Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1897)
- Date
- 1897-08-13
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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389 b esselben werde die - Gründung jüdischer Schulen eine heilige Pflicht. Jetzt sei der Sabbath nicht ein Tag der Ergötzung für die Jugend, sondern ein Tag der Qual. Außerdem lägen durch den Mangel an jüdischen Schulen viele jüdische Lehrkräfte brach, die für die Erziehung der Jugend erfolgreich thätig sein könnten. Daher sei er nicht blos für die Begründung jüdischer Volksschulen, sondern auch höhere jüdische Schulen sollten eingerichtet werden. Um diesen Gedanken zur Ausführung zu bringen, hätte er auch bereits einen Mäcenas gefunden, aber die Sache sei zuletzt am, ^Vorstände gescheitert,, der kein neues Schulghetto hätte schaffen wollen. Das Vertrauen aber hätte er zu den Gemeinden, daß keine für die Auflösung vorhandener Schuleinrichtungen stimmen werde. (Schluß folgt.) Brief aus Oesterreich. August 1897. n alten Kalendern pflegte man folgende Anekdote zu lesen: Zwei Kutscher, von denen jeder einen Juden fährt, begegnen einander auf schmalem Wege. Anstatt auszuweichen, so gut es geht, steigt der Eine vom Bocke und haut den Juden des Anderen; dieser weiß nichts Besseres zu thun, als seinerseits den Juden seines halsstarrigen Amtsgenoffen zu prügeln, mit den höhnischen Worten: „Haust Du meinen Juden, so hau' ich Deinen". Diese altväterliche, kleine, aber bezeichnende Erzählung haben wir in der isiodernen Geschichte öfter erlebt, ja wir können sagen, in ihr spiegelt sich die ganze Vergangenheit und die jüngste Gegenwart unseres Stammes. Ob sie nun Deutsche oder Tschechen heißen, Christlich-Soziale oder Raffen-Antisemiten, ob Schönerer oder Lueger, sie alle haben auf die Juden dreingehauen und das war ihr — wirthschaftliches Programm. Was aber haben die Juden gethan? Nun — sie haben sich hauen lassen; ja wir haben das glorreiche Schauspiel erlebt, daß, und es waren oft gerade die sogenannten Leithammel, die recht weit vom Schüsse in ruhiger Sicherheit der Pflege ihres zeitlichen Wohles lebten, welche dies behaupteten, daß also besagte Leithammel meinten, für den Juden sei es am besten, wenn er sich prügeln lasse, dies sei einmal sein Geschick, und endlich würden ja die oftgenannten Prügler dessen müde werden, und dann würden wir wieder in schönster Ruhe und seligsten! Frieden unsere Reise fortsetzen können. Sie sagten es von der Kanzel, sie sprachen es auf dem Markte und in der Versammlung, sie ließen es verkünden durch dicke Vorsteher und durch wohlgemästete Zeitungsschreiber. Und der arme Jude ließ sich prügeln, winkte ihm doch schöne Ruhe und seliger Friede, „bis der Tag sich verkühlt" und vorübergezogen die Stürme und Unwetter. Und wieder fällt uns dabei eine höchst bezeichnende kleine Geschichte ein. Jin Schweiße ihres Angesichtes fuhren einst jüdische Krämer auf hochbeladenen Wagen zu Markte. Auf der Straße sahen sie Steinklopfer, welche gerade auch nicht auf Rosen gebettet waren. Ihnen aber riefen die jüdischen Krämer zu: Wartet nur, in jener Welt werden wir Steine klopfen, und ihr werdet zu Markte fahren. Mit der Vertröstung „auf jene Welt" ist es nun definitiv vorüber, sie verfängt wirklich nicht, der Jude will hier leben, er glaubt ein Anrecht darauf zu haben wie der nichtjüdische Steinklopfer. Und so läßt er sie reden von der Kanzel, auf dem Markte in der Versammlung, den dicken.Vorsteher und den gemästeten Zeitungsschreiber, er hört ihre Botschaft — nicht, und natürlich glaubt er auch nicht daran. Wo ist es geschrieben, daß der Jude sich prügeln lassen muß? Tragen, hören, schweigen — das galt für die Zeit, in welcher die Voreltern zu Markte fuhren und die Steinklopfer beneideten, wo nian auf unsere Väter dreinhaute innerhalb und außerhalb des Lagers. Das haben nun alle die