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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-30 · Heft 31 (30.7.1897) · p. Seite 369

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 31 (30.7.1897)
Date
1897-07-30
Page
Seite 369 (sequence 9)
Language
German
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fl IP 369 Dr. Scherer (Novalis), der berühmte Mineraloge und Professor an der Bergakademie in Freiberg in Sachsen, Dr. Sterm, Mitbegründer der jüdischen Reformgemeinde .in Berlin und zuletzt Schuldirektor in. Frankfurt a. M., Heinrich Smidt (Bürger), Verfasser beliebter Seeromane und Bibliothekar des Kriegsministeriums, .Dr. Bernhard Wo l ff (Paracelsus), später Eigenthümer der „National - Zeