Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-08-13 · Heft 33 (13.8.1897) · p. Seite 395

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 33 (13.8.1897)
Date
1897-08-13
Page
Seite 395 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228236--53921-3267872
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Wir sind sogar entfernt mit ihr verwandt." fiel Frau Milde ein. ..Das wundert Sie, weil wir Christen, Bernauers Juden sind, Ich werde Ihnen in aller Geschwindigkeit das scheinbare Näthsel lösen. Obwohl als Christen geboren, stammen wir in direkter Linie von Juden ab. Meine Großeltern waren orthodoxe Juden; mein Vater sollte jüdische Theologie studiren, Rabbiner werden. Meine Mutter, ebenfalls Jüdin, war seine erste und einzige Liebe, und sie erwiederte dieses Gefühl. Sie war Waise und lebte bei Verwandten, — den: Vater Ihres Herrn Bernauer senior. Da er mit dem winzigen Vermögen meiner Mutter ganz zufrieden war, so wurde dem jungen Paare kein Hinderniß in den Weg gelegt. — Mein Vater studirte eifrig. Den Pentateuch, — den Talmud, alte Werke jüdischer Gelehrten suchte er zu ergründen, er lernte und lernte, allein während des Lernens und Forschens in den alten hebräischen Büchern, während er die Propheten mit Feuereifer studirte und über ihre Weissagungen nachgrübelte, kam er zu ganz anderen Resultaten als den von seinen Eltern angestrebten. Aus dem frommen, strenggläubigen Juden wurde zuerst ein Zweifler, daun in den Augen seiner Angehörigen ein Abtrünniger. Mein Vater ließ sich aus Ueberzeugung taufen. Die messiauische Idee, welche sich wie ein rother Faden durch das alte Testament zieht, hatte ihn, ob mit Recht oder Unrecht, kann ich nicht beurtheileu, dahin geführt, Christus als den verkündeten Messias zu betrachten, seine Lehre als eine Lehre des Heils anzunehmen. Von den traurigen Folgen dieses Schrittes will ich schweigen. Mit dem Fluche seiner Eltern beladen, verließ er die Heimath, um christliche Theologie ztl studiren. Als er vor seiner Braut stand, um nun auch von ihr und dem höchsten Lebeusglücke zu scheiden, da hat sie, jener Ruth ähnlich, die uns Frauen als Vorbild dienen soll, mit heißen Thränen an seinem Halse hängend, gesagt: „Dein-Gott ist auch mein Gott. Wo Du bist, ist meine Heimath. Wo Du einst begraben wirst, will auch ich ruhen." Sie übergab ihr kleines Vermögen meinem Vater, der sich damit sein Leben fristen sollte, bis er eine neue Existenz gegründet hatte. Da auch sie zum Christenthum überging, war ihres Bleibens in der Vaterstadt, bei jenen Verwandten, unmöglich geworden. Sie nahm, da sie sich ein bedeutendes Wissen angeeiguet, eine Stellung als-Erzieherin an, die sie behauptete, bis mein Vater sein Examen als Kandidat der Theologie gemacht. Nur bis dahin hat er es gebracht, denn neue, schwere Skrupel zogen durch seine Seele. Was er selbst nicht mehr ganz und voll zu glauben vermochte, durfte er nicht verkünden. Jahre, lange, bittere Jahre waren vergangen, ehe sich das Paar angehören konnte. Endlich hatte mein Vater einen für seine Individualität passenden Beruf gefunden, und seine Braut wurde sein Weib. Uns drei Kindern, welche der überaus glücklichen Ehe entsprossen sind, lehrten die Eltern Achtung vor jeder Religion, Liebe für alle Menschen. Auch mein verstorbener Gatte dachte wie ich und Sophie." Doktor Klein heftete einen warmen Blick auf die edleFrau, welche durch ihre Thaten, durch ein pflichtvolles Leben den Beweis lieferte, daß sie ebenso handelte, wie sie sprach. „Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen," sagte er innig. . „O, wenn alle Menschen dächten wie Sie, dann wäre es besser um die Welt bestellt. — Liebe zu Gott, Liebe zur Menschheit, gegenseitiges Vertrauen, den Frieden zu erhalten nach innen und außen, das ist die echte, wahre Religion. Wie