Geschicke, die wir über uns ergehen üeßen, aus uns gemacht, daß auch wir den Prügel zur Hand nehmen und auf eigene Faust uns helfen, wir haben von unseren Gegnern gelernt, was man thun muß, um etwas zu gelten, und wahrlich, wir fahren dabei viel besser als zu jener Zeit, wo man uns einluvte mit schönen Worten und uns so viel versprach, Freiheit und Gleichheit, und uns Brüder nannte und hinterher uns verrieth und verkaufte. Der oberste Kutscher des Reiches, ich meine den Grafen Badens, hat nun bewirkt, daß die anderen, kleineren, gottähnlichen Kutscher den Prügel gegen einander schwingen, er hat dies durch seine famosen Sprachenverordnungen bewirkt, welche nichts Geringeres verlangen, als daß jeder Beamte in Böhmen und Mähren beider Landessprache^ mächtig sei; unter uns gesagt, ein nicht ganz unbilliges Verlangen, wenn es nur etwas weniger schroff gestellt worden wäre. Es ist gewiß heutigen Tages notwendig, daß Jeder für sein Fortkommen Sorge trage, und das findet man nun einmal besser, wenn man in unserem durch viele Sprachen ebenso wie durch die mannigfachsten Bodenprodukte gesegneten Vaterlande mehrerer Landessprachen, besonders des Deutschen und Tschechischen, mächtig ist. — Aber der Graf Badem hat sich verrechnet. Er konnte zwar den Lueger ins Audienzzimmer führen, aber mit Schönerer, und Wolf giebt's keine Verträge. Die heulen und lärmen und obstiniren so lange, bis — nun bis eben Baden! geht und auf heimischem polakischen Gefilde den landesüblichen Roggen baut und darüber nachdenkt, wie schwer, ach, wie schwer das Regieren in unserem lieben Oesterreich ist. Sein Vorgänger, der GrafTaaffe hatte es doch besser. Er liebäugelte mit Tschechen und Antisemiten, machte ihnen große Hoffnungen, beließ sie aber in ihrer Großmannssucht, und als es zur Erfüllung der großgezogenen Hoffnungen kommen sollte, da rückte er mit dem allgemeinen Wahlrechte heraus — und er mußte gehen. -r- Seine Erbschaft hat nun Badeni angetreten, und er-soll alle .Legate auszahlen, welche in Taaffes Testamente verschrieben waren. Mit den.Antisemiten von Luegers Farbe hat er sich gründlich abgefunden, dje sind saturirt, und sie ruhen aus wie die wilden Thiere nach der Fütterung und stören sich nicht in der Verdauung und stören auch Andere nicht. Anders ist's mit den Tschechen. Sie haben Badeni Gefolgschaft geleistet: und wollen nun den Lohn; die einst so freiheitslüsternen Jungtschechen, sie sind wie die Lämmer geworden, die sich: ducken und krümmen, und flehentlich die Brocken erwarten, die ihnen zugeworfen werden vom reichbesetzten Tische. — — Aber jetzt hat sich der deutsche Michel erhoben; er hat lange geschlafen und die Zipfelmütze tief über den Kopf gezogen; er reibt sich die Augen und holt mit der Faust aus;: der deutsche Kutscher schlägt den tschechischen, dieser natürlich ist auch nicht zu faul und schlägt zurück, und darob — haben sie des Juden vergessen.. Der Jude kann nun ausschnaufen und. das erbauliche Schauspiel betrachten. Sollte man es aber glauben, daß manche Juden in unserer Mitte. noch immer nichts aus der Vergaugenheit gelernt haben? Sollte man es für denkbar halten, daß manche Juden einem — Schönerer Handlangerdienste leisten? Ja, es giebt solche Individuen unter, uns, und große, von Juden, geschriebene Zeitungen stimmen ein in das heillose Heilo-Gebrüll der Teutomanen, deren Ahpen allerdings nicht im Teutoburger Walde an Armins -Seite gekämpft, sondern in der Judengasse alte Hosen verkauft haben- — Zum Glück aber ist> dies nur ein kleines Häuflein verbohrter, klientensüchtiger Advokaten, reichgewordener Fabrikanten, die froh sind, wenn ihnen irgendwelcher Antisemit einen Fußtritt versetzt süßlicher Schönredner, die nach einer. Stadtverordnetenstelle sehnlichst den. Blick "richten, mit Töchtern gesegneter Großhändler, die es so gern sehen,;-wenn die Mädchen, mit schwarz-roth-goldenen Bändern