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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-08-06 · Heft 32 (6.8.1897) · p. Seite 378

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 32 (6.8.1897)
Date
1897-08-06
Page
Seite 378 (sequence 6)
Language
German
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378 dünken zu ordnen; es wurde ihnen insbesondere überlaffen, ob sie überhaupt Kultusbeamte, d. h. Personen anstellen wollen, welche berufsmäßig mit dem Studium des jüdischen Religionswesens bezw. mit der Form der Beobachtung seiner Gebräuche sich befaßt haben und allein in der Lage sind, die Religionsübung in ihren vorgeschriebenen Formen einzurichten und zu wahren. Und bei solcher vom Staate geförderten Zersplitterung ist es ein nicht gewöhnliches Ereigniß, daß man seit dem 50 jährigen Bestehen des Gesetzes vom 23. Juli 1847, welchem ein wenn auch gesetzlich nicht fixirter, doch thatsächlich bestehender analoger Zustand seit dem Jahre 1812 vorangegangen war, niemals gehört hat, daß jüdische Gemeinden durch ihre Kultuseinrichtung gegen die öffentliche Ordnung verstoßen haben, daßljüdische Gemeinden auch in den von den Centren der Kultur entferntesten Ortschaften nicht nach Vermögen für die Erhaltung der Gottesfurcht und guten Sitte das ihrige gethan haben. Wenn ihnen doch nicht völlig gelungen ist, den infolge jahrhundertelanger Beschränkungen im bürgerlichen Leben unter den niederen Schichten der jüdischen Bevölkerung verbreiteten Hang nach Erwerb unter Umständen, welche mit der Sittlichkeit, den allgemeinen Anschauungen der Wohlanständigkeit nicht vereinbar sind, zu beseitigen, so liegt dies an den unzureichenden Mitteln der meist sehr armen, nur auf die Beiträge ihrer Mitglieder angewiesenen Gemeinden. Jede Subvention von Staatswegen für die Zwecke einer religiösen Erziehung unter den Juden ist ausgeschlossen, jede moralische Einwirkung von einer berufenen Centralstelle, an welcher Lehrer des jüdischen Religionswesens wirken, die von aufrichtiger Liebe zum Judenthum und zu seiner reinen Verwirklichung im praktischen Leben beseelt sind, fehlt den jüdischen Gemeinden der neun älteren Provinzen der preußischen Monarchie. Es ist wahrlich ein Bewerber inneren Vorzüglichkeit des Judenthums, daß unter solchen Verhältnissen die Einheitlichkeit des Judenthums in Preußen sich im Wesentlichen erhalten hat, und daß die gemeinnützige Wirksamkeit der jüdischen Gemeinden im Großen und Ganzen allgemeine Anerkennung verdient und sowohl bei den Behörden als auch von vorurtheilsfreien nichtjüdischen Mitbürgern achtungsvoll anerkannt wird. Briefe von Berthold Auerirach an Mar Ning. Mitgetheilt von Dr. Adolph Kohut. (9I^I^it Berthold Auerbach wurde Max Ring durch seinen Erstlingsroman: „Berlin und Breslau" in Breslau im Jahre 1849 bekannt. Dr. Max Ring lebte damals als praktischer Arzt in Breslau, wo sich auch Auerbach nach dem Tode seiner ersten Frau bei seinem Schwiegervater, dem Bankier und.-Lotteriekollekteur Moritz Schreiber, aufhielt. Auerbach, im persönlichen Verkehr einer der liebenswürdigsten Menschen, stets bemüht, selbst den gleichgiltigsten Leuten zu gefallen und sich immer neue Freunde zu erwerben, kam dem jungen Romancier mit großer Herzlichkeit entgegen. Ring verkehrte mit inniger Freude. mit dem schon damals so berühmten Romanschriftsteller, zumal ihm dieser ein unerschöpflicher Quell der Belehrung wurde, weil er einer der mittheilsamsten Menschen war, überreich an neuen Gedanken und überraschenden Bemerkungen, welche er mit wahrer Verschwendung ausstreute. Von dem, was er an einem Tage im Gespräch fallen ließ, konnte,ein Anderer'.Wochen lang zehren. „Das schenk' ich Dir", war eine seiner gewöhnlichen Redensarten, wenn er mit der ihm eigenen Selbstgefälligkeit etwas besonders Schönes und Gutes gesagt zu haben glaubte. Durch Auerbach wurde er auch mit deffen Schwager, dem noch lebenden geistvollen