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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-08-13 · Heft 33 (13.8.1897) · p. Seite 394

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 33 (13.8.1897)
Date
1897-08-13
Page
Seite 394 (sequence 10)
Language
German
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394 „Verheirathet!" kreischte Flatterentchen verzückt, aber dann stieg eine neue Angst in ihr auf. „Mit einem Christen?" „Ich, einen Christen! So eine Idee!" Flatterentchen fiel schluchzend auf die Pelzjacke der feinen Dame. „Du bist also wirklich nicht mit Lefkowitsch durchgegangen?" „Was? Ich werde den Mann einer Anderen nehmen? Nun, auf mein Wort —" „Oh," schluchzte Flatterentchen, „oh. wenn Dein Vater das nur erlebt hätte!" Rahels Neue war herzzerreißend.- „Ist denn der Vater todt?" murmelte sie mit blassen Lippen. Nach einer Weile zog sie ihre Mutter aus dem Babel heraus, gab ihr die Tasche zu tragen, um den äußereil Schein zu wahreil, und ging langsam nach Liverpoolstreet, wo sie mit ihr den Zug bestieg, um zil ihrem hübschen, kleinen Halls in der Nähe von Epping Forest zu fahren. Rahels Geschichte war gerade so einfach wie die ihrer Mlltter. Nachdem Emanuels Falschheit ans Tageslicht gekommen war, hatte ihr Heim ilicht den geringsten Reiz mehr für sie. Ihre erwachende Liebe zu dem flatterhaften (Satten verwandelte sich in Abscheu, der das Ghetto umfaßte, in bem solche Dinge möglich waren. Da sie Flatterentchens Thorheiteil satt hatte, und der Vater ihr gleichgiltig war, plailte sie schon lange, sich ihrer Freundin in dem Pelzwaarengeschäft in Regent - Street anzuschließen; aber die Ohrfeige beschleunigte die Sache. Sie fühlte, daß sie auch nicht eine Nacht mehr unter dem Dach ihrer Mutter bleiben könne, und die plumpen Entschuldigungen ihres Vaters waren nur Salz auf ihre Wunde. Ihr Herz war gegen Beide verhärtet; Monate verstrichen, ehe ihre leidenschaftliche, trotzige Natur sie auch nur bei dem Gedanken an die Unruhe der Eltern verweilen ließ, und selbst da halte sie das Gefühl, daß die Ursache ihrer Flllcht so offenkundig wäre, daß sie keine Angst, blos Reue empfinden würden. Sie wüßten, daß sie sich immer ihr Brod verdienen könne, gerade so wie sie wußte, daß sie immer ihres verdienen könnten. Da sie sehr zurückgezogen lebte und nur selten allsging — auch dann nur in den eleganten Bezirken — so traf sie Niemanden aus dem Ghetto, und das thätige Leben des großen Geschäftes verwischte bald das frühere, das bald zu einem vergesseneil Traum verblich. Eines Tages sah sie der erste Provinzreisende des Hauses, verliebte sich in sie, heirathete sie und nahm sie ein halbes Jahr auf die Reise mit. An diesem Abend sollte er zurückkommen, um das Neujahrsfest mit ihr zü verleben. Sie war dieser Tage ins Ghetto gegangen, um Nelijahrshonig einzukanfen, und durch die Zeit, durch das Glück milder gestimmt, hoffte sie, auf dem Marktplatz auf ihre Mutter zu stoßen; das würde ihr die Unterwerfung eines Besuches ersparen. An Sterbeil und Armuth hatte sie nie gedacht. Den Tod ihres Vaters wollte sie sich nicht zum Vorwurf nlachen — er war immer schwindsüchtig gewesen —, aber da er gestorben war, war es ein Glück, daß sie ihrer Mutter ein Heim bieten konllte. Ihr Gatte würde froh sein, daß seine Frau während seiner Abwesenheit Gesellschaft hätte. „Du siehst also, Mutter, alles ist zum Guten." Flatterentchen hörte in köstlicher Betäubung zu. Was? Sollte also wirklich alles ilvch ein gutes Ende nehmen? Sollte ihr, der