Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1897)
- Date
- 1897-07-30
- Page
- Seite 371 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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MUWMWW 371 studirte. aus einem Folioband mit winzig kleinem Drucke rabbinische Unterweisungen. Die Uhr der Whitechapel-Kirche, die plötzlich Mitternacht schlug, erweckte ihn aus diesen heiligen Spitzfindigkeiten. Er fuhr erschreckt zusammen. Rahel war noch nicht zurückgekommen. Das Feuer war herabgebrannt. Er schauerte zusammen und warf ein paar Kohlen auf, dann wartete er, auf ihren Tritt lauschend noch eine halbe Stunde. Die. Musikhalle mußte nun sicherlich schon geschlossen sein. Er kroch die Treppe hinab und wanderte ziellos in die kalte, sternlose Nacht hinaus; scheel lächelnde Frauen stießen ihn an, und traurig und hustend kehrte er zurück. Dann blitzte ihm der Gedanke durch den Kopf, daß seine Tochter zu ihrer Mutter gegangen sei, um sie von dem Hochzeitsfeste abzuholen und Frieden mit ihr zu schließen. Ja, so war's. Daher hatte sie ihre guten Kleider angezogen. Anders konnte es ja gar nicht sein. Gerne wäre , er selbst zu der Festlichkeit geeilt, aber er wußte nicht genau, wo sie stattfand, und um die Nachbarn zu fragen, war es bereits zn spät. Eins! Es war ein trauriger Ton voll finsterer Bestimmtheit — wie das Klirren eines Thores, das eine verschlosiene Seele ausschließt. Noch eine Stunde verstrich in schmerzlicher Spannung, die von der Zubereitung heißen Kaffees und Butterbroden für seine heimkehrenden Frauen kaum hinweggetäuscht wurde; dann kam Flatterentchen zurück. Sie war allein. Da kam sie in ihrer Droschke, ihre welkenden Züge, geröthet von Lebensfreude, mit den künstlichen Blumen in dem falschen Chignon und dem rothen Tuch über dem Kopf. „Wo ist Rahel?" keuchte der arme Ludwig, der sie bei der Hausthür empfing. „Rahel? Ist sie nicht da? Ich habe sie ja bei Dir gelassen," antwortete Flatterentchen bereits halb ernüchtert. „Barmherziger Gott!" rief ihr Gatte und fuhr von einem heftigen Schmerz durchbohrt mit der Hand nach der Brust. „Ich habe sie bei Dir zurückgelassen," wiederholte Flatterentchen mit blassen Lippen. Warum ließest Du sie fortgehen? Warum gabst Du nicht Acht auf sie?" „Schweig, Du sündhafte Mutter," rief Ludwig, „Du hast sie vor Fremden beschämt, und jetzt ist sie fort — um sich zu ertränken — was weiß ich." Flatterentchen brach in hysterisches Schluchzen aus. „Ja, nimm nur ihre Partei gegen mich. Du giebst mir immer an Allem die Schuld." „Beherrsche Dich," flüsterte er gebieterisch. „Willst Du vielleicht, daß die Nachbarn Alles wieder hören?" „Sie wird sich wohl irgendwo verstecken und trotzen, wie sie es als Kind immer that," sagte Flatterentchen. „Hast 'Du unters Bett geschaut?" Obwohl er wußte, daß diese Worte thöricht waren, gaben sie ihm einen Schimmer von Hoffnung. Ohne zu antworten, ging er voran, ergriff eine Kerze und durchsuchte das Schlafzimmer wieder mit lächerlicher Sorgfalt. Diesmal tröstete ihn der Anblick ihrer alten Kleider; wenn sie sich ertränken wollte, würde sie wohl nicht ihre besten Kleider genommen haben, um sie zu ruiniren, dachte er mit vielleicht allzu männlicher Logik. Plötzlich kam ihm ein Gedanke; er schob den Herdstein fort. Schon längst hatte er entdeckt, wo sie ihre Ersparnisse hielt, obwohl er sie. weder berührte noch seine Kenntniß