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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-30 · Heft 31 (30.7.1897) · p. Seite 372

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 31 (30.7.1897)
Date
1897-07-30
Page
Seite 372 (sequence 12)
Language
German
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372 wie völlig ausgeblieben, und ich bin in nicht geringer Verlegenheit, indem ich mein Versprechen, über Karlsbad zu schreiben, erfüllen All. Augenblicklich hat die Frequenz des Weltbades die höchste Mhe seit dem Bestehen desselben erreicht. Man verzeichnet 11000 anwesende Personen. Ich überlasse es der „Kreuzzeitung", festzustellen> wie viele davon Juden sind. Bekanntlich hat dies fromme Blatt vor'drei oder vier Jahren die weniger fromme Ente gebracht, es seien damals in Karlsbad 11000 Juden als Kurgäste anwesend gewesen. -Nun, ganz so viele Glaubensgenosten sind augenblicklich nicht hier; aber wir bilden immerhin ein stattliches Kontingent der Badebevölkerung auch in diesem Jahre — und eine Jndenhetze würde hier wenig Aussicht auf Erfolg haben. Infolgedessen meiden die Herren Antisemiten auch Karlsbad wie die Hölle, und der bewährte und hochedle Wiener Antisemitenführer Gregorig hat im vorigen Jahre, als er die hiesige Kur gebrauchen mußte, in dem nahen Dorfe Fischern sein Zelt aufgeschlagen, um nur nicht in dem „Judenbade" wohnen zu müssen. Seine Gesinnungstüchtigkeit wurde auch besser belohnt, als sonst gute Thaten in diesem Jammerthal sich zu rentireu pflegen: In Fischern braucht inan nämlich keine Kurtaxe zu bezahlen! Ja, die leidige Kurtaxe, die wird von polnischen Judemwie von deutschen Antisemiten gleich gehaßt — und nur in dem Gemeindebüreau, wo die Reklamationen wegen Ermäßigung dieser Kurtaxe angebracht werden, finden sich beide sonst so feindliche Parteien friedlich und einträchtig zusammen: Die Mäuuer mit. den assyrischen Bärten und die Helden der weißen Nelke. Sonst merkt man hier nichts vom Antisemitismus — im Sommer! Die „christliche Luchhandlung" auf der Bahnhofsstraße ist längst mit ihrem Inhaber den Weg alles Tuches gegangen, und nur ^-verschämt grüßt uns aus dem kleinen Ladeil einer Seitenstraße die Büste des Herrn von. Wien, des Dr. Lueger. Der schaurige Mythus von der antisemitisch gewordenen „Waldmühle" klingt zu uns aus Marienbad nur dumpf und in verworrenen Tönen herüber, und die Sagen von einzelnen „judenreinen" Seebädern und anderen Antisemisthaufen erscheinen hier zu Lande kaum glaublich. So wäre Karlsbad wirklich ein Eldorado, wenn die Kur nicht' eine so anstrengende, wenn das Gedränge der bei den Quellen' des Heils Hilfesuchenden nicht ein so furchtbares, wenn die Preise nicht so hoch und die Luft nicht so schlecht, kurz, wenn Karlsbad, sagen wir zum Exempel in Baden-Baden liegen würde. Doch das ist ja Thorheit, und so freuen wir uns auch hier unseres Lebens und segnen den glücklichen Zufall, der uns in diesem Völkergewühl irgend einen guten alten Freund zuführt oder irgend eine neue interessante Bekanntschaft machen läßt, mit der sich die Badezeit leidlich gut überstehen läßt. Einen solchen alten Freund habe ich gestern mitten im dichtesten Gedränge am Mühlbrunn getroffen und sofort erkannt, obwohl ich ihn bereits seit mehr als dreißig Jahren nicht gesehen. Es ist mein alter Kompatriot Schimme Grünblatt aus derselben Khille, die die zweifelhafte Ehre genießt, auch meine Heimath zu sein. In. der Gasse nannten sie ihn einen Drehkopf. Und das war er im Grunde genommen auch wirklich. Kein Räthsel warihm zu schwer, keine Frage zu verwickelt, und sehr oft, wenn auch nicht immer,' hat erden berühmten Nagel auf. den Kopf — seines Nebenmenschen getroffen. Jetzt ist er sehr leidend, und seine erste Frage oder Selbstauklage lautete, indem er auf den vollen Becher wies: „Nu, Hab' ich das auf Brod gebraucht?" Nichtsdestoweniger läßt er sich auch durch die vier Becher Mühllind Schloßbrunn die gute Laune keineswegs trüben. Selbst die kalten Abreibungen, die ihm der Arzt verordnet, können ihn nur