasser der Schwimmschule. Plötzlich entglitt aber die Schwimmblase, an die er sich geklammert hatte, seinen Händen. In seiner Verzweiflung ergriff er den Arm eines neben ihm schwimmenden 12—14 jährigen Knaben, den er mit sich in die Tiefe zog. Der Lehrer Weiß, der vollständig angekleidet eben aus der Kabine trat, warf sich rasch entschlossen ins Wasser und rettete die Beiden vom sicheren Tode. Der wackere Lebensretter wurde vom Badepublikum für seine Heldenthat mit stürmischen Eljeurufen belohnt. — Große Theilnahme erweckt hier die aus Ischl eingetroffene Meldung, daß daselbst gestern der ehemalige Reichstagsabgeordnete und Advokat Dr. Alexander v. Ullmann, ein Bruder des Direktors der Donau- Dampfschifffahrts-Gesellschast, nach langer Krankheit im 48. Lebensjahre gestorben ist. Der Dahingeschiedene gehörte durch zwei Reichstags- Perioden der Regierungspartei an und erfreute sich allgemeiner Werthschätzung. Frankreich. /X Paris, 6. August. Die Veröffentlichung nachstehenden Briefes, den der berühmte französische Kanzelredner Pater Hyaeinthe Loyson während seines jüngsten Aufenthaltes in Rom an den dortigen Großrabbiner gerichtet hat, wird sicher für Ihre Leser von nicht gewöhnlichem Interesse sein. „An den Großrabbiner in Rom A. M. Angela Fornari. Rom, den 24. April 1697. Herr Großrabbiner! Es ist mir ein Bedürfniß. Ihnen im Namen meiner Frau sowie in dem meinigen für die Aufnahme zu danken, die Sie uns gestern Abend in der Synagoge bereitet haben, dem ältesten Tempel der fünf Synagogen Roms, wohin, trotz der ohnmächtigen Verfolgungen der Kaiser und später unter dem Schutz aufgeklärter Päpste, die Israeliten der ganzen Welt gekommen sind, um Jahrhunderte lang Zuflucht zu finden. Dort hat vielleicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.