Schriftsteller Heinri ch La ndes ma nn (Hieronymus Lorm), dem unglücklichen Poeten, bekannt und befreundet. Wie Gutzkow von Ring in Dresden wiederholt ausgesucht wurde, so auch Auerbach, und immer wurde er von seinem Mentor, welcher ihn stets litterarisch und kritisch schulmeisterte, aufs Freundschaftlichste ausgenommen. Die Briefe Auerbachs an Max Ring sind in hohem Grade bezeichnend, sowohl für die Individualität ihres Schreibers, wie auch für die litterarischen und gesellschaftlichen Zustände jener. Zeit. AuS ihnen spricht der geistreiche, geniale Dichter, aber zugleich auch der an besonders stark ausgeprägtem Selbstbewußtsein leidende Mensch. Es ist merkwürdig, daß er bei all seiner Freundschaft für Ring für diesen fast nie ein Wort unbedingter Anerkennung hatte, daß er ihn nicht allein scharf kritisirte, sondern ihn auch fortwährend in rücksichtsloser Weise korrigirte. Wenn Ring ein solches Verfahren ihm gegenüber angewandt hätte, wäre die Freundschaft bald in die Brüche gegangen, denn Auerbach verstand in dieser Beziehung keinen Spaß; er ähnelte darin Gutzkow, und Ring mußte gar oft von ihm bittere Vorwürfe hören, wenn eine Kritik seiner Romane nicht sofort erfolgte, oder wenn gar dieselbe nicht in Superlativen geschrieben war. Aus all diesen Zuschriften ist jedenfalls ersichtlich, daß unser Jubilar ein stets liebenswürdiger, dienstbereiter und gutmüthiger Kollege war, eine versöhnliche Natur, die auf die beiden nervösen und exzentrischen Männer einen beruhigenden Einfluß ausüben mußte. Ich laffe nunmehr die mir durch Herrn Dr. Max Ring freundlichst übergebenen Briefe hier folgen und bemerke nur, daß ich hier und da diejenigen Stellen ausgelassen habe, die heutzutage belanglos sind und gegenwärtig absolut nicht iuteressiren würden. ft Haben Sie denn mein neues Buch nicht zugeschickt^bekommen, lieber Ring? Ich habe meinem Verleger den Auftrag gegeben, Ihnen solches alsbald zur Anzeige zuzusenden. Ich schrieb Ihnen nichts dazu, weil ich dachte, daß das Buch für sich allein sprechen und Ihnen mehr von mir erzählen solle, als je ein Brief in sich aufnehmen kann. Nun seh' ich mich aber vergebens nach einer Anzeige um, und doch ist mir daran im Interesse deffen, was das Buch vertritt, so besonders viel gelegen. — Ich habe es mir grundsätzlich versagt, der Kritik durch Ausdeutung und Erklärung der immanenten Intentionen Richtung und Gesichtspunkte zu geben. Ich hoffe, daß ein unbefangenes und gewissenhaftes Eingehen auf das Gegebene die Psyche des Ganzen nicht verkennen ließe. Jetzt muß ich leider sehen, daß die Großthuerei der bloßen Technik und oberflächliche Einsichtsnahme eine krasse Verkehrung zu Tage fördert. Gutzkow rät mir, ich solle selber für Feststellung des richtigen Standpunktes öffentlich auftreten — ich kann das nicht, es widerstrebt meiner ganzen Natur. Ihnen aber möchte ich doch einiges andeuten, damit Sie selber erkennen lernen mögen, ob und in wie weit ich das Erstrebte erreicht habe oder nicht. Ich habe meine Erzählung da begonnen, wo ein andrer sie geschloffen hätte, daß er etwa sagt, er widmete sich fortab dem Volke. . . Ist es nicht empörend lächerlich, daß man mir vorwirft, ich hätte nicht Partei ergriffen, während ich mich nicht an einer Umgestaltung politischer Formen genügen laffe, sondern darauf hinarbeite, daß die ganze Daseinsweise umgestaltet werden muß. Es ist mir ein wehmüthiger Gedanke, daß ich selber der Erklärer meiner Intentionen sein soll. Ich hatte gehofft, die zurückgezogene Unberührtheit nicht verletzen zu dürfen. Ich sehe, es geht nicht anders, und wenn auch wohl Manches, was ich hier sagte, bei Ihnen nicht nöthig war, und Sie solches wohl selbst finden, so schreiben Sie es dem Unmute über Verkennung und Verdrehung zu, der mich soweit fortriß. Mit freundschaftl. Gruße Ihr ergebener Dresden, 18. I. 1852. Berthold Auerbach.

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