Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1897)
- Date
- 1897-07-30
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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a Jakob Meyer, ist Sonntag Nacht nach längerem Kranksein verstorben. Herr Meyer hat durch mehrere Generationen hindurch dem Hause Cahn die treuesten Dienste gewidmet und war manches Jahrzehnt die Seele des Geschäftes. Vortreffliche Eigenschaften des Charakters und des Geistes machten ihn zu seiner Stellung besonders befähigt. Man darf unbestritten sagen, daß er der gewiegteste Finanzmann unserer Stadt Bonn war, und daß die Hochachtung vor seinen Kenntnissen und seinem Charakter weit über die hiesige Stadt hinausreichte. Dazu kam der schlichte Bürgersinn, der vornehm einfache Charakter und das edle Herz des Mannes. Meyer war unverheirathet, und dies setzte ihn in die Lage, von seinen Glücksgütern einen umfassenden Gebrauch im Dienste der Wohlthätigkeit zu machen. Da er die rechte Hand niemals wissen ließ, was die linke that, so ist davon kaum etwas in die Oeffentlichkeit gedrungen. Umsomehr halten wir es für unsere Pflicht, dies nach seinem allzu frühen Tode hier hervorzuheben. Im Vorstande der israelitischen Gemeinde, welchem er lange Jahre hindurch angehörte, hatte der Verstorbene ebenfalls Gelegenheit, segensreich zu wirken. Sein Andenken wird bei der Bonner Bürgerschaft stets in Ehren bleiben!" o. München, 23. Juli. Am 14. und 15. d. M. tagten hier unter Vorsitz des Herrn Rabbiner Dr. Werner, im Sitzungssaals der Kultusgemeinde die zur fünften Konferenz versammelten Rabbiner Baierns. Vor Eintritt in die Verhandlungen wurde ein Huldigungstelegramm an den Prinz-Regenten abgesandt, auf das folgende huldvolle Antwort eintraf: „Seine königliche Hoheit der Prinz-Regent entbieten den zur fünften Konferenz in München versammelten Rabbinern Baierns für die dargebrachte treue Huldigung Allerhöchstihren wärmsten Dank. Im Allerhöchsten Aufträge Freiherr v. Zoller, Generallieutenant, Generaladjutant." Den Haupttheil der Verhandlungen nahmen Fragen über Festsetzung eines Normallehrplanes für die israelitische Religionslehre an den Mittelschulen ein. Eine Kommission wurde zur Herstellung eines Lehrbuches für israelitische Religionslehre an den Mittelschulen eingesetzt. Ferner wurden die Statuten für die zu gründende Pensionskasse für Rabbiner berathen, wie auch über noch manche. amtliche Angelegenheiten Beschluß gefaßt. Am Nachmittage des 15. Juli fand die Versammlung der Ausschußmitglieder des Landesvereins zur Unterstützung nothleidender israelitischer Kultusgemeinden in Baiern unter Vorsitz des Herrn Justizrath Gunzenhäuser in Fürth statt. Es wurden für eine große Anzahl von hilfsbedürftigen Gemeinden in Baiern erhebliche Unterstützungen bewilligt. Am Abend fand ein Festessen zu Ehren der versammelten Rabbiner und Vertreter baierischer Gemeinden statt. Oesterreich - Ungarn. LI Wien, 26. Juli. Ein seit dem Bestehen der Schwurgerichte wohl noch nicht vorgekommener Fall beschäftigt zur Zeit das Oberlandesgericht in Lemberg und das österreichische Justizministerium. Von dem Schwurgericht in Zloczow in Galizien war vor Kurzem ein jüdischer Getreidehändler mit seiner Frau und Tochter wegen Meineides zu mehreren Jahren schweren Kerkers verurtheilt worden. Einige Zeit nach der Verurtheilung richteten die Geschworenen an den Vertheidiger der Verurtheilten eine . Eingabe, in der sie erklärten, daß sie unwissende Landleute seien und von dem Obmann der Jury in jener Gerichtsverhandlung, einem antisemitischen Gutsbesitzer, veranlaßt worden seien, die gestellte Schuldfrage zu bejahen. Er hätte ihnen bei der Berathung gedroht, daß, wenn sie die Schuldfrage verneinten, sie sich einer strafbaren Handlung schuldig machen würden. Diese Erklärung ist von dem Vertheidiger dem Oberlandesgericht und dem Justizministerium zur Prüfung unterbreitet worden. — Das Wiener Landesgericht hat soeben die Vorerhebungen wegen einer Ehrenbeleidigungsklage abgeschlossen, welche der Besitzer einer Molkerei in der Leopoldstadt, Herr Adolf Schlesinger, durch Dr. Ludwig Herzberg-Fränkel gegen den Kooperator Josef Dittrich und gegen O. I. Jirousek angestrengt hat. In dem Leopoldstädter antisemitischen Bezirksblatte „Echo", dessen Herausgeber der Kooperator Dittrich und dessen Redakteur Jirousek ist, erschien vor Kurzem unter dem Titel „Eine saubere Molkerei" eine Notiz, welche die Geschäftsehre des Besitzers der Molkerei in empfindlichster Weise trifft, indem demselben sanitätswidrige Gebahrung bei seinem