Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1897)
- Date
- 1897-08-06
- Page
- Seite 381 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228235--53902-3267852- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- - ‘ ' 1 - 10. v.-■ - '; - Praest b; 25., 3l«guft 1816. : ': ''Indem wir 'denen hiesigen Synagogen AeMsten: das von dem hiesigen Künigl. Hochlöblichen Landräthlichen Amte unterm 22ten d. M. aus oommumeirten hohen Regierungs^kssoript vom 20. July o a. Nr 1379 in der abschriftlichen Anlage'mittheilen, geben wir denselben allen Ernstes hiermit auf, nicht'nur die in dem von Juden' bewohnten Stadtviertel Gelegenen -4-Brunnen binnen 4 Lägen weiß-und schwarz anst reichen, sondern' auch selbigenach 'gehöriger Reinigung repariren .zu lassen. 'Im Weigerungs-Falle stehet zu erwarten, daß bei Ablauf des jetzt oben festgesetzten Termins militärische Lxeeution sofort verfügt werden wird. Jnowrazlaw, 14. August 1816. Königl. Preußischer Llagisirat - ' Jastrzybsky. - An die Synagogen Aeltesten Hierselbst. --1 runmmimntmni 1-II---, . ..i ,i:.— ... —1 1—1 -———5 1“ 1L. || FEUILLETON | * I 1 pggtumiwniuuh ZSsuimiuiuimi! 1--II — - '-—^-:-1 1-1 * Flatterentchen. Bon I. Langwill. . . (Fortsetzung.) - . I^,in wilder Schreck ergriff Ludwig, der ihm einen wahnsinnigen Muth einflößte. Heilige Worte vor sich hinmnrmelnd griff er 'nach'der Gäns, bie ihm entwischte und flügelschlagend hin und-her flatterte. ' Ludwig - jagte ihr nach, während seine Lippen mechanisch beteten. Endlich erfing er sie bei einem Flügel, schleppte die zischende, zappelnde, schrille Schreie ausstoßende zum Fenster, schleuderte sie hinaus und warf den Laden-krachend zu. Dann sank er kraftlos gegen den Arbeitstisch und spie ein wenig Blut aus. ' - „Gelobt sei Gott," sagte' Flatterentchen, indem-sie langsam die Hände von den Augen-nahm. „Jetzt wird Rähel zurückkommen." Und mit neu erwachter Hoffnung warteten sie wieder; das tödtliche Schweigen ergriff abermals von dem Zimmer Besitz. Auf einmal hörten sie unter dein Fenster einen leichten Schritt; der Väter stieß es auf und sah in der Dunkelheit die Umriffe einer weiblichen-Gestalt. An der Thür ertönte ein Klopfen. -. „Ah, da ist -sie," rief Flatterentchenhysterisch in die Höhe fahrend. „Der Allheilige sei gelobt!" schrie Ludwig und stürzte die Treppe hinab. Eine seltsame Gestalt, deren Kopf von einem grünen Tartarshäwlbedeckt.war, empfing ihn. Ein kalter Schauer fuhr über seine Glieder. :; „Gott sei Dank, es ist Alles in Ordnung," sagte Frau Leskowitsch. „Ich sehe bei Ihnen Licht, es wird also noch immer gearbeitet. Aber wäre es nicht Zeit, daß mein Emanuel aufhört d" . „Ihr Emanuel?" keuchte Ludwig; in dem ein schrecklicher Verdacht aufstieg, „er ist schon früh weggegangen; er war krank." Flatterentchen, die ihm mit einer Kerze nachgekrochen war, schrie auf: „Gott in Israel, sie ist Mit Emanuel durchgegangen." „Still Du Närrin," flüsterte Ludwig wüthend. „Ja, sie haben es abgemacht, und Du gabst mir die Schuld,", keuchte^ Flatterentchen mit einem letzten . Instinkt der Selbstvertheidigüng, ehe' das -Bewußtsein sieverMß, und sie, vornüber niederfiel.- - -.