Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1897)
- Date
- 1897-08-13
- Page
- Seite 391 (sequence 7)
- Language
- German
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391 Israel Tarte, von dem ein witziger Tischredner beim Banket sagte, er sei trotz seines — bei den französischen Kanadiern üblichen — alttestamentlichen Namens kein Israelit nnd als Berufspolitiker . auch nicht ohne Falsch. Während der Minister Tarte die Centralregierung und ein Dr. Guerin die Regierung von Quebek repräsentirte, erschien der Mayor Smith als Repräsentant der Stadt und Herr B. A. Boas, ein geborener Deutscher, als Repräsentant der Gemeinde Emanuel. In allen Ansprachen kam, was man in Amerika nicht gewohnt ist, viel Loyalität zu Tage, und fast schien cs, als wollte man den Amerikanern den Eindruck mitgeben, daß Kanada nicht im Entferntesten daran denke, sich den Vereinigten Staaten anzuschließen und daß es, wie ein Redner betonte, im Besitze des kieeäom die liberty der Amerikaner nicht beneide. Ebenso auffallend war es, daß man im Gegensätze zu amerikanischen Verhältnissen neben den Würdenträgern auch deren Frauen gedachte, z. B. bei einem Trinkspruche auf den Gouverneur General Lord Aberdeen auch der Lady Aberdeen, während für den Amerikaner die Frau des Präsidenten oder eines anderen Würdenträgers immer Privatperson bleibt. Auch sonst waren die Begrüßungsansprachen lehrreich. Sie schmecken bei allem guten Willen doch nach jener Liebeswerbung des Philisterkönigs (Gen. 26, 29), der Isaak ermahnt, ■ sich dafür zu bedanken, daß er nicht todtgeschlagen wurde und dieser negativen Wohlthat es zu verdanken habe, daß er jetzt der Gesegnete des Herrn sei. Der Lieutenant Gouverneur betonte, daß Kanada schon 1831 den Juden politische Rechte verliehen habe, während das englische Mutterland erst 1858 damit gefolgt sei. Minister Tarte, gleich dem Gouverneur französischer Abstammung, betonte, daß Frankreich schon 1791 mit diesem Beispiel vorangegangen sei. Dr. Guerin, ein geborener Irländer, nahm wieder für di; Irländer eine Parallele mit den Juden in Anspruch, weil der Jude gleich dem Irländer überall anzutreffen sei, linb versprach sich von dem Anwachsen der jüdischen Bevölkerung viel Gutes für die Kolonien, weil der Jude so gern dahin gehe, wo Prosperität herrsche. Der Bürgermeister erzählte uns wieder, daß in Montreal alle Nationalitäten, Engländer. Franzosen, Irländer, Deutsche und Juden, einträchtig zusammenwohnen. Die Herren wissen eben nicht, daß wir keine Nationalität sein wollen, und daß wir es als einen Vorwurf betrachten, wenn man uns sagt, daß wir nur prosperirende Länder aufsuchen. Ich muß mirbei dieser Gelegenheit eine kleine Abschweifung gestatten. Gleich dem ehrenwerthen Joseph Israel Tarte sind Viele der Meinung, daß Frankreich das Verdienst habe, die Frage der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden der endgültigen Lösung zugeführt zu haben. Und doch ist diese Annahme ein Geschichtsirrthum. Ganz abgesehen davon, daß selbst Leroy - Beaulieu in seinem kürzlich erschienenen Vortrage „L’Antisemitisme" die Ertheilung bürgerlicher Rechte an die Juden von Algier einen schweren politischen Fehler nennt, daß der Prozeß Dreyfus, wenn nicht aus antiseinitischen Gründen gemacht, so doch zu antisemitischen Zwecken ausgebeutet wurde, ganz abgesehen davon, daß Napoleon I. Ausnahmegesetze gegen jüdische Gläubiger erlassen, daß die Emanzipation der Juden ebenso leeres Phrasengedresche war wie die ganze jakobinische Freiheit, welche selbst diejenigen Menschenrechte mit Füßen trat, die der monarchische Despotismus geschont hatte, ganz abgesehen von alledem war die Jndenemanzipation, was bisher allen Historikern entgangen zu sein scheint, eine Jntrigue, darauf berechnet, die revolutionäre Partei unpopulär zu machen. Graf Mirabeau, der von Ludwig XVI. bezahlt wurde, um im Geheimen gegen die radikale Partei zu agiliren, sagt in seinen geheimen