Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1897)
- Date
- 1897-08-06
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Z-L. sich über die einschlägigen Verhältnisse nicht genügend unterrichtet zü haben, denn sonst müßte ihr bekannt sein, daß auf dem israelitischen Friedhofe in X. keinerlei Einrichtungen bestehen oder Bräuche geübt werden, an denen ein Nichtisraelit irgendwie Anstoß nehmen oder durch welche er sich behindert fühlen könnte, das Andenken eines dort bestatteten Angehörigen in derselben Weise zu pflegen, wie es auch auf kommunalen Friedhöfen üblich ist. Die israelitische Gemeinde zu X. hat den Hinterbliebenen des zufällig in dieser Stadt verstorbenen Justizraths N. auf ihre Bitte einen Dienst erwiesen, indem sie für das verstorbene Familienhaupt derselben Gastrecht auf ihrem Friedhofe eingeräumt hat. Sie wird die Ruhestätte des Fremden ebenso in Ehren halten wie die Gräber ihrer Gemeindegenossen. Aber andererseits darf sie auch beanspruchen, daß den Hinterbliebenen nicht gestattet werde, einen Einbruch in den Gräberfrieden der Gemeinde zu unternehmen und die religiösen Empfindungen derselben aufs Tiefste zu kränken. Diesem Antrag entsprechend ist von Seiten des großherzoglichen Ministeriums des Innern entschieden -worden, daß, obwohl der Ausgrabung der Leiche in politischer Hinsicht nichts entgegenstehe, der Austrag der Sache zwischen der Gesuchstellerin und der israelitischen Friedhofsgemeinde doch dem geordneten Wege Vorbehalten bleibe, als welcher die verwaltungsgerichtliche Klage beziehungsweise die Beschwerde an das dem Oberrath Vorgesetzte Ministerium der Justiz, des Kultus und Unterrichts in Betracht kommen wird. Man darf wohl darauf gespannt sein, welche Entscheidung das badische Ministerium in dieser Streitfrage treffen wird. Me Woche. f Berlin, 3. August, ie verschiedenen Parteien treffen schon ihre Vorbereitungei: für die nächsten Wahlen. Für uns sind dabei nur die Auseinandersetzungen zwischen Bündlern und Konservativen einerseits und den Antisemiten andererseits interessant und lehrreich. Während sich in Preußen an vielen Orten die Bündler mit den Antisemiten verbrüdern, hat sich in Sachsen, wo die Antisemiten starken Boden haben, zwischen den beiden Gruppen ein heftige Fehde entspannen. Im 24. ländlichen Wahlkreis haben die Bündler für die kommenden Landtagswahlen eine Kandidatur aufgestellt und verlangen, daß auch die Antisemiten für diese eintreten. Diese wollen' aber davon nichts wissen und setzen der Kandidatur der Bündler einen eigenen Kandidaten entgegen, und zwar einen, der ebenfalls zugleich Mitglied des Bundes der Landwirthe ist. Die Geschäftsleitung des Bundes der Landwirthe im Königreich Sachsen hat deshalb an die Vertrauensmänner des 24. Wahlkreises ein Schreiben gesandt, worin vor der Unterstützung des antisemitischen Kandidaten gewarnt und zugleich mitgetheilt wird, daß die deutschsoziale Reformpartei bisher mit dem Bunde keine Verständigung bezüglich der sächsischen Landtagswahlen gesucht habe. <$ Glückliches Ungarn! Dort diskutirt man noch eifrig die Frage: Giebt es einen Antisemitismus in Ungarn? Der Finanzminister Lukäcs hatte in einer der letzten Sitzungen des Abgeordnetenhauses gegen das Liebäugeln mit der Sozialdemokratie gesprochen und dabei gesagt : „daß dieses Streben zwischen den Grenzen des Antisemitismus nicht Halt machen, sondern auf solche Gebiete hinübergreifen wird, wo man es vielleicht nicht für wünschenswerth halten werde." Einen Tag später wurde diese Frage in derselben legislatorischen Körperschaft von einem anderen Redner berührt, und sie fand daselbst eine verschiedenartige Beantwortung. Hören wir den Bericht darüber: Böla Barabas war es, der auf die Aeußerungeu