auf kurze Zeit verstimmen. Als er das erste Mal nach einer solchen aus dem Kaiserbade heimkehrte, j bemerkte er kopfschüttelnd: „Heißt e Welt! Wenn mich Einer zu Haus nur e so anrühret, hätt' er längst e Patsch gekriegt, daß ihm die Zähne in den Hals fliegen möchten!" Im Uebrigen ist mein Freund Schimme Grünblatt ein lachender Philosoph?'Er sieht die Dinge von der heitersten Seite an, und ich staune oft über die Lebensweisheit, die in diesem einfachen Manne verborgen liegt, aber immer zur rechten Zeit ans Tageslicht kommt. Im vorigen Jahre war er in Abbazia, und noch heute kann er nicht genug von-den Wundern des Meeres erzählen, das er dort zum ersten Male gesehen. Wenn man ihn fragt, wo es ihm bester gefalle, hier oder in Abbazia, so antwortet er wehmüthig .und kopfschüttelnd: „Den Unterschied will ich Klabberj/is spielen können!" Aus seiner Villegiatur an den Ufern des Adriatischen Meeres hat mein Freund übrigens auch einen hübschen Scherz mitgebracht, der den Vorzug hat — nicht erfunden zu sein. Eines schönen Tages saß er nämlich dort in einem Kaffeehause am Strande mit zwei Freunden und Gesinnungsgenossen, in das Spiel vertieft, dessen Feinheiten er, wie schon oben bemerkt,- so gut abzuschätzen weiß. Da zog ein Schiff vorbei, das einem reichen Engländer gehörte und durch seine Ausrüstung das allgemeine Interesse erregte. Die drei Freunde einigten sich, bald über Länge und Breite desselben. Dann bemerkte Einer von ihnen, der Schimme gern neckte: „Sag nur, Schimme, wenn das Schiff is 30 Meter lang und 12 Meter breit, wie alt is der Kapitän?" Schimme blickt ihn erst ein bischen verdutzt an, sagt aber nach einer Weile: „Das kann ich nix so geschwind beantworten, das muß ich mir erst überlegen;" dann legte er die Karten hin und geht Hinalls. Als er nach einer Viertelstunde an den Spieltisch zurückkehrt, wo seine beiden GeuoffeN sitzen, fragt der eine höhnisch: „Nu, Schimme, hast Du es schon?" „Ja," sagt Schimme Drehkopf. „Der Kapitän is 54 Jahr alt." „Wieso weißt De das?" fragt Jener verdutzt. „Ich Hab' ihm gefragt!" Jetzt war Jener „paff". Die Bekanntschaft oder vielmehr das Zusammentreffen mit Schimme Grünblatt ist der einzige humoristische Lichtpunkt in meinem diesjährigen Badeleben — und wenn meine geneigten Leser uns folgen wollen, so will ich ihnerr gern noch einige Mal davon erzählen, wie mein alter Freund von seiner philosophischen Warte aus das hiesige Badeleben ansieht. Freilich giebt es außer den humoristischen auch noch andere Lichtpullkte, die man nicht übersehen darf, will man das Badeleben aufrichtig und treu schildern. Das Zusammentreffen so vieler Glaubensgellossen aus alleil Ländern des bewohnten Erdenrunds bringt von selbst Folgen mit sich, die dem Judenthum zu gute kommen. Man lernt sich kennen und besser beurtheilen, man tausch! gegeuseitig Erfahrungen aus, Ulan erhebt sich an dem Beispiel, an den Mittheilungen und Berichtell aus anderen Ländern, und schließlich gelangt man zu der in dieser trüben Zeit doppelt werthvollen Erkenntniß: Ki lo almon Jisroel! Wie viel zwingende Kraft in solcher Bewegung und Begegnung fremder Menschen steckt, das kann man wirklich nur in einem großen Badeorte ermessen. Das Wichtigste aber und Bedeutsamste, was aus ' all diesen Begegnungen hervorgeht, ist die Erkenntniß, daß das Interesse für das Judenthunl, die Sorge um feine Zukunft neu sich belebt und frische Wurzeln geschlagen hat. Diese Erkenntniß drängt sich uns hier unwiderstehlich voll selbst auf. Und um dieser Erkenntniß willen nehmen wir gern gar vieles mit in den Kauf, was uns in den letzten Jahrzehnten verbittert oder betrübt hat. G. K. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.' 61. 3 verk< Inner merkst bemer dem l bei de haben den E die R ob ar Inder bracht eintre Verös „Mir Hörde vielle Regi billig Frei! Gene Hobel v. M Grur „Die word Jahr v. A damc land Koth lichst birgt Ober nnn und Blät Feri Sch stam dach deut welc Frei seinl UNl zeig hatt Gla von Unt daß mit bem

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