Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1897)
- Date
- 1897-08-13
- Page
- Seite 396 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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396 werth erscheint, kann sie -sich zu eigen machen, denn sie ist reich, sehr reich! Selbst den Mann,- der ihr gefällt, wird: sie. sich. mit dÄU Golde-ihres Vaters kaufend — „Die Männer sind doch keine käufliche Maare L" unterbrach Klein heftig die bittere Rede Sophiens. .. . „Gewiß, mein Herr Philosoph! Die meisten wenigstens. Es kommt eben nur auf den Preis an,, der dafür geboten wird," entgegNete sie herb. „Unterschätzen Sie sich nicht," fuhr sie, sich zu einem Lächeln zwingend, fort „Sie steigen im Werthel .Wenn Ihr Werk Erfolg hat; und Professor Wendemann Ihr Protektor wird, so können Sie bald einen hohen, vielleicht den höchsten Preis für sich erzielen." I „Sie trauen mir hoffentlich nicht zu,. daß ich mich, wie Sie belieben zu sagen, kaufen lasse," rief er erregt. . „Ich würde Sie für sehr thöricht, für sehr kindisch Haltenwenn Sie. es nicht thäten, notabene wenn Ihnen das reiche Mädchen nicht mißfällt. Erscheint denn ein begabtes Mädchen weniger reizend, weil es reich ist? Ist es denn einem Manne, der sich am Leben wund gerieben, der die besten und schönsten Jahre vertrauert, weil er den Druck, der Armuth nicht von sich abzuschütteln vermocht, zu verübeln, wenn er endlich sich auch nach dem Sonnenlichte des Glückes sehnt?" - '„Unmöglich können Sie etwas vertheidigen, was Sie selbst zu thun für ehrlos halten würden," fiel Klein erregt ein, „oder wärest Sie fähig, einem Manne als Weib anzugehören, zu dem Sie uicfjf Ihr Herz mit aller Macht hinzieht? Würden denn Sie sich ver? kaufen? Für schnödes Gold einem ungeliebten Manne als Gattin angehören, wollen?" „Die Versuchung ist noch nicht an mich herangetreten." lachte Sophie leise auf, „ich kann daher weder behaupten, daß ich ihr unterlegen bin, noch ihr widerstanden habe. Bis: jetzt hat noch nie ein Mann um meine Hand geworbenich Ijabe auch, wie ich nun einmal bin und die Verhältnisse liegen, es gar nicht zu befürchten, ein abschlägliche Antwort geben zu müssen. Doch, kehren wir zu Eva Bernauer zurück," fuhr sie lebhaft fort, „sie ist entschieden interessanter, M ich es bin. Sehen Sie, könnte ich Eva, wie so viele meiner anderen reichen Schülerinnen, übersehen, tröstete mich auch, bei ihr das Bewußtsein, daß ich doch im Grunde genommen geistig weit höher stehe als die meisten recht unbedeutenden jungen Mädchen, die ich unterrichte, folglich viel eher als diese verdiente/ dom Schicksal begünstigt zu sein, anstatt immer als eine Hungrige von der reich besetzten Tafel Gottes Weggehen zu müssen, — der Neid gegen sie würde nicht so intensiv sein. Mein Selbstbewußtsein, ich besitze eine tüchtige Portion von dieser wohlthätigen. Arznei, würde mich über all die kleinlichen Empfindungen, die sie in mir erweckt, fortführen. Daß sie mir aber mindestens geistig auch ebenbürtig ist. daß sie Talente, größere Talente als ich, besitzt, ja. daß ich nicht einmal das Recht habe, ihre Charaktereigenschaften zu bemängeln, mich wenigstens in dieser Beziehung über sie zustellen vermag, das kränkt mich und läßt mich nicht dazu gelangen, ihr ganz und voll Gerechtigkeit widerfahren zu lassen." Die bald humoristisch, bald tief ernst klingenden Worte Sophiens' übten einen wunderbaren Einfluß auf den aufmerksamen Hörer aus/ „Fräulein Bernauer könnte sich aber, trotz Ihres sogenanntes Grolles, keinen wärmeren Anwalt, keine bessere Freundin wünschen, als