Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1897)
- Date
- 1897-08-13
- Page
- Seite 390 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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390 geschmückt, für deutsche Zwecke, bei deutschen Festen Süßigkeiten und Champagner verkaufen und sich von Deutsch-Nationalen mit hämischem Blick als teutsche Rebekkas und Sarahs bcaugapfeln lassen. Stolz sagen wir es, wir haben aus unserem jüdischen Volke nun etwas Vcsteres gemacht; es läßt die Kutscher unter einander weidlich sich ansprügeln. Es weiß, daß für Judas Kinder noch harte Zeiten bevorstehen, aber cs ist gestählt nnd sieht den kommenden Ereignissen mit Ruhe entgegen. Unser Volk ist dem Judenthum wiedergegeben. Wir wissen es, wir haben von Niemand etwas zu erwarten, nicht von „unseren Großen" aber auch von keiner Partei draußen; von keiner sagen wir, heiße sie nun Sozial-Demokraten oder in byzantinischem Patriotismus machende Partei. Wir haben uns selbst gesunden, trotz Kanzelredner und Vorsteher und Zeitungsschreiber. Wie sagt doch der große Prophet: „Es wird eine Zeit kommen, da werden gebückt zu dir gehen die Kinder deiner Peiniger," wir erwarten diese Zeit mit Seelenruhe — aber auch wohlgerüstet und ' kampfessreudig. Iwri. Pit Nabt'illtrvcrsinmnlilng in Montreal. Von Prof. Dr. G. Deutsch in Cincinnati. 6) GJjfceiifeits des Meeres" ist schon in der Bibel als Metapher für etwas schwer Verständliches gebraucht. Die Leser der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" werden daher nicht böse sein, wenn ich sie daran erinnere, daß Amerika in doppeltem Sinne gebraucht wird. Es bezeichnet in wissenschaftlicher Terminologie den Welttheil und im gewöhnlichen Sprachgebrauche die Vereinigten Staaten. . In der jüdischen Geschichte ist diese Jdentisizirung besonders berechtigt, denn das amerikanische Judenthum ist thatsächlich identisch mit dem Judenthum der Vereinigten Staaten. Wo die englische Sprache herrscht und die englische Duldung das Volksleben durchdrungen hat, entfalten sich jüdische Gemeinden. Wo die romanische Zunge herrscht und die spanischen Traditionen trotz der politischen Lossagung vom Mntterlande die Stuatsrcgierung beeinflussen, finden sich Juden, aber keine jüdischen Gemeinden. Nur die hoständischen Kolonien in Südamerika und die britische Kolonie Jamaika machen eine Ausnahme. Daneben besitzen die großen sndamerikanischen Hafenstädte mit ihrer kosmopolitischen Bevölkerung, vornehmlich Pernambuco, Rio de Janeiro und Buenos Ayres, jüdische Gemeinden. Nur ein Land außerhalb der Vereinigten Staaten zeigt Ansätze zu einer kräftigen Entwickelung jüdischer Gemeinden, und. das ist die unter englischer Herrschaft stehende Besitzung Kanada, welche in ihrer ethnographischen nnd politischen Entwickelung den Vereinigten Staaten am nächsten steht und von panamerikanischen Schwärmern gern als Theil der großen panamerikanischen Republik der Zukunst angesehen wird. An Areal so groß wie ganz Europa, ist seine Bevölkerung sehr dünn — nicht ganz fünf Millionen —, und obwohl ein großer Theil des Landes in arktischen Regionen liegt, ist das fruchtbare Land noch einer großen Entwickelung fähig. Die; Zahl der jüdischen Bewohner wird auf 20 000 geschätzt; einen : Census nach Religionen giebt es hier ebenso wenig als in den j Vereinigten Staaten oder in England. Der englische Einfluß sowie die natürlichen Verhältnisse eines Landes, in welchem eine dünn; gesäete Bevölkerung wohnt, sind die Ursache, daß der Jude hier eine ruhige Heimath findet, selbst in der von Katholiken französischer! Abkunst bewohnten Provinz Quebek, deren bedeutendste Stadt; Montreal ist. Schon früher als England hat diese Provinz im Jahre 1831 den Juden völlige