Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1897)
- Date
- 1897-08-06
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Tradition zur Darstellung bringen soll. Zur Vorbereitung der Arbeit und zur Auswahl der etwaigen Mitarbeiter dieses Buches (oder dieser Bücher) wurde eine Kommission (Bamberyer-Kissingen, Groß, Kohn und Werner) ^ernannt. Herr Dr. Cohn-Jchenhausen berichtete über die erfreulichen Fortschritte der Vorarbeiten zur Gründung einer Pensionskasse. Dieselbe ist gesichert, insofern nach Gründung eines „anerkannten Vereins der Pensions- und Reliktenkasse" außer dem bereits im. vorigen Jahre bewilligten Staatszuschuß von 2000 Mark die ministerielle Genehmigung in Aussicht steht. Herr Rechtsanwalt Ofner erwarb sich den Dank der Konferenzmitglieder dadurch, daß er sich gern . bereit erklärte, die Statuten einer erneuten Prüfung zu unterziehen, damit'deren endgiltige regierungs- und.gerichtsseitige Genehmigung und die Anerkennung des Vereins ungehindert erfolgen könne. Mit Rücksicht auf zu Tage getretene Mißstände beschlossen die Konferenztheilnehmer, in Zukunft vor dem Vollzüge von Trauungen sowohl seitens des Bräutigams als seitens der Braut ein Zeugniß vom zuständigen Rabbinat darüber zu verlangen, daß kein religiöses Ehehinderniß vorliege. Dieser Beschluß soll in geeigneter Weise auch den außerbaierischen betheiligten Kreisen bekannt gegeben werden, damit bei Berheirathung von Baiern ein entsprechendes — selbstredend gebührenfreies — Zeugniß von dem zuständigen Rabbiner verlangt werde. Die Besprechung zweier schriftlich eingelaufenen Anträge Eckstein-Bamberg, betreffend die Zugehörigkeit der Rabbiner zur Ortsschulkommisston und zum Armenpflegschaftsrath, füllten den Rest der Sitzung aus. Nachdem der geschäftsführende Ausschuß der vorjährigen Konferenz (die Herren DDr. Cohn-Jchenhausen, Werner, Bamberger-Kissingen, Mayer, Neubürger, Ziemlich; Ersatzmänner: Groß und Stein) ^durch Akklamation wiedergewählt worden waren, Dr. Kohn dem Büreau für die Führung der Geschäfte und Dr. Stein der Kultusverwaltung für die Antheilnahme an den Berathungen, die Ueberlassung des Saales und die liebenswürdige Bewirthung gedankt hatte, wurde die Konferenz mit einem dreifachen Hoch auf Se. königliche Hoheit den Regenten geschlossen. Am Abend fand ein Festessen statt, welches von der Verwaltung für die Rabbiner und die zur Ausschußsitzung des „Landesvereins" anwesenden Gemeindevertreter veranstaltet war. Reden würzten das festliche Mahl, das nach gethaner Arbeit harmonisch verlief. Die nächstjährige Konferenz soll zu einer trauungsfreien Zeit in Kissingen stattfinden. ' Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 1. August. Der vierte Jahresbericht der israelitisch-theologischen Lehranstalt für das Schuljahr 1896/97 ist eben erschienen. Voran geht: Die hermeneutische Analogie in der talmudischen Litteratur vom Rektor Professor Dr. Adolf Schwarz. Herr Moritz Karpeles, welcher seit dem Bestände der Lehranstalt die Stelle des ersten Vizepräsidenten bekleidete, in Wirklichkeit aber infolge andauernder Verhinderung der ersten zwei Präsidenten stets die Präsidialgeschäfte der Anstalt besorgte,' wurde in der Sitzung vom 12. Januar d. I. mit Stimmeneinhelligkeit zum Präsidenten der Lehranstalt gewählt. In der am 31. Januar d. I. statutengemäß erfolgten Neukonstituirung des Kuratoriums wurde Herr Reichsrathsabgeordneter Dr. Emil Byk zum zweiten Vizepräsidenten und Herr Theodor Ritter von Taussig zum Kassirer wieder- und an Stelle des zum Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde in Wien gewählten Herrn kaiserlichen Rathes Heinrich Klinger Herr Sigmund Trebitsch zum Kontroleur neugewählt, — die Stelle des ersten Vizepräsidenten blieb derzeit unbesetzt. Die Verlassenschafts-Abhandlung nach Osias H. Scharr ist noch im Zuge, jedoch ist begründete Aussicht vorhanden, daß dieselbe im nächsten Jahre beendigt und die Stiftung sodann aktivirt werden wird. Die Regierung hat auch heuer eine Subvention von 8900 Gulden bewilligt. An Subventionen werden ferner gewährt: Von der Kultusgemeinde Wien 4000 fl.; von dem Kuratorium des mährischen Landesmassafonds 1000 fl.; von der Kultusgemeinde in Prag 630ffl.; von der Repräsentanz der Landesjudenschaft des Königreichs Böhmen-- 650 fl. und von der Kultusgemeinde in Lemberg 500 fl.' Die Baron Hirsch-Stiftung verlieh auch in diesem Jahre 25 galizischen Hörern Stipendien im Betrage von je 100 fl. Ebenso Max'Ritter von Gutmann, welcher den von seinem gottseligen Vater Wilhelm Ritter von Gutmann zugesagten Jahresbeitrag von 500 fl. auch in diesem Jahre zuwendete. Für Unterstützungen der Hörer wurde auch heuer der Betrag von 4000 fl. ins Budget gestellt. Im Kuratorium der israelitisch-theologischen