Sie es ihr sind, Fräulein Sophie," sagte er, während er ferne'' Augen zärtlich Über die Gestalt des Mädchens, über die ernsten, jetzt wieder ruhiger erscheinenden Züge Sophiens streifen liefe* „Doch noch eine Frage gestatten Sie mir. Weiß Fräulein Bernauer/ daß Sie mit ihr verwandt sind?" . Sophie schaute den Frager', mit. einem eigenthümlichen Blicke an.. Es lag Spott und. ein gewisses. Mitleid darin. „Sie großes Kind, ,Sie! Wenn Bernauers eine Ahnung davon hätten, daß ich mit ihnen verwandt bin, würde ich schwerlich dort Lehrerin sein.' Arme Verwandte sind unbequem und man meidet sie so viel als möglich." „Das also trauen Sie der jungen Dame zu, und dabei nennen Sie dieselbe edel und gut?" Sophie zuckte die Achsel. „Sie haben bisher bei Weitem weniger Gelegenheit gehabt, das Leben und die Menschen kennen zu lernen, als ich. Man wird immer toleranter in Bezug aus sie. Aber eine Beobachtung, die auch Sie noch machen werden, hat mich oft stutzig gemacht. Fast alle Glücklichen haben einen grausamen Zug in ihrem Charakter. Dieser läßt es nicht zu, sich in das Elend Anderer zu vertiefen; er hindert sie daran, echtes Erbarmen zu fühlen, besonders jenes Erbarmen, das nicht der grimmen Noth, sondern dem Herzeleid gilt. Es ist der Egoismus des Glückes, vielleicht die Waffe gegen jedes irdische Leid! Es ist spät geworden," setzte sie, sich von ihrem Platze erhebend, hinzu. „Sie wissen, wir Proletarier sind gezwungen, früh zu Bette zu gehen, früh wieder aufzustehen. Daß wir uns freuen, wenn es Ihnen nach Wunsch geht, ja, daß wir selbst die Konsequenzen, welche nach meiner soeben ausgesprochenen Ansicht aus einer günstigen Wandlung Ihres Geschickes für uns daraus entstehen, im Hinblick auf Ihr Glück ruhig ertragen wollen, bedarf keiner Versicherung. Also, gute Nacht, Herr Doktor. Nicht wahr, auf Ihre Diskretion in Betreff jener ziemlich weitläufigen Verwandtschaft dürfen wir rechnen." . „Selbstverständlich, da es Ihr Wunsch ist, und Ihre Gründe auch mir einleuchtend sind. Leider!" setzte er tief aufathmend hinzu. Als die beiden Damen allein waren, legte Frau Milde ihren Arm liebreich um Sophiens Schulter. Zärtlichkeiten zwischen Mutter und Tochter gehörten trotz ihrer innigen Liebe zu einander zu den Seltenheiten. Sophie lehnte einen Augenblick ihren heißen Kopf an die Brust der Mutter. „Sophie, sollte es möglich sein? Würde Dich der Verlust dieses Mannes bis in die Seele verwunden? Liebst Du ihn denn?" Ein leises, mühsam unterdrücktes Schluchzen, das sich aus der Brust des Mädchens rang, mußte als Antwort dienen. Aber nur wenige Sekunden überließ sich Sophie ihrem so schmerzlichen Empfinden. Mit einer raschen Bewegung wand sie sich aus den. sie sanft umschlingenden Armen. „Mache mich, nicht weich," bat sie leise, „ich bleibe Dein starkes Mädchen. Jeder Schmerz läßt sich in dem Gedanken ertragen, daß er wie alles, alles ein Ende hat." Sie drückte einen Kuß auf den Mund der Mutter, die mit einem tieftraurigen Blicke der im Wohnzimmer Verschwindenden nachsah. . (Forts, folgt.) , Fitterarische MittheUungen. — Das Juliheft der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums (Berlin, Verlag von S. Calvary & Komp.) hat folgenden Inhalt: Leop. Tr eitel. Die Septuaginta zu Hosea. — G. H. Dalman, Die Handschrift zum Jonathantargum des Pentateuch, Add. 27 031 des Britischen Museum. — Samuel Poznanski, Ein Wort über das — David Kaufmann, Zur Biographie Maimünis. — A. Epstein, Glossen zu Groß' Gallia Judaica. Notiz, von Rabbiner Dr. A. Ehrlich. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.