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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-08-06 · Heft 32 (6.8.1897) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 32 (6.8.1897)
Date
1897-08-06
Page
Seite 383 (sequence 11)
Language
German
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t 383 „Sind Sie ein kurioser Kauz! Ich glaube, wenn Sie erst Privat-Dozent oder gär Professor sind, laufen Ihnen die Weiber dutzendweise nach. Die nennen so einen Menschen, wie Sie es sind, eigenartig. Meine Schwester, Frau Wendemann, hat sich auch nur in ihren Mann so rasend verliebt, weil er sich zuerst gar nichts aus ihr gemacht und ihr, wenn sie in Gesellschaften zusammengetroffen sind, gehörig die Leviten gelesen hat. Evchen, glaube ich," lachte er hell auf, „bekäme es auch fertig, sich in Sie zu verlieben, obgleich, — Sie sind als Philosoph doch von dem Fehler der Eitelkeit frei — Sie mir gar nicht reizend erscheinen. Wann beginnt unser Unterricht? „Morgen! Heute habe ich Wichtigeres zu thun." „Und die Bedingungen?" „Ueberlasse ich Ihnen." Louis zog eine seidene, mit Gold und Kassenscheinen gefüllte Börse heraus. Indem er drei Hundert-Markscheine auf den Tisch legte, sagte er in herzlichem Tone: „Es wird eine verd— schwere Arbeit sein, die ich Ihnen hierfür aufbürde. Erscheint Ihnen dieses monatliche Honorar bei näherer Beleuchtung meiner Nichikenutnisse zu gering, so sagen Sie es nur ungenirt. Also, nun seien Sie gemächlich, Klein; trinken Sie mit mir auf unsere gemeinschaftlichen Studien eine Flasche Sekt. Vertauschen wir einmal Rollen, die selbstverständlich nur auf kurze Zeit. Ich trete ins Philisterium, arbeite wie ein Ackergaul, und Sie versuchen es einmal, den flotten Burschen herauszubeißen. Klein seufzte tief auf. Ein freundlicher Blick traf den jungen Mann, der sich die Mütze ein wenig schief auf den Kopf setzte. Leise klang es von den Lippen des Doktors: „Zu spät; viel zu spät! Ich habe nie die Jugend und das Glück der Jugend gekannt. Zu spät! Alles!" (Forts, folgt.) Karlsbad 1897. .11arlsbad gleicht in diesem Augenblick einem großen summenden, schwirrenden, schwärmenden Bienenkorb. Es summt und surrt nach allen Seiten und in allen Tonarten, sehr stark natürlich auch in „Judäas lieblichem Dialekte". Aber alle Unterhaltung in den jüdischen Restaurants und in den Gesellschaften, wo man die Fragen unserer Glaubensgemeinde erörtert, dreht sich diesmal ausschließlich um ein einziges Thema — um den Zionismus. Es ist in der That sehr merkwürdig, wie tief diese Frage die Gemüther unserer Glarlbensgenossen erregt, und ebenso merkwürdig ist es, wie verschieden sie beantwortet wird. So viel Zionisten, so viel verschiedenartige Bekenntnisse! Neben mir sitzt ein Herr aus Irkutsk, ein leidenschaftlicher Anhänger des Judenstaates von Herzl, auf der anderen Seite ein bekannter hebräischer Schriftsteller aus Warschau, der ebenso leidenschaftlich die Kolonisationsidee vertritt. Vis-a-vis zwei große und berühmte jüdische Gelehrte, der eine aus Budapest, der andere aus Wien, die beide gleich mir prinzipielle Gegner des Zionismus in allen seinen Spielarten sind. Und noch ein Gegner kommt manches Mal an unseren Tisch: das ist mein alter Freund Schimme Grünblatt, der bisher noch gar nichts von der ganzen Sache gewußt hat. Bis in den stillen Frieden seiner heimathlichen Gaffe sind diese Streitigkeiten noch nicht gedrungen. Als ich dem alten Freunde des Längern auseinandersetzte, um was es sich handle, hörteer aufmerksamzu, und dann schwieg er eine Zeit lang. Endlich sagte er wegwerfend: „Chalaumes mit Backfisch!" Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß dieses Sprichwort, welches ich für ein Spezifikum des Posener Ghetto hielt, auch in der mährischen 'Judengaffe bekannt ist. Aber so leicht, wie mein alter Freund es in diesem Falle gethan, darf man über eine solche Bewegung doch nicht aburtheilen. Freilich ist es sehr schwer, die Sache in ihren äußersten Konsequenzen-ernst zu nehmen, und der Witz, der beißende, ironische jüdische Witz hat hier ein mehr als dankbares Arbeitsfeld vorgefunden. Ich werde mich aber wohl hüten, mit den Herren, die -ihre Sache in so scharfer Weise vertreten, an dieser Stelle an- -zubandeln, und begebe mich daher lieber auf ein harmloseres Gebiet. Wenn man Tage lang im Bade mit einander spazieren geht und sich am Morgen beim Brunnen, dann beim Frühstück, beim Mittagbrod, bei der „Jause" (so nennen die Oesterreicher den Nachmittagskaffee, ohne zu wissen warum?) und beim Abendbrod trifft, dann kommt man, wenn die üblichen Karlsbader Gesprächsstoffe, die sich natürlich um sehr materielle Dinge drehen, erschöpft sind, auf die abenteuerlichsten Ideen, Vorstellungen und Gedanken, manchmal sogar auf gute. Ein Lieblingsthema der mir befreundeten Zionisten (es giebt auch solche Käuze) ist die Ausmalung von Zuknnftsplänen, und ihre Freude war groß, als ich, was ja sehr nahe liegt, eines Tages das Gespräch auf die berühmten warmen Quellen von Liberias lenkte. Ueber dieses alte Karlsbad mußte ich ihnen dann einen längeren Vortrag halten. Ihr Erstaunen war sehr groß, als ich ihnen erzählte, daß die Therme dieses Bades so heiß war, daß der Talmud jeden hohen Wärmegrad mit der bestimmten Redensart: „so heiß wie die Gewässer von Liberias" bezeichnete. Liberias war als Stadt allerdings berühmter als Karlsbad. Es lag am westlichen Gestade des Genezareth-Sees und war eine der berühmtesten jüdischen Gelehrtenstädte. Das Wasser besaß nach dem Talmud dieselbe Kraft wie das Karlsbader, und schon im zweiten Jahrhundert hat ein talmudischer Lehrer auf die Frage nach dem Ursprung jener heißen Quellen die richtige Antwort gegeben, „daß sie in den unterirdischen Feuern ihren Urspung haben". Sogar über den Gebrauch der Bäder stellt der Talmud bestimmte hygienische Vorschriften auf. Die Temperatur der Heilquellen von Liberias wird auf 49 Grad angegeben, also etwa fünf Grad weniger als der Karlsbader Sprudel. Besucht wurden die Bäder am meisten im Juni und Juli, und die Dauer der Saison war damals wie heute gewöhnlich 21 Tage. Man sieht, es ist alles schon dagewesen. Heute ist Liberias ein elendes Städtchen, das nur noch kümmerliche Reste der einstigen Größe aufzuweisen hat. Zwei Drittel der Bevölkerung sind Juden, die Bäder sind längst zerstört, aber die Quellen fließen noch immer. Welch ein Gedanke für einen Zionisten, aus den alten Quellen don Liberias ein neues Karlsbad zu machen und die heilsbedürftige asiatische Menschheit an den Sprudel von Liberias zu locken! Gern hätten meine zionistischen Freunde noch mehr von mir über diese großartige Idee gehört, -für die sich unzweifelhaft bald ein Konsortium finden wird, aber — es geht mir in Karlsbad wie dem berühmten Rabbi Elieser ben Aroch, von dem der Talmud sagt, daß er, so oft er an Pen Heilquellen von Liberias weilte, alles vergaß, was er gelernt hatte. Freilich, er fand sein Wissen wieder, als er heimkehrte. . . - Mein Freund Schimme Grünblatt, auf den ich immer wieder zurückkehren muß, weil sein gesunder Menschenverstand die schwierigsten Fragen, über die wir uns Tage lang die Köpfe zerbrechen, durch irgend ein gutes Wort oder ein saftiges Moschelchen löst, denkt über die Zukunftspläne der Zionisten, wie gesagt, sehr geringschätzend. Er hält absolut nichts von der Sache, und selbst als man ihm diese voiVeinem Punkte aus, für den er sehr viel Sinn und Verständniß hat,^erklärte, nämlich in Bezug auf die Rentabilität dieser Unternehmungen,

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