bürgerliche Freiheit eingeränmt, doch war die jüdische Bevölkerung bis zur Zeit des großen russischen Exodus unbedeutend. Die ersten Niederlassungen beginnen mit der englischen Herrschaft. Aron Hart, ein englischer Jude, der mit der englischen Arniee bei dem Eroberungskriege als Proviantmeister nach Kanada kam, ist der erste Jude, dessen Niederlassung bekannt ist. Wenige Jahre, nachdem durch den Frieden von Pans 1763 Kanada englisches Gebiet geworden war, bildete sich in Montreal eine jüdische Gemeinde, 1768, zunlcist aus portugiesischen Inden gebildet, welche ans England gekonnnen waren. Die heutigen Mitglieder sind jedoch, wie das in der New-Aorker Portugiesen - Gemeinde Shearith Israel, deren Namen auch diese Gemeinde trägt, der Fall ist, zumeist anglisirte Polen. Das Ritual, einschließlich der Melodien, ist portugiesisch geblieben. Portugiesisch ist auch der „Minister" der Gemeinde, Meldola de Sola, der 1882 seinen! Vater, dein bekannten Gelehrten Dr. Abraham de Sola, in diesem Amte gefolgt ist. Sein Großvater, Aron de Sola, war ein Schwiegersohn des Londoner Chacham Raphael Meldola, dessen Namen er trägt. De Solas Gattin ist eine Engländerin deutscher Abkunst, und so scheint ctz, daß der schon lange veraltete Unterschied zwischen portugiesischen und deutschen Juden mit der nächsten Generation in civilisirten Ländern vollständig schwinden wird. Auch im Gottesdienste nlacht sich dieser Synkretismus geltend, indem die deutsche und portugiesische Aussprache mit einander abwechseln. Der Chor bedient sich der deutschen Aussprache. Außer dieser und den polnischen Geineinden, die zumeist, wie überall in Amerika und England, Chewroth sind, welche es zu einer soliden Organisation nicht bringen können, besteht in Montreal eine Reformgemeinde nach amerikanischem Muster. Sie bedient sich des von der Rabbinerkonferenz herausgegebenen Gebetbuches — Union Prayer Book — hat gemeinsame Sitze für Männer und Frauen, doch behalten die Männer die Kopfbedeckung während des Gottesdienstes auf. Trotzdem zeigt der Tempel Emanuel schon Anlehnungen an das englische Muster. Die Kanzel ist an der Seite angebracht — während in Amerika der Prediger von dem der Gemeinde zugekehrten Vorbeterpult predigt —, und der Chor singt wie in der Episkopalkirche hinter Vorhängen. Andererseits ist der Rabbiner Herr Veld — ein sehr eifriger Arbeiter, dessen Bemühungen es zu verdanken war, daß die Konferenz in Montreal tagte — ein „Minister" im amerikanischen Sinne, der eigentliche Mittelpunkt des Gemeindelebens, während in den anderen kanadischen Gemeinden der Minister wie in England ein Chazan und Prediger ist. Die amerikanische Rabbinerkonferenz, ein Verein von etwa 14.0 Rabbinern, welcher alle liberalen Elemente mnfaßt und. wie der Präsident in seiner Eröffnungsrede sagte, mehr Mitglieder zählt und länger existirt als irgend ein Rabbinerverband der Neuzeit, tagte zuni ersten Male außerhalb der Vereinigten Staaten. Es lvar seine achte Jahresversammlung. Die kanadische Umgebung machte sich gleich am Eröffnungsabend in der Ausprägung der Physiognomie des Ganzen geltend. Bei der strikten, zum mindesten im Prinzip sestgehaltenen Trennung von Staat und Kirche wäre in Amerika eine offizielle Begrüßung der Versammlung durch staatliche Würdenträger nicht denkbar, ebenso wenig würde die Versammlung des Bundespräsidenten oder der Staatsgonverueure gedenken. In dem monarchisch gesinnten Kanada erschien bei der Eröffnungsfeier der Lieutenant Gouverneur der Provinz Quebek, geleitet von seinem Adjutanten, in einer durchaus nicht inartialischen Uniform, die bei der Abwesenheit jeder Waffe eher den Kammerdiener als den Offizier anzudenten schien, der Minister der öffentlichen Arbeiten, Joseph