Berichten/) daß 9 Correspondence entre.le comte de Mirabeau et le comte de la Marek publie par M. A. de Bacurt II. 374 377. man durch Aufrollen der Judenfrage sowie durch Maßregeln gegen, dieeidverweigernden Priester den Jakobinerklub unpopulär und den König populär machen müsse. Das Frankreich von 1791 steht weit hinter dem England vor 1858 zurück, das alle seine.Maßregeln zur Hebung der jüdischen Bevölkerung ernst, nahm und ernst durchführte. Nach Kanada und zur Eröffnungsfeier der Rabbinerversammlung zurückkehrend, will ich bemerken, daß es dem Takte des. Vizepräsidenten, Rabbiners I. L. Leucht aus . New - Orleans, gelang, die schwierige Klippe der Repräsentation. republikanischer Gesinnung in dem Kreise offizieller Vertreter eines monarchischen. Landes zu umschiffen. Er sagte: Ich habe soviel von Dominion. .(Herrschaft) und Provinz gehört, daß ich die Herrschaft über mich selber ver? liere und nicht mehr weiß, was meine Provinz ist; unter allen Titeln jedoch halte ich den eines Gentleman für den vornehmsten, und darum spreche ich Sie als Gentleman an. Der Witz ist immer das sicherste Mittel, über eine schwierige Situation hinwegzukommen, und so konnte die Versammlung in freundlichster Stimmung an ihre Arbeiten gehen, welche in dem Entgegennehmen der Botschaft des Präsidenten bestand. Die Botschaft des Präsidenten ist ■ in allen amerikanischen Körperschaften ein integrirender Bestandtheil des Geschäftsganges, dadurch erklärbar, daß der Präsident nur Exekutiv - Organ seiner Konstituenten und nicht deren Leiter ist, er kann daher nur Rathschläge ertheilen, aber nicht die Initiative ergreifen. Die Botschaft des Präsidenten Dr. Jsaac M. Wise aus Cincinnati enthielt neben der Konstatirung des Wachsthums der Konferenz vornehmlich drei Punkte: hie Errichtung eurer litterarischen Abtheilung, Stellungnahme gegen den Zionismus und die Wahrung der rabbinischen Standesehre. In letzterer Beziehung konnte der Präsident auf einen Vorfall Hinweisen, den die Blätter erst vor einigen Tagen berichtethatten. Ein Rabbiner in Brooklyn hatte ein Huhn trephe geschlachtet, die Eigenthümerin stellte ihn seiner Ungeschicklichkeit wegen zu Rede, der Herr Rabbiner prügelte sie, und . die Sache endigte vor Gericht. Allerdings sind solche Dinge meist Schuld der Reporter, die einen armen Geflügelschächter zum Rabbiner Promoviren, damit die Ueberschrift in den landesüblichen zollhohen Lettern mehr Aufsehen errege. Da sieht man gleich auf der ersten Seite in den auffallenden Lettern und beliebten Alliterationen: „Rabbi rasend. — Spuckt einem schönen Pfarrkinde ins Gesicht — Unschuldig Küchlein die Schuld rc." Daran ist leider bei der hiesigen Preßfreiheit nichts zu ändern. Schlinuner ist, daß bei den absolut anarchischen Zuständen des jüdischen Gemeindelebeus unfähige, gestrandete und sittlich verkommene Existenzen immer noch eine Gemeinde finden können, welche ihre geistlichen Dienste annimmt. Das Schlimmste an der Sache ist, daß eine falsches Mitgefühl manche der besten Elemente des Rabbinerstaudetz daran hindert, ihren Einfluß in den Dienst der Besserung des Gemeindelebens zu stellen, und daß sie einem Manne Empfehlungen geben, oder bei Anfragen durch gewundene Ausdrücke die Wahrheit verschleiern, um seine Familie nicht unglücklich zu machen. So lange das Prinzip Rabbi Akibas: „Keine Barmherzigkeit im Rechte", nicht allgemein geworden ist, wird eine Besserung -auf diesem Gebiete nicht erfolgen. Darum wurde auch der Bericht des Komitees über diesen Punkt als unbefriedigend verworfen. Leichter war es, den Zionismus zu erledigen, denn in dieser Richtung ist man hier. ziemlich einig, und bei der amerikanischen Verfassung und ihrer Geschichte steht nicht zu erwarten, daß man auch nur auf jenen Umwegen, wie sie klerikale und feudale Parteien in Deutschland, Oesterreich und Frankreich zum Theil beantragt, zum Theil durchgesetzt haben, zu einer Wiederbelebung d.s mittel-