schäbigen, alten Hungerleiderin, noch Behagen und schöne Kleider beschieden sein? Ihr Kopf schien bei dem Gedanken an so viel Glück zu bersten; während der Zug an grünem Gras und herbstlich gefärbtem Laub vorübcrflog, bemühte sie sich, ein Dankgebet zu sprechen, aber sie murmelte nur „Modeani" und verstummte. Dann erinnerte sie sich plötzlich, daß sie ein Gebet begonnen habe, und murmelte wieder „Modeani". Als sie zu dem großartigen Hause mit dem Vorgarten gelangten und von einem überraschten Dienstmädchen eingelassen wurden, das unendlich schmucker war als alle, über die Flatterentchen je geboten, war das arme Geschöpf vor übermäßiger Seligkeit gelähmt. In dem eleganten Wohnzimmer brannte ein lustiges Feuer; konnte dieser friedliche, prächtige Hafen, konnten diese Lehnstühle, diese Vasen, diese Kredenz wirklich für sie sein? Sollte sie die Neujahrsuacht in Liebe und Ueberfluß verleben, statt in dem Winkel einer kalten Dachstube zu kauern? Und kaum hatte Rahel ihre Mutter in einem wunderbaren Lehnstuhl untergebracht, so riß sie mit allem Eifer mütterlichen Stolzes, mit allem Enthusiasmus der Reue die in ihr Schlafzimmer führende Flügelthür auf, um Flatterentchen die höchste Ueberraschung zu zeigen — den geheimen Leckerbiffen, den sie bis zuletzt aufgespart hatte. „Mutter, ein schöner Junge!" rief sie. Aber als Flatterentchen das aus den schneeigen Behängen der Wiege hervorguckende rothe Gesichtchen erblickte, schien ein Entzücken, das beinahe zu groß war, um ertragen werden zu können, etwas in ihrem thörichten, überanstrengten Gehirn zu zerreißen. „Ich habe schon ein Enkelkind!" kreischte sie. vor Wonne laut aufschluchzend; sie lief zu der Wiege hin, fiel daneben auf die Kniee und bedeckte das kleine rothe Gesichtchen mit rasenden Küssen und wiederholte so lange „Ludwig, mein Herz! Ludwig, mein Herz! Ludwig, mein Herz!" bis das Kind schrie und Rahel die Stammelnde fortreißen mußte. * Ihr könnt sie fast jeden Tag auf dem Marktplatze des Ghetto sehen — ein mageres, altes Weib mit einem scharf gezeichneten Gesicht und einem falschen Chiguon. Sie trägt ein reiches Seidenkleid, ihre goldenen Ohrringe sind mit farbigen Steinen besetzt, und ihr Hut gehört der letzten Mode an. Sie wohnt in der Nähe von Epping Forest und geht fast immer zur Theestunde nach Hause. Manchmal bleibt sie an der Stelle, wo die zwei Marktstraßen sich treffen, stehen unb streckt eine behandschuhte Haud ins Leere; aber zumeist wandert sie mit ängstlicher Miene in den Nebenstraßen und Gäßchen Whitechapels umher, starrt jeder ihr begegnenden Frau ' ins Gesicht und geht jedem jungen Paare nach. „Wenn ich sie nur finden könnte!" denkt sie sehnsüchtig. Niemand weiß, wen sie sucht, aber Alle wissen, daß es blos „Flatterentchen" ist. Meder Glück noch Stern. Novelle von O. Bach. VII. ie beiden Damen Milde lauschten all! Abend dieses für Dr. Klein so bedeutungsvollen Tages gespannt dem Berichte, den er ihnen treulich abstattete. Daß Sophie bleicher wie sonst erschien, sich auch viel reservirter zeigte wie in der letzten Zeit, entging. ihm in seiner halb frohen, halb bitteren Stimmung; erst als sie in einem fast rauhen Tone fragte: „Sie haben also Eva Bernauer kennen gelernt und werden ihr wohl infolge der Verhältnisse näher treten?" blickte er überrascht in das Antlitz des jullgen Mädchens, welches einen ganz fremden Ausdruck angenominen hatte. „Sie kennen Fräulein Bernauer?" fragte er hastig. „Die Familie ist Ihnen nicht fremd?"

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