viel weniger Elend würde es auf unserem Sterne geben, wenn sie gepredigt und befolgt würden. Doch Fräulein Sophie schweigt. Haben Sie doch andere Anschauungen als Ihre Mutter? „Gewissermaßen ja," klang es ziemlich"kühl von den Lippen des Mädchens. „Erstens bin ich nicht so gut wie Mama und auch nicht so naiv in der Beurtheiluug der menschlichen Natur. Wenn ich auch keine Spur von Raffen- oder Religionshaß kenne, — wie wäre dies bei meiner Erziehung möglich, — so sehe ich doch ein, daß es nationale Eigenschaften, Tugenden, wie nationale Fehler, ja Laster giebt. Das Eine zieht uns an, das Andere stößt uns ab, und wenn sich auch Nationen und Religionen eng verschmelzen, jedes neue Geschlecht wird von Neuem die angeborenen Unterschiede zeigen und zur Geltung bringen wollen. Eine vollständige Amalgamirung wird es niemals geben, und daraus resultirt naturgemäß eine Absonderung der Völker wie Religionen, die eben durch die in den Menschen schlummernden bösen Keime zum Haffe führen. Fühlen sich die Einzelnen zu einander hingezogen, dann stört diese Thatsache die Harmonie nicht. Erst heute haben Sie selbst mir den Beweis für die Wahrheit meiner Behauptung gegeben. Der Name Bernauer, den Sie uns damals nicht genannt, war Ihnen durch den einen Vertreter des Namens verhaßt. Die Erinnerung an ihn verursachte Ihnen Pein; die Bekanntschaft mit Eva und Louis Bernauer hat in so kurzer Zeit eine Wandlung in Ihnen hervorgebracht. Aehnlich geht es mit allen Vorurtheilen, die wir, von Einzelnen ausgehend, auf die Allgemeinheit übertragen, seien es nun günstige oder ungünstige Vorurtheile. Eva Bernauer hat Ihnen sehr gut gefallen, nicht wahr?" Klein warf einen fragenden Blick auf das Mädchen, deffen Stimme bei der letzten, rasch hervorgestoßenen Frage einen harten Klang angenommen hatte. „Wenn ihre inneren Eigenschaften ihrem sehr angenehmen Aeußeren entsprechen, dann kann wohl nur von einem Gefallen die Rede sein," entgegnete er offen. „Ich werde wohl aber keine Gelegenheit finden, mir ein Urtheil über die junge Dame zu bilden, da ich ihr nie näher treten werde. Sind Sie, mein Fräulein, mit ihr bekannt?" „Sie ist meine Schülerin, sogar meine begabteste," erwiederte Sophie kurz. „O, wenn Sie auf Eva Bernauer einen günstigen Eindruck gemacht haben, dann, zweifeln Sie nicht, wird es Ihnen nicht an der Gelegenheit fehlen, sie in ihrer ganzen Schönheit und Liebenswürdigkeit kennen zu lernen. Sie hat einen starken Willen; sie erreicht stets, was sie anstrebt." „Lieben Sie die junge Dame, Fräulein Sophie?" Der Ton, in dem Klein die Frage gestellt, rief ein Helles Roth auf die Waugen des Mädchens. Die großen, heute fieberhaft glänzenden Augen senkten sich vor den forschend auf ihr ruhenden Augen des jungen Mannes. „Nein, ich liebe sie nicht, obwohl sie der Liebe werth ist. Eva Bernauer ist das einzige Wesen aus der Welt, das ich beneide, und das häßliche Gefühl erstickt jedes bessere." „Aber Sophie!" Frau Milde rief es vorwurfsvoll, warnend, doch das Mädchen zuckte nur leicht die Achseln; ohne sich an den Ausruf der Mutter zu kehren, fuhr es finster fort: „Meine beste Eigenschaft ist die, daß ich mich nie bester mache, als ich bin. Selbst wenn ich in Ihren Augen dadurch verliere, Herr Doktor, muß ich eingestehen, daß mir mein Geschick niemals erbärmlicher, widerwärtiger erscheint, als wenn ich an Eva Bernauers Seite sitze und dabei gezwungen werde, Vergleiche zwischen ihrem und meinem Schicksal anzustellen. Sie besitzt alles, was mir fehlt und was das Leben schmückt. Dazu gesellt sich bei ihr, wie schon erwähnt, eine fast männliche Energie, welche ihr dazu verhilft, auch diejenigen Güter zu erringen, die außerhalb ihrer glücklichen finanziellen Position liegen. Alles, was ihr wünschens-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.