Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1897)
- Date
- 1897-08-13
- Page
- Seite 392 (sequence 8)
- Language
- German
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392 alterlichen Geistes ded Gesetze gelangen werde. Aus diesem Grunde ist der amerikanische Patriotismus etwas, woran Niemand zu rütteln wagt. Ja, fast ist .es umgekehrt. Die Loyalitätsduselei. welche Personen nicht. zu ihrem Gegenstände machen kann, erwählt sich hier die Nationalflagge zu ihrem Objekt, und von Sternen und Streifen und „Roth, Weiß und Blau" wird bei jeder Gelegenheit so lange gefackelt, daß einem grün und gelb vor den Augen wird. Man glaube darum.ja nichts daßin gesellschaftlicher Beziehung die Verhältnisse so rosig seien. Der Jude steht gesellschaftlich ziemlich isolirt da^ und erst neulich wurde wieder gemeldet, daß ein athletischer Klub in Cincinnati ein Grundstück unter der Bedingung erhalten habe, keinen Juden als Mitglied aufzunehmen. Auch politisch macht sich dieses Gefühl geltend. Ich: lese eben in der Tagespreffe, daß ein Kongreßabgeordneter die Weigerung der Bundesregierung, den.. Kubanern die Rechte einer kriegführenden Macht zuzuerkennen, aus dem Einflüsse des allmächtigen Rothschild erklärt, der angeblich werthvolle Privilegien von der spanischen Regierung erhalten hat, , die er bei dem Regierungswechsel verlieren würde. Auf der demokratischen Wählerversammlung des Staates Ohio sagte der Obmann, das Volk dürfe seine Souveränetät nicht, an eine Handvoll Bankjuden .(a lot of Jewbankers) abtreten. Diese Thatsachen genügen, um zu beweisen, daß wir hier noch weit vom Millennium entfernt sind. Wir fönnen ferner nicht leugnen, und es trat bei der Verhandlung. über ein neues Einwanderungsgesetz. ganz deutlich zu Tage, daß .man die Einwanderung polnischer und russischer Juden auch hier nicht mag, wie man überhaupt Einwanderern die Erwerbsfreiheit zu beschneiden versucht und neulich den zum großen Theil italienischen Stiefelputzern in New - Jork die Licenz entzogen hat, insoweit sie nicht Bürger sind. Kurz, wir sind auf dem schönsten Wege zu jenem Prinzip der staatlichen Allgewalt, welche den patriarchalischen Absolutismus des 18. Jahrhunderts charakterisirt, welche den Besitzenden stärkt und den Besitzlosen zu stumpfer Ergebenheit zwingt. Die russischen Juden, in ihrer großen Mehrzahl schlecht bezahlte Arbeiter, fühlen das, am meisten fühlt das die zahlreiche Intelligenz unter ihnen, Leute, die glänzende hebräische Schriftsteller sind, Belesenheit und kritischen Geist besitzen, Leute, die sich sagen, daß amerikanische Gewerbefreiheit und Freizügigkeit ihre materielle Lage ebenso wenig verbessert haben, als Glaubensfreiheit ihre soziale Stellung gehoben , hat. Die Masse der verkannten Genies steht .immer auf Seiten der Unterdrückten und fördert alles, was Denen, die im Besitzender Macht sind, entgegenarbeitet. Aus dieser Klaffe ist Marat, der böse Geist der französischen Revolution, hervorgegangen. Die äußeren wie die inneren Verhältnisse des amerikanischen Judenthums sind demnach für die Ausbreitung des Zionismus nicht so ungünstig, als es dem oberflächlichen Beobachter scheinen möchte, trotzdem wird noch keine ernsthafte und gewichtige, Stimme, sich finden, um dem Zionismus das Wort zu reden. , (Schluß folgt.) Gssek — Kitnali. Ein Brunnenstreit. Von Rabbiner Dr. I. Kohn in Jnowrazlaw. III. faß der Untergang des Polnischen Reiches die Juden mit Schmerz und Wehmuth erfüllte, daß sie die Theilung und Zerstückelung des gastlichen, ihnen werth und theuer gewordenen Landes als ein zwiefach schweres Unglück, das sie als Polen und Juden traf, betrachteten, daß sie sich durch den Wechsel nicht gar beglückt, fühlten, wer muß das