Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1897)
- Date
- 1897-08-06
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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61, Lahrgang. ttr. 32. fetlijt' 6: :Äusu|i 1897' /Ueilage zur „Allgemeinen Zeitung öes InöenkHnms". T Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. CA) Berlin, 3. August. Die hiesige philosophische Fakultät hat gestern den Regierungsbaumeister Ludwig Borchardt wegen seiner Verdienste um die Erforschung attägyptischer Kunstdenkmäler zum Ehrendoktor ernannt. Borchardt ist seit dem vorigen Jahre bei den Ausgrabungen der Insel Philae beschäftigt. Er nimmt an diesen im Aufträge der Berliner Akademie der Wissenschaften theil. Die Akademie sandte Borchardt nach Philae, damit er die baulichen Zustände der dortigen Tempelbäuten in Hinsicht auf die beabsichtigte theilweise Ueberfluthung untersuche. Bei der Wahl Borchardts für diese Aufgabe liest sich die Akademie von der Erwägung leiten, daß Borchardt sich neben seiner Berufswissenschaft seit einer Reihe von Jahren mit ägyptologischen Studien beschäftigt. Er läßt sich dabei nicht, was ihm als Architekten am nächsten liegt, an der Erforschung der ägyptischen Bauten und Kunstdenkmäler genug sein, sondern arbeitet auch eifrig an der Vermehrung der Kenntniß anderer attägyptischer Realien und selbst an der Entzifferung der Papyri mit. Borchardt veröffentlichte in der ,-Zeitschr. f. ägypt. Sprache" eine ganze Reihe von Einzelstudien. Ganz besonders läßt sich Borchardt aber das Studium der Pyramiden angelegen sein. Er veröffentlichte Untersuchungen über den Namen der drei Pyramiden von Giseh, über die Baugeschichte der Knickpyramide bei Daschur, über die Bestimmung der Böschungen bei Pyramiden. Die Ergebnisse seiner Forschungen in Philae hat Borchardt zumeist an die Berliner Akademie der Wissenschaften gelangen lassen.. Die Nachrichten darüber sind den Berichten der Akademie einverleibt worden. £2 Berlin^ 2. August. Der Vorstand des „Vereins Jüdische Lesehalle" hat sich genöthigt gesehen, zum 1. Oktober er. andere Räume für die Lesehalle und die Bibliothek zu miethen. Die Wahl der Räume im Hause Oranienburgerstraße 28 darf in Rücksicht auf die günstigere Lage, ihren Umfang und ihre Einrichtung als eine glückliche bezeichnet werden. Bei dieser Gelegenheit sei der erfreulichen Thatsache Erwähnung gethan, daß sowohl die Lesehalle als auch die Bibliothek sich eines fortgesetzt guten, ja stetig wachsenden Zuspruchs zu erfreuen hat. Bis zum - 1. Oktober verbleibt die Lesehalle im Hause Münchener Hof, Spandauer- ' straße 11—13. LL Berlin, 3. August. Wir erhalten heute den folgenden Aufruf aus Memel: Glaubensgenossen! Durch die jüdischen und politischen Zeitungen haben Sie wohl schon von der Leidensgeschichte Kenntniß erhalten der unglücklichen ausgewiesenen Glaubensgenossen am hiesigen Orte. Bis jetzt haben 24 Familien mit insgesammt 112 Personen Ausweisungsbefehl erhalten. Diese Ausweisungen sind schon vor längerer Zeit, theilweise schon vor 1V2 bis 2 Jahren erfolgt. Sofort ist der Vorstand der Synagogengemeinde für die Ausgewiesenen eingetreten; ein nicht unbedeutender Agitationsfonds wurde innerhalb der Gemeinde auf-' gebracht und alles versucht, um die Zurücknahme zu bewirken; bis an die höchsten Stellen der Provinzial- und Staatsbehörden hat man sich schriftlich und persönlich gewandt. Alles vergebens! Wir haben; bisher mit Bedacht Abstand genommen, vor die Oeffentlichkeit mit j Klagen und Aufrufen hinzutreten aus Rücksicht auf die übrigen nicht naturalisirten Mitglieder unserer Gemeinde. Zwei Dritttheile i sämmtlicher Gemeindemitglieder besitzen blos stets widerrufliche Aufenthaltsgenehmigung. Bor der Ausweisung im Jahre 1885 bestand; unsere Gemeinde aus nahezu 1300 Seelen, und heute sind es kaum noch j 800, wovon wiederum 112 den Ort verlassen sollen. Was besonders die j jetzt Ausgewiesenen bisher erduldet haben, ist nicht zu beschreiben; daß manche, darunter gebildete, hierorts geborene und erzogene Frauen nicht zum Wahnsinn getrieben worden sind, muß Wunder nehmen. - Diese ,. Ausgewiesenen waren nicht gerade arme Leute — heute freilich sind sie es fast alle — sie wußten sich'allesammt gut zu ernähren; manche waren sogar bis zu einem gewissen Grade von Wohlstand gelangt und besaßen selbst eigene Grundstücke. 