Lehranstalt sind derzeit folgende Herren: Moritz Karpeles, Präsident; Dr. Emil Byk, zweiter Vizepräsident; Theodor Ritter von^-Taussig, Kassirer;. Sigmund Trebitsch, Kontroleur: Hofrath Professor Dr. K. S. Grünhut; Oberrabbiner Dr. Moritz Güdemann; David Ritter von Gutmann; kaiserlicher Rath Heinrich Klinger; Wilhelm Freiherr von Königswarter; Moritz Edler von Kuffner; Dr. Moritz Lichtenstern ln Prag; Landesrabbiner Dr. B. Placzek in Brünn; Dr. Arnold Rosenbacher in Prag; Rabbiner Dr. A. Schmied!; Dr. Adolf Stein. Die israelitisch-theologische Lehranstalt hat mit dem zu Ende gehenden vierten Schuljahre einen bedeutenden Zeitabschnitt zurückgelegt, insofern die gleich zu Anfang aufgenommenen, zum Theil aus anderen theologischen Lehranstalten herübergekommenen Hörer, welche ein reiches Wissen mitbrachten, im Sinne des Organisationsstatutes ihre theologischen Studien vollendet und durch das vor drei Jahren abgelegte Tentamen das Recht erlangt haben, zu den Rabbinerprüfungen sich zu melden. Auch die Vorbildungsschule entläßt mit dem Ende des Schuljahres die ersten vier Religionslehrer für Volksschulen. Diese Religionslehrer, denen von vornherein zur Pflicht gemacht wurde, auch auf das Staatsexamen für Bolksfchullehrer sich vorzubereiten, werden, wie sie versichern, in der allernächsten Zeit zu diesem Examen sich melden. — Der Reichsraths- Abgeordnete Karl Mittermayer trat bekanntlich jüngst in die Dienste eines tschechischen Restaurateurs in der Inneren Stadt in Wien als Oberkellner. Dieser Tage nun wurde er von dem genannten Restaurateur wieder entlassen, weil angeblich die besten Gäste des Lokales Mittermayers wegen dasselbe mieden. Nun ist zwischen der christlich-sozialen Partei und dem Abgeordneten Mittermayer eine Abmachung zu Stande gekommen, dergemäß der Letztere mit Hilfe der genannten Partei — nach Amerika übersiedelt wird. Pikant sind jene Punkte der Abmachung, welche die Form der Geldauszahlung enthalten. Mittermayer erhält im Ganzen eine Summe von 6000 fl. Auf dem Schiffe in Hamburg werden ihm die Kosten der Ueberfahrt nach Amerika und die Subsistenzmittel für die erste Zeit des Aufenthaltes daselbst eingehändigt. Der Restbetrag wird ihm in Monatsraten übersandt, womit einer Rückkehr Mittermayers nach Europa für absehbare Zeit vorgebeugt werden soll. (D Budapest, 2. August. Unter dem Schlagwort: „Eine Nonne aus jüdischem Stamm" berichtet der „P. Ll.": Die von ihrem Mann geschiedene Frau Schönhauser, eine Jüdin, erhält sich durch Schneiderarbeit. Ihre einzige Freude bildete ihre Tochter Ilona, ein sehr hübsches Mädchen. Vor zwei Jahren erkrankte Ilona an einem Herzleiden und wurde in der Universitätsklinik ausgenommen. Während ihres Aufenthaltes in der Klinik wurde Ilona nahe gelegt, ihre sündige Seele zu retten, Christin und Nonne zu werden; einen Mann werde sie infolge ihres Herzleidens ohnehin nicht bekommen. Das Mädchen leistete schließlich das Gelöbniß, sich taufen zu lassen. Nach ihrer Entlassung aus der Klinik nahm Ilona Schönhauser in der Theresienstädter Pfarrkirche im Geheimen Unterricht in der katholischen Religion; nach wenigen Monaten erfolgte ihr Uebertritt zum katholischen Glauben. Die Taufe fand in der Jnnerstädter Pfarrkirche statt; das Mädchen erhielt den Namen „Maria". Die Mutter hatte von dem Uebertritt ihrer Tochter nicht die geringste Ahnung. Wie groß muß daher der Schmerz der Mutter gewesen sein, als das Mädchen eines Tages vor die Mutter hintrat und ihr mittheilte, daß es Christin geworden sei, und daß es ihr in der Zukunft keine Freude mehr bereite, neben einer Mutter, die Jüdin sei, zu leben. In ihrer grenzenlosen Liebe zu ihrem einzigen Kinde verzieh die Mutter der Tochter diesen Schritt, ja sie machte auch keine Einwendung, als Ilona den Entschluß kundgab, ein Kloster aufzusuchen. Thatsächlich fand die Konvertitin in dem hiesigen Marienkloster Aufnahme. Von hier kam das Mädchen nach Raab in ein Kloster, wo es bis Mitte Februar d. I. verblieb. Am 16. Februar erhielt die Mutter von ihrer Tochter eine in Bruck-Ujsalu aufgegebene Postkarte. Das Mädchen beginnt seine mit Bleistift hingeworfenen Zeilen mit den Worten: „Auf dem Zuge" und schreibt: „Ich bin auf dem Wege nach Wien, wo wir auch ein Kloster haben, was ich bisher nicht wußte. Ich bitte Dich, mir nicht mehr so oft zu schreiben, höchstens ein-, zweimal des Jahres. Ich werde es sehr gut haben. Wenn Du mir.was schicken wirst, so sende die Sachen nur nach Raab ins Kloster; man wird sie mir nachschicken. Ich bete zu Gott alltäglich, daß er Dich, Mutter, erleuchten möge." Unterzeichnet ist das Schreiben mit „Schwester Maria". Frau Schönhauser hörte seither nichts von ihrer Tochter. Sie wandte sich wiederholt an die Nonnenklöster in Szatmür, Graz und