Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1897)
- Date
- 1897-08-06
- Page
- Seite 379 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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379 Die haben mir eine große Freude gemacht^ lieber Ring, mit der eingehenden Anzeige meines lebten Buches. Mir that nicht allein das Allgemeine darin wohl, sondern auch, daß ich den warmen Herzenston darin wahrnahm, und ich sehe es als besondere Genugthuung und als Ausgleichung an für anderweitig erfahrene Unbill. Es ist auffallend, wie die vergangenen Jahre großer nationaler.Enttäuschung die Menschen apathisch oder bestenfalls kritisch aller frischen Belebung gegenüber gemacht haben!. Man scheut sich vor dem Eingehen in die Intentionen eines Änderen, besonders aber vor harmloser Hingebung. Im gesellschaftlichen Verkehr, noch bemerkbarer aber in der Ausnahme geistiger Produktionen ist das zu finden. Das darf aber nicht abhalten, unverdrossen der inneren Pflicht zu genügen, und so gehe ich wohlgemuth meinen Weg weiter. Sehr liebwäre es, wenn ich dabei auch wieder Ihnen persönlich begegnete. Es waren doch auch schöne Stunden mitten im Wirrwarr des damaligen Treibens, die Stunden am Blücherplatz und die Gänge in den Promenaden! Es ist mir eine Erquickung, daß Sie aus jenen Tagen mir auch einen nachwirkenden Einfluß zuschreiben. Warum kommen Sie nicht einmal zu mir? Sie wissen, wie hart mir das Briefschreiben wird, aber plaudern möcht' ich mit Ihnen einen ganzen Sack voll... Dresden, 17. März 1862. . Berthold Auerbach. $ . . . Ich habe Ihnen etwas Erfreuliches und hoffentlich dauernd Ersprießliches mitzutheilen. Der Generalkonsul Strong — Miteigenthümer und Bevollmächtigter der Interessenten des Hamburger Corre- .spondenten — will von Neujahr an ein Feuilleton zu dem vergrößerten „Hamb. C." geben und hat mich wiederholt ersucht, ihm Beiträge irgend welcher Art zu liefern. Ich konnte ihm nur unbestimmte Zusage geben. Das ist aber eine ganz erwünschte Position für Sie, regelmäßig von Berlin aus sich an einem so fest begründeten Blatte zu betheiligen. Wenden Sie sich also an den genannten Herrn und sagen Sie, daß ich Sie dazu aufgefordert habe, und daß er sich nöthigenfalls, was aber gewiß nicht nöthig sein wird, bei mir genauere Erkundigungen über Sie einholen kann. Ich zweifle nicht, wenn Sie sogleich schreiben, Sie sich hier eine angenehme Position verschaffen, und es wird mir eine große Freude sein, dies vermittelt zu haben oder doch vermitteln zu können. . . Ich habe den ganzen Sommer über fast gar keine Zeitungen gelesen, kann mir's aber denken, daß Stahr das romantisch Candirte hochhebt! Er ist wie viele andere, die bald die rohe Realistik, bald das Ueberschwengliche hochheben und trotz aller hohen Theorien nicht begreifen, daß die Kunst , stilisirte Natur ist, daß es gilt, das lebendig Reale festzuhalten und eine Neuschöpfung durch den bewußten Geist daraus zu gestalten, der die Psyche, die dem Realen innewohnt, heraushebt und sozusagen erlöst; die romantische Flunkerei giebt nur die Täuschung hiervon. Mit freundschaftlichem Gruß Ihr Dresden, 27. Nov. 1862. Berthold Auerbach. (Schluß folgt.) ■ ■***■ Gssek — Kitnah. Ein Brunnenstreit. Bon Rabbiner Dr. I. Kohn in Jnowrazlaw. II. ur. näheren Erklärung der Umstände und Verhältnisse, unter denen dieser Streit zwischen Magistrat und jüdischer Gemeinde zu Jnowrazlaw geführt wurde, erlauben wir uns ans die großen politischen Umwälzungen hinzuweisen, die gerade zu jener Zeit die Welt in Athem hielten, Europa in seinen Grundvesten erschütterten, Throne wanken, Könige und Völker vom Schauplatz der Weltbühne weichen und schwinden machten und der Landkarte ein ganz neues Aussehen, eine ganz andere Gestalt gaben, als sie bisher besessen. Wer hätte es denn je geglaubt, daß. die große französische Revolution, dieser Heilsbronnen, aus dem die Völker, und