nicht, ebenso natürlich wie begreiflich finden! Wo fanden die Juden im Mittelalter ein Asyl, eine Zufluchtsstätte, wenn sie. Deutschland, ob der dortigen beispiellosen Verfolgung und' Bedrückung, verlassen und .fliehen mußten? In Polen. Wer hat in den Schreckenstagen des „schwarzen Todes" den unglücklichen und grausam verfolgten Juden gastlich die Thore geöffnet und ihnen in liebevollster und humanster Weise Gastfreundschaft und Ruhe gewährt? Casimir der Große in Polen (1333-1370). . Wie Casimir der Große und Casimir IV., so behandelten auch alle anderen polnischen Könige, Sigismund I. und III., Stephan Bathory (1576—1586) u. s. w., die Juden als Menschen, als ebenbürtige Menschen, die man lieben und schätzen und vor Kränkung und Demüthigung bewahren müsse. Wie heiß und glühend die Juden ihr polnisches Vaterland dafür liebten, das beweist die Opferwilligkeit, die sie während des letzten Versuches Kosciuskos, Polen zu retten, an den Tag legten?'Die „jüdischen Freischaaren" opferten ihr Leben auf dem Altar des Vaterlandes, sie starben auf dem Schlachtfelde den Heldentod und besiegelten so ihre unauslöschliche Dankbarkeit wie ihre unwandelbare Liebe dem untergehenden Polen gegenüber mit ihrem Herzblute. Was Wunder, daß die Juden, so treu und ergeben sie auch der neuen. Obrigkeit gewesen, doch mit Wehmuth der vergangenen Tage gedachten, wo sie als Menschen betrachtet und nicht in „ordentliche und außerordentliche Schutzjuden" getheilt und, wenn sie heirathen wollten, nicht erst zum Ankauf von Porzellan aus der königlichen Fabrik gezwungen wurden. Dem Hochlöblichen Magistrat in Jnowrazlaw genügt aber, diese Treue im Herzen nicht, er will, daß die Juden diese Treue ren bekennen, offen zur Schau tragen und selbst die Brunnen schwarz und weiß, in den Landesfarben, anstreichen. Der Magistrat hat sich in diesen an Recht und Freiheit gewöhnten Leuten aber gar arg geirrt; sie machten ihr Recht geltend und vertheidigten energisch und beharrlich ihren Standpunkt: „Gleiche Pflichten bedingen gleiche Rechte". „Wenn wir zur gemeinsamen Kasse," sagten sie, „unsere Steuern bezahlen, dann müsset Ihr aus dieser gemeinsamen Kasse auch die Brunnen repariren und, wenn es notwendig, dieselben auch schwarz und weiß anstreichen lassen. . ." Und als alle Vorstellungen auf dem Verwaltungswege nichts.nützten, wandten sie sich an den Richter, und nach 30 Jahren des Kämpfens und Ringens gewannen sie, wie jeder vernünftige Mensch dies voraussehen konnte, den Prozeß, trotz aller Appellationen und Rekriminationen. Der Magistrat zu Jnowrazlaw hatte aber wieder einmal die Erfahrung gemacht, wie wahr das alte Sprichwort ist: „Wer einem Anderen einen — Brünnen gräbt, fällt selbst hinein!" Folgende Aktenstücke mögen das Gesagte des Näheren beleuchten. 11. Jnowrazlaw, den 30. April 1805. Geruhen Eure Königliche Majestät allerhuldreichst, sich Folgendes tiefst unterwürfigst vorstellen zu lassen. ' _ Schon unter 14ten May 1798 wurde uns eine Abschrift der Resolution Ew. Königlichen Majestät an den Kriegs und Steuer-Rath Plaechin in Betreff der hier befindlichen 4 Brunnen eorninunieirt worden, worin es heißt: „Da die Brunnen nicht bloß 'denen Juden zum Nutzen sind, sondern der ganzen Stadt, so scheint uns Lupplieanteu Antrag, daß die Kosten von der ganzen Bürgerschaft oder der Cämmerei getragen werden müssen, nicht unbillig zu sein." . Jetzt nun, als den 18t. und 26t. d. M., hat ber Magistrat uns bei Strafe aufgegeben, laut beykommender Abschrift der Verfügung, die gedachten Brunnen aus unsere Mittel in Stand setzen zu lassen, ohne uns hierüber vernehmen zu lassen, und ohne darüber einen Beweis zu haben, daß die Synagoge die Brunnen erbaut haben, welches unserer