- <; „Still," begann -Ludwig, aber eine schreckliche Verzweiflung ergriff-sein Herz, und salziges Blut war in seinem Munde, als er die fallende- Gestaltauffing. Der Leuchter fiel -zu Boden, und die Gruppe blieb in -dem tiefen Dunkel der Treppe und dem-kalten Zuge vor der offenen Thür zurück. „Gott, Hab Erbarmen mit-mir und den armen Kindern! Ich habe es immer gewußt, daß es einmal dazu kommen würde." jammerte die Frau Emanuels. - - „Und' ich habe ihm am Montag seinenWochenlohnvorgeschoffen," erinnerte sich Ludwig in dem Schmerz des Augenblickes-. IV. Das arme Flatterentchen. „Ihr Häubchen flog, ihr Nlcid flog auf, Und ein Ltoßwind fegt' die Aamrner." Cenn^fon: „Die Gans." Es war am Vorabend des Neujahrsfestes. Im Ghetto, wo Abend und Morgen ein Tag -sind, steht der Vorabend des Neujahrstages zu Mittag auf seiner Höhe. Die schmutzigen Marktplätzesind von Lärm erfüllt, und dasfrohe Gemisch der eingepreßten Menschheit bewegt sich langsam durch das Gedränge der Händler, Taschendiebe und Bettler. Es ist eine jener festlichen Gelegenheiten, da selbst die aus dem Ghetto Ausgewanderten zurückkehren, um jene leckeren Bissen zu kaufen, deren Geheimniß die Heiden nicht besitzen, und um sich die alte, vertraute Szene wieder einmal anzusehen.- Wohlwollen und Heiterkeit regen sich , alte Zwistigkeiten werden angesichts der feierlichen Reuezeit beigelegt und Feindschaften mit Schnaps hinuntergewaschen.; An der Stelle, wo die zwei Hauptmarktstraßen- Zusammentreffen, stand eine grauhaarige, ältere Frau-und bettelte. Armes Flatterentchen! Ihr Gatte war nach einer langwierigen Krankheit, die seine Ersparnisse aufzehrte, gestorben, ihre Tochter verloren, ihr Heim eine Matratze im Winkel einer Dachstube einer fremden Familie,- ihre verblichene Schönheit in Häßlichkeit verwandelt, ihre Gestalt mager und abgezehrt, ihr gelbes, runzeliges Gesicht von einem schlampigen Shawl eingerahmt, ihre Kleidung zerrissen und fadenscheinig — so stand Flatterentchen da und schnorrte. Ach, es ging Flatterentchen -nicht gut. Ihr leichtfertiger Kopf entsprach nicht den Anforderungen ihres Berufes. - Sie Hatte einen Platz gewählt, der offenbar der. allergünstigste war; aber sie hatte vergessen, daß, wenn auch alle Leute auf dem Markte an ihr vorübergehen mußten, sie bereits in der einen oder in der anderen Straße Strafgeld erlegt haben würden. Aber sie hielt hartnäckig die Hand ausgestreckt, wandte sich an jeden bedeutenderen Vorübergehenden und rief Denen, die nicht auf sieachteten, hörbare Flüche Nach. Die'Kälte des düsteren Herbsttages und die Gleichgiltigkeit des Publikums erstarrten sie dis in die Knochen; Thränen kamen ihr in die Augen, als 'sie an all ihr Elend Und an die glückliche Zeit noch vor ein paar Jahren dachte, da der Neujahrstag neue Kleider bedeutet hatte. Nur graue Stirnlöckchen — die letzte Eitelkeit der Bettlerin — waren ihr von aller ihrer'Eleganz zurückgeblieben. Nun ga^/es keinen falschen Chignon, kein Seidenkleid, kein dreifaches Halsband mehr — der blendende Putz, der sie zustolz' gemacht hatte, um mit ihren bewundernden Nachbarinnen zu sprechen nein, nun gab es nichts mehr als Hunger und Kälte und Spott und Einsamkeit. Jetzt, wo sie wirklich Federn gebrauchte, um . damit ihre Nacktheit. zu bekleiden, konntesie sich keine mehr