Nationen die lebendigen und erquickenden Gewässer der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schöpften und tranken, wer hätte geglaubt, daß dieser große — Segensbrunnen auch die kleineren, vernachlässigten, verkümmerten, schlechtes, imgenießbares Wasser enthaltenden Brunnen in der Provinz Posen zu neuem Leben wecken werde! Wer hätte es je geglaubt, daß der große Kaiser Napoleon I. solch mächtigen Einfluß auf die jüdischen Gemeinde-Angelegenheiten in Jnowrazlaw ausüben, würde, als wäre er wirklich der erste „Nagid" der „Loßler Kehilla" gewesen, daß durch ihn, der die Welt in Brand gesteckt, die sogenannten Brunnen in Jnowrazlaw — zehn Jahre länger „verstopft" blieben, d. h. in ihrer Unbrauchbarkeit und Ungenießbarkeit verharrten, als ob er befürchtete, daß nicht etwa durch diese Brunnen der von ihm entzündete Weltbrand gelöscht werde! Und doch ist all dem in Wahrheit und Wirklichkeit so!! „Finte Poloniae“ rief der polnische Diktator Kosciuszko am 10. Oktober 1794, als er im Schlachtgetümmel verwundet vom Pferde stürzte, und damit war das Geschick Polens besiegelt. Die „lachenden Erben" traten nach der dritten Theilung Polens (1795) die Erbschaft an. Schon bei der ersten Theilung (1772) fiel Bromberg mit dem ganzen Netzedistrikt, später, bei der zweiten Theilung (1793) ganz Großpolen an Preußen. Nach dem Falle der preußischen Macht bei Jena (1806), nach dem Tilsiter Frieden (1807) wurden diese polnischen Theile Preußen wieder genommen und auf Geheiß des großen Kaisers Napoleon I. in ein „Bromberger Departement des Großherzogthums Warschau" umgewandelt, bis es 1815 wieder an .Preußen zurückfiel. Daher kommt es, daß Bromberg, das 1772 kaum 700 Einwohner zählte und zur Hauptstadt der ganzen polnischen ^„Erbschaft" erhoben wurde, noch keine „Königlich Preußische Regierung", sondern eine „Königliche Westpreußische Kriegs und Domänen Kammer Deputation" hatte, von der die uns vorliegenden ..Aktenstücke im Brunnenstreite unterzeichnet sind, daher kommt es, daß das letzte Aktenstück in diesem Streite, das sich an den preußischen König und die preußische Regierung wendet, vom 20. Mai 1805 datirt; von 1805 bis 1815, das sind volle zehn Jahre, ist der Janus-Tempel geschloffen, die Streitaxt beseitigt — der Kampf ruht, weil Polen während dieser Zeit nicht zu Preußen sondern zum Großherzogthum Warschau gehörte; kaum ist aber nach dem Mißgeschick und Untergang Napoleons I. sein Gebilde — das Herzogthum Warschau — zerronnen und das polnische Gebiet wieder an Preußen gekommen, da wird sofort der Krieges - Tempel »wieder geöffnet, die Streitaxt wieder zur Hand genommen, und der Kampf entbrennt um so heftiger von Neuem; jetzt ist es aber nicht mehr die „Westpreußische Krieges- und Domänen Cammer Deputation", sondern die „Königlich Preußische Regierung AbthMmg^I^zu Bromberg, die da richtet und entscheidet. . . Höchst interessant^ ist ja dieser Brunnenstreit zwischen Magistrat und jüdischer Gemeinde auch in kultureller Beziehung. Die Juden wollen um jeden Preis, daß die schadhaften Brunnen reparirt werden, damit dem Wassermangel abgeholfen werde. Der Magistrat vertheidigt seinen Vorsatz, die Brunnen nicht aus Kosten der Stadt machen lassen zu wollen, weil das Wasser in diesen Brunnen., „nicht sehr gut ist" zum Trinken. Braucht man denn aber das Wasser nur zum Trinken und nicht auch zum Waschen, zur Reinlichkeit und Sauberkeit, zu tausend Zwecken der Gesundheit? Die. Patrizier, die damals am Magistratstisch zu Jnowrazlaw gesessen, scheinen vom Waschen, von Sauberkeit und Reinlichkeit nicht viel gehalten zu haben, „dem Reinen ist alles rein" dachten sie; die Lehre des griechischen'Philosophen Thales von Milet „Thaies ex aqua dixit constare omnia“ (Cic. Acad. IV, 37) scheint sich ihrer Anerkennung nicht erfreut zu haben; die Welt, meinten sie» könne auch ohne Wasser bestehen; der,Jude aber, dem Reinlichkeit