'Mit ihrer Ausweisung war ihr Erwerb und Wohlstand vernichtet. Niemand wollte ihnen weiterhin S einen Pfennig anvertrauen, und ihre Gläubiger legten Beschlag auf ihren Besitz. Den letzten Pfennig verwandten die Unglücklichen auf vergebliche, oft auch ungeeignete Bemühungen, sich die Aufenthaltsgestattung zu erwirken. Einzelne, denen man längere Fristen nicht gewähren wollte, wurden, wenn sie den Ort nicht rechtzeitig verlassen konnten, mit hohen Geldstrafen belegt, und bei Zahlungsunfähigkeit! wurde die Geldstrafe in Gefängnißstrafe umgewandelt und auf das - Unnachsichtlichste vollzogen. Manche haben, so,-lange sie noch etwas ^besaßen, die Geldstrafe ein-, auch zweimal bezahlt, haben sich auch ein- und zweimal 8 bis 14 Tage einsperren lassen — wohin hätten sie denn auch ohne Geldmittel gehen sollen? Mit solchen Strafen soll r fortgefahren werden, bis alle Ausgewiesenen den Ort verlassen haben. Da nunmehr sämmtliche mit vieler Mühe erwirkten Fristen ab- ' gelaufen, so sind von demselben Verfahren alle Ausgewiesenen bedroht, darunter Greise und Greisinnen über 70 Jahre, die den größten Theil ihres Lebens hier gelebt haben; mehrere jüngere Frauen, Töchter hiesiger jüdischer Bürger, die nur deswegen den Ort verlassen und ' ihren Männern, die nach der Ausweisung bereits ausgewandert sind, r ins Exil folgen sollen, weil sie solche aus Rußland eingewanderte ' Männer geheirathet haben. Ja, gerade diesen Frauen wird am meisten! mit Strafen und Strafdrohungen zugesetzt. Gegenwärtig ist die Sache r bis zum Aeußersten gekommen, und wir stehen unmittelbar vor der schmerzlichsten Katastrophe, da es alle zuständigen Behörden abgelehnt haben, von irgend welchen weiteren Eingaben, Beschwerden, Gesuche um Aufenthaltsfriftung Kenntniß nehmen zu wollen. Der Augenblick ist gekommen, da an uns, wie an alle Glaubensbrüder anderwärts, die Mahnung der Heiligen Schrift in Kraft tritt: „Du sollst nicht zurückstehen bei der Blutgefahr deines Nächsten." Als Menschen und Israeliten haben wir gleichmäßig die Pflicht, den unglücklichen Glaubensgenossen beizustehen. Es kann geholfen werden, wie auch allen den früheren Ausgewiesenen hier und anderwärts geholfen worden ist; man giebt den Unglücklichen die Mittel, sich anderwärts eine ungefährdetere und sicherere Heimath zu suchen. Dazu aber sind so große Summen erforderlich, daß wir uns nothgedrungen an unsere auswärtigen Glaubensgenossen um Beihilfe wenden müssen. Noch niemals ist ein Nothruf aus solch einer überaus traurigen und verzweifelten Lage unter unseren Glaubensgenossen unerhört geblieben; so hoffen wir denn, auch dieses Mal keine Fehlbitte zu thun, um auskömmliche Unterstützungen für die armen gequälten und gehetzten Menschen zu erlangen. Gott sieht's und wird's vergelten! Das Komitee besteht aus den Herren: S. Bloch, Moritz Cohn, Dr. med. M. Hurwitz, Dr. I. Rülf, Rabbiner, H. Schieß. Die Geldspenden sind zu richten an Herrn S. Bloch in Memel. Wir ersuchen, alle Vorstände der Gemeinden, alle Rabbiner und Lehrer sowie einen Jeden, der sich dazu in seinem Herzen gedrungen fühlt, der Sache warm und wirksam sich anzunehmen. S£2 Berlin, 3. August. Die Berliner Spitzbuben. müssen es in dieser Sommerzeit besonders auf die Beraubung von Gotteshäusern abgesehen haben. Nachdem in den letzten Wochen eine ganze Reihe von Einbrüchen in Kirchen bekannt geworden sind, wird jetzt berichtet, daß . am letzten Sonntag Vormittag Einbrecher in die im Haufe Gollnorvstraße 10a belegene L i pp m a nn.-T au ß-Synagoge drangen und zwei Geldkästen raubten, deren einer mehrere Hundert Mark in Ein- und ■ Zweimarkstücken enthielt, während sich in dem zweiten Kasten 50 Pfennig- und Nickelstücke befanden. Die Höhe des gestohlenen Betrages, der jedoch nicht unbedeutend gewesen sein kann, da die Kasten seit 18 Monaten nicht geleert worden sind, ist noch nicht festgestellt. Verdächtig ist ein etwa 20 jähriger bartloser Bursche, der am Donnerstag voriger Woche