Geschäftsbetriebe vorgeworfen wird, während die Besichtigung durch das Marktkommissariat keinerlei Anstand ergab. Herr Schlesinger hat nun die Ehrenbeleidigungsklage erhoben. — Am 15. d. M. fand in der Militärschwimmschule im Prater in Gegenwart des Generalkommandirenden von Wien und anderer hoher Offiziere das Wettschwimmen um die Meisterschaft von Oesterreich statt, bei dem die Meisterschwimmer Simon Orlick und Wahle den Preis davongetragen. — Der Landesschulrath hat die Wahl des Ignatz Weber zum Bürgerschuldirektor genehmigt. — Die Statthalterei hat den pharmazeutischen Assistenten Gottfried Rosenthal zum 1. Laboratorius in der IX. Rangklasse extra staturn ernannt. Frankreich. q*} Paris, 20. Juli. Vor Kurzem hat eine große antisemitische Volksversammlung im Wintercirkus stattgefunden, und es wäre Vogel Straußpolitik, zu leugnen, daß diese Versammlung ein großer Erfolg für die antisemitische Partei in Paris gewesen ist. Mehr als 2000 Menschen waren anwesend, darunter von angeseheneren Personen Millevoye, Guerin, Marcel Hadert, Julien Dumas, Joseph Menard, Houdaille, Dubuc rc. Alle diese haben zu der Versammlung gesprochen, aber den Haupterfolg hat Drumont davongetragen. Natürlich haben auch die nun einmal von derartigen Versammlungen untrennbaren Radauszenen nicht gefehlt, und die Rufe: „Nieder mit Juden!" sind verschiedene Male thatsächlich verwirklicht worden. Verschiedene gute Katholiken, die das Unglück haben, etwas jüdisch auszusehen, sind trotz .ihrer antisemitischen Gesinnungen so gründlich verhauen worden, daß dieselben nicht sobald wieder Lust verspüren werden, in die Versammlungen ihrer Parteigenossen zu gehen. Als Drumont die Versammlung verließ, brachten ihm seine Anhänger eine große Ovation dar, die Polizei schritt aber auf der Straße sofort ein und zerstreute die Menge. — Unsere Leser werden sich entsinnen, daß vor einigen Monaten die Studenten der Universität in Algier sich arge Exzesse gegen einen neuangestellten jüdischen Professor zu Schulden kommen ließen. Die beiden Rädelsführer, zwei Brüder Rögis, sind von der Universität relegirt worden, und auf ihre Appellation hat der oberste Unterrichtsrath die Relegation aufrecht erhalten. Diese Verfügung - hat eine große Entrüstung bei den antisemitischen Organen der Provinz Algier hervorgerufen, und mit Recht weisen die Pariser Zeitungen auf den rohen Ton hin, der in der antisemitischen Presse Algiers herrscht. Der „Siöcle" erinnert daran, daß noch keine lange Zeit seit den Exzessen in der Provinz Oran verstrichen ist und die Gehässigkeit der judenfeindlichen Presse wohl geeignet sei, neue Exzesse herbeizuführen. Großbritannien. B, London, 20. Juli. Am 11. d. Mts. fand die Generalversammlung der Anglo Jewish Association unter zahlreicher Betheiligung der angesehensten Persönlichkeiten statt. Mr. Claude G. Montefiore präsidirte und gedachte vor Eintritt in die Tagesordnung der beiden im letzten Jahre verstorbenen Vizepräsidenten, Sir John Simon und Sir Albert Saffoun. Der Präsident gab dann eine Uebersicht über die Thätigkeit der A. I. A., erwähnte das Hauptwerk: die Unterstützung der Schulen, welches einen Betrag von 38 000 Mark an Unterstützungen beanspruchte. In den von der A. I. A. subventionirten Schulen werden 4171 Knaben und 2892 Mädchen erzogen. Alle Berichte über die Thätigkeit dieser Schulen lauten durchaus günstig. Die A. I. A. ist, wie in früheren Jahren, bemüht gewesen, die verfolgten Juden in den uncivilisirten Ländern zu unterstützen. Mit Genugthuung verzeichnet sie ihre Erfolge in Tripolis und die Thatsache, daß in dem weiten Umfange des türkischen Reiches nicht der geringste Fall von Bedrückungen der Juden vorgekommen ist, während die Verhältnisse in Marokko und Persien sehr ungünstig liegen/ Montefiore erwähnte dann noch, daß die Jewish Kolonisation Association, in deren Vorstand die A. I. A. vertreten ist, bisher noch nicht viel thun konnte, da vielerlei Vorarbeiten zu machen sind. In Argentinien befinden sich nur noch 7000 Juden auf den Kolonien des Baron Hirsch, und die Lösung der russischen Judenfrage kann nach der Meinung Montefiores ausschließlich in Rußland selber liegen. Bedauerlicherweise bringt das englische Publikum der Anglo Jewish Association eine sehr geringe Theilnahme entgegen, und die Beiträge nehmen eher ab als zu. An diesen Bericht knüpfte sich eine lebhafte Debatte, in der Reverend Gaster das richtige Wort fand, um die Theilnahmlosigkeit der englischen Juden gegen die Thätigkeit der A. I. A. zu erklären. Er führte aus, daß dieselbe, genau wie die Alliance