Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1897)
- Date
- 1897-08-06
- Page
- Seite 382 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228235--53903-3267853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
,382 borgen, sie, die über eine Werkstätte geherrscht, die einen Gatten und eine heiratsfähige Tochter besessen, die über ein Dienstmädchen geboten hatte, die in Droschken gefahren war. Oh, wenn sie nur ihre Tochter finden könnte, die verlorene, unter deren Trauhimmel sie strahlend, der Neid von Montaguestreet, hätte stehen können! Aber daran dachte sie nicht blos heute. Dieser Gedanke lag allen ihren Gedanken zu Grunde, immer, immer seit jener verhängnißvollen Nacht. Während des ersten Jahres war sie fortwährend auf der Suche, starrte jeder Frau ins Gesicht, rannte jedem jungen Paar nach, das Emanuel und Rahel glich. Aber die häufigen Enttäuschungen hatten sie stumpf gemacht; '.sie besaß keine Energie mehr zum Betteln. Trotzdem war die Hoffnung, Rahel noch zu finden, der Schimmer von Idealismus, der ihre Seele am Leben erhielt. Die Stunden verstrichen, aber die bunten Ströme der Fußgeher, das Babel schreiender Verkäufer und plaudernder Käufer nahm nicht ab. Die Frauen befanden sich in der Mehrzahl; von Nah und Fern kamen die Hausfrauen herbei, um Festvorräthe einzuholen. Vergeblich wünschte ihnen Flatterentchen „ein gutes Siegel". Es sah aus, als ob ihr eigener Festtag schwarz und bitter sein würde wie das Fest von Ab. Aber sie fuhr fort, ihre blutlose Hand ausznstrecken. Gegen drei Uhr ging eine feine englische Dame in einem Hut mit einer Ledertasche in der Hand vorbei. „Schenken Sie mir etwas, liebe Dame! Mögen Sie eingeschrieben werden für ein gutes Jahr." Die schöne Dame blieb stehen und fuhr zusammen. Da that Flatterentchens Herz einen großen Freudensprung. Das Unmögliche hatte sich endlich ereignet. Hinter dem Schleier schimmerte das Gesicht Rahels, ein erstauntes, entsetztes Gesicht. „Rahel!" kreischte sie taumelnd. „Mutter!" rief Rahel, indem sie sie beim Arm faßte, „was thust Du hier? Was ist geschehen?" „Rühr' mich nicht an, Sünderin!" antwortete Flatterentchen und schüttelte sie mit einer tragischen Leidenschaft ab, die der grotesM Figur Würde verlieh. Nun, da Rahel in Fleisch und Blut vor ihr stand, tauchte die Erinnerung an ihre Schande wieder auf und überschwemmte alles. „Du hast die Mutter entehrt, die Dich geboren hat, und den Vater, der Dir das Leben schenkte." Die feine englische Dame, deren Herz sich beim Anblick der unglaublichen Armuth der Mutter mit plötzlicher Reue füllte, schrak vor den flammenden Augen zurück. Die Vorübergehenden dachten, daß Rahel der Bettlerin ein Almosen verweigert habe. (Schluß folgt.) Meder Glück noch Stern. Novelle von O. Bach. rz (Fortsetzung.) §>A^lffen Sie/ wem Sie eigentlich schon heute meinen, wie es - den Anschein hat, nicht allzu angenehmen, Besuch verj * danken?" fragte Louis den jungen Gelehrten. „Mit! Räthselrathen beschäftigen sich ja wohl weise Männer nicht, und bei; Ihnen, Sie gelehrtes Haus, hat man es nicht nöthig, Ihren Scharfi sinn auf die Probe zu stellen. Schwester Evchen hat mich heri geschickt und mir die Hölle so heiß gemacht, daß ich zerknirscht, als! ein reuiger Sünder vor Ihnen stehend, die Frage an Sie richte, ob j Sie einem so alten Schüler und, ich gestehe es bußfertig ein, einem! so faulen Schüler, wie ich bin, Mentor sein - wollen, d. h. mich zu dem bevorstehenden