des Finanzministers reflektirte. Er sagte: „Der Finanzminister hat gestern hier ein solches Wort ausgesprochen, welches wir im Parlament seit Jahren nicht gehört haben. Er sprach vom Antisemitismus. Damit will er sagen, daß der Antisemitismus bei uns existirt." Stefan Nakovßky: Er ist auch vorhanden! (Heiterkeit.) N. Lepsönyi: Wie denn nicht! Gewiß giebt es einen solchen! Bela Barabas: Es scheint, daß der Minister hierin mit der Volkspartei übereinstimmt. Ich kann die Berechtigung des Antisemitismus nicht anerkennen; es giebt auch im Abgeordnetenhause keine Antisemiten mehr. (Stürmische Rufe in den Bänken der Volkspartei: „Ja, Einen, Franz Kornlüssy!") Wenn der Finanzminister vom Antisemitismus spricht, dann kann er nur die Absicht haben, diesem neue Nahrung zuzuführen. (Rufe: „Er will die Juden melken!") Ich, als liberaler Mann, will keinen Unterschied kennen zwischen dem einen und dem anderen im Ebenbilde Gottes geschaffenen Menschen." fr Wie uns ans Konstantinopel geschrieben wird, bestätigen dort eingetroffene Reisende die bisher vereinzelt eingelaufenen Meldungen über die Bedrückung der Juden in Persien. Diese hat ihren Grund in dem Bestreben der Gouverneure, einerseits ihre Einnahmen aus der pachtweise übernommenen Steuererhebung 31t erhöhen und andererseits die Unzufriedenheit der mohamedauischen Bevölkerung auf einen anderen Gegenstand abzulenken. Auf Betreiben der Gouverneure hat daher der Oberpriester Schagid Kagian einen langen Hirtenbrief erlassen, worin er die großen Gefahren schildert, welche den Gläubigen aus dem Eindringen der Ungläubigen und zumeist der Juden in die mohamedanische Bevölkerung erwachsen. Es sei daher nöthig, Jene wieder von den Gläubigen zu trennen, weshalb er folgende Anordnungen erläßt: Kein Jude oder Christ darf die Kleidung oder Haartracht der Mohamedaner tragen und nur in den ersten Vormittagsstunden die mohamedauischen Stadtviertel betreten. Jeder männliche Jude muß allmonatlich sein Haupthaar kurz scheeren und darf keine Kopfbedeckung oder einen der persischen Tracht ähnlichen Rock tragen. Dagegen sollen denjenigen Juden, welche binnen drei Monaten zum Islam übertreten, alle Vergünstigungen der Mohamedaner und alle Seligkeiten des Paradieses zutheil werden, wogegen jeder Scheinübertritt oder jede Rückkehr eines Uebergetretenen zuni Judenthum unnachsichtlich die Todesstrafe nach sich ziehen würde. Außerdem wurde von den Gouverneuren das von den Juden zu entrichtende Kopfgeld aus den doppelten utib dreifachen Betrag erhöht. Alle diese Anordnungen werden mit äußerster Strenge durchgeführt. Vielfach kommen überdies Ausschreitungen des mohamedauischen Pöbels gegen die Juden vor, so daß die Lage der etwa 500 000 Seelen betragenden jüdischen Bevölkerung Persiens eine sehr unangenehme geworden ist. Eine nicht nünber unfreundliche Behandlung erfahren übrigens auch die Armenier, welche während der letzten Jahre über die türkische Grenze nach dem nördlichen Persien flüchteten. Diese Leute, die zumeist nichts weiter als ihr nacktes Leben retteten und sich noch immer in der beklagenswerthesten Lage befinden, werden nun auch vor: den persischen Behörden in unmenschlicher Weise bedrückt. So hat sich gegenwärtig in Persien ein leidenschaftlicher Haß gegen alle Fremden und Nichtmohamedaner entwickelt, der in einem grellen Widerspruch zu den Reformversprechungen des gegenwärtigen Schahs steht. Das Centralkomitee der Alliance hat in folgendem Briefe an das Ministerium des Auswärtigen in Paris um Hilfe gebeten: Exzellenz! Am 15. Dezember 1896 haben wir die Ehre gehabt, Ihre wohlwollende Aufmerksamkeit auf die unglückliche Lage der Juden in Persien, besonders der außerhalb der Hauptstadt wohnenden, zu richten. Wir