verrieth. Die Zinnschachtel war aufgebrochen, leer! In den Schubladen befand sich kein einziger Schmuckgegenstand. Offenbar hatte Rahel das .Haus verlassen! Sie war heimlich über die Jakobsleiter gegangen. Die Eltern, von der Entdeckung niedergeschmettert, saßen in hilflosem Schweigen da, dann begann Flatterentchen ihre weißbehandschuhten Hände zu ringen und unzusammenhängende Rathschläge und Vorwürfe und Betheuerungen, daß sie keine Schuld habe, 31t stammeln. Der heiße Kaffee kühlte unberührt aus, das rothe Tuch lag zusammengedrückt auf beni Fußboden. Ludwig überschaute rasch die Lage. Was konnte man thun? Offenbar nichts, wenigstens in der Nacht. Selbst die Polizei konnte erst am Morgen etwas thun; aber sie überhaupt rufen, hieß den Skandal der ganzen Welt verkündigen. Rahel war zu irgend Jemandem gegangen, daran konnte kein Zweifel sein. Dennoch konnte er nicht zu Bett gehen; sein Herz erwartete sie noch immer, obwohl sein Gehirn die Hoffnung aufgegeben hatte. Ruhelos, von Hustenanfällen geschüttelt, ging er umher und fiel dann wieder auf seinen Stuhl vor dem erloschenen Feuer. Flatterentchen aber, vor Schreck endlich still geworden, saß in ihrem Putz und Tand betäubt auf dem Sofa; die weißen Blumen in dem falschen Haar schimmerten, und ihre blassen Wangen waren von Thränen befleckt. - So warteten sie in der feierlichen Stille der Nacht in dem wunderlichen Zimmer, spitzten bei jedem seltenen Fußtritt auf der Straße das Ohr, eilten zum Fenster, um hinauszuschauen, warteten auf das Klopfen, das nicht ertönte, und die Dämmerung, die noch fern war. Das Schweigen lag über ihnen wie ein Leichentuch. Plötzlich hörten sie in der seltsamen Stille ein Flattern und Kreischen, und als sie aufblickten, sahen sie etwas Großes, Weißes durch das Zimmer schweben. Flatterentchen stieß einen schrecklichen Schrei aus. „Höre, 0 Israel," kreischte sie. „Nu, nu," sagte Ludwig beruhigend, obwohl er kaum weniger erschrocken war, „es ist nur die trepha Gans, die sich losgerissen hat." „Nein, nein, es ist der Teufel," flüsterte Flatterentchen heiser. Sie bedeckte sich das Gesicht mit den Händen und zitterte wie eine Gelähmte. - Ihre Angst theilte sich ihrem Gatten mit. „Still, still, sprich nicht so," sagte er vor unbeschreiblichem Grauen erzitternd.;,Sag einen Psalm! Sag einen Psalm!" keuchte Flatterentchen, „Treib ihn hinaus." Ludwig öffnete das Fenster, aber der unreine Vogel zeigte keinen Wunsch, hinauszufliegen. Augenscheinlich war es der Böse selbst. . „Höre, 0 Israel!" jammerte Flatterentchen. „Seit sie in der Frühe herkam, ist Alles drunter und drüber gegangen." Die Gans schnatterte. (Forts, folgt.) Karlsbad 1897. 1. Werden Sie nicht auch in diesem Jahre etwas über Ihre Sommerreise schreiben? Viel zu oft, als dies für meine Bescheidenheit gut ist, habe ich die Frage während des letzten Winters und auch in dieser Sommersaison von gütigen Freunden gehört. Ach, ich wollte ihnen gern die schönsten Geschichten und..die besten Witze von Karlsbad erzählen zum Lohn für ihre Treue und Ausdauer — aber ich habe weder Geschichten noch Witze bisher in dieser Saison erlebt. Ich. weiß nicht, ob ich nur älter oder ob Karlsbad vielleicht ernster geworden ist — aber die Thatsache steht fest, daß es hier lange nicht mehr so harmlos und amüsant ist wie in früheren Jahren. Auch meine Freunde, die polnischen Chassidim, sind diesmal so gut