Examen vorbereiten wollen, welches ich dongre, malgre, auf höheren Befehl machen muß, auf die Gefahr hin, daß ich mit Glanz durchfalle, -- ein Grund, weshalb ich bisher immer wieder zurückgetreten bin. Pauken Sie mir eine gehörige Quantität Wissen ein, lieber Doktor; pauken Sie drauf los; vielleicht gelingt es Ihnen , etwas in diesen dicken Hirnschädel hineinzubringen. Ein schlecht zahlender Schüler werde ich nicht sein, dessen versichere ich Sie," setzte er lachend hinzu, „und bei aller Philosophie, denke ich, muß es Ihnen lieber sein, gut und viel, als schlecht und wenig essen und trinken, hübsch und bequem, als häßlich und unbequem wohnen zu können." Klein hatte dje lange Rede, welche Louis ohne Unterbrechung gehalten, mit sehr getheilten Empfindungen angehört. Die Art und Weise des jungen Mannes gefiel ihm; es lag eine jugendliche Frische in seinem Wesen, die Klein angenehm berührte, obwohl er selbst sie nie besessen. Ihm fehlte jede Spur von Leichtsinn, und dennoch fühlte er etwas wie Neid gerade auf diese Eigenschaft Louis'. Der Groll, den er so lange gegen alles, was Bernauer hieß, iw sich getragen, wallte noch einmal mächtig in ihm auf. Ein leises, nervöses Zittern, welches ihn nach, jeder Aufregung befiel, lief über seinen Körper; eine harte, ablehnende Antwort schwebte auf seinen Lippen, — diesen Menschen mochte er nicht dienen, sich von ihnen nicht abhängig machen. Alles war auch nicht durch Gold zu erreichen, und Louis-Bernauer, der Sohn des reichen Mannes, der mit so souveräner Verachtung auf den armen bittenden Knaben herabgesehen, sollte das Uebergewicht fühlen, welches in der geistigen Kraft lag. Allein, noch ehe er die abschlägige Antwort gegeben,chatte ein anderes, schmerzhaft beengendes Gefühl dem stolzen, ehrgeizigen Platz gemacht. Er hatte kein Recht.'mehr, irgend welche Arbeit, die sich ihm bot, von der Hand zu weisen. Er^hatte ja Schulden, — die ersten seines Lebens, Schulden, die ihn drückten. Das gestrige Fest hatte sie ihm aufgebürdet; er mußte sie tilgen um jeden Preis, da ja die mittellosen!Frauen seine Sorgen zu den ihren gemacht, ihre Sparpfennige geopfert, um ihm auch äußerlich das Ansehen zu verschaffen, welches er so reichlich verdiente. Darben, hungern, frieren durfte er auf eigene Faust; ob.sein Körper dabei zu Grunde ging, kümmerte Niemand, denn er gehörte nur sich an; mit dem Augenblicke aber, wo er Verpflichtungen auf sich geladen, hörte das Recht der Selbstbestimmung auf. Die fast krankhafte Erregung, die sich Kleins bemächtigt hatte, war den scharfen Augen Louis nicht entgangen. Ohne die peinlich werdende Pause, welche nach seinen letzten Worten eingetretenlwar, zu unterbrechen, schaute er vor sich hin, bis dann endlich Klein, schwer aufathmend. die Haare aus der feuchten Stirn streichend, hastig meinte: „Gut, versuchen wir's. Aber unter einer Bedingung. Das „Einpauken" — wie Sie es nennen — geschieht hier bei mir. — Zu Ihnen komme ich nicht. „Und weshalb nicht, wenn man fragen darf?" Klein stand dem jungen Mann dicht , gegenüber. „Weil ich lieber Hungers sterben würde, ehe ich noch einmal ein Haus betrete, in dem Ihr Vater wohnt." , „So?! Ja, ja, Papa kann manchmal recht unangenehm sein, — aber, nehmen Sie mir's nicht übel, hier ist >s doch etwas, ungemüthlich, so gar kein Komfort, — ich glaube, Sie haben nicht einmal ein Sopha, — so —" „Mein lieber Louis Bernauer, Sie haben vollständig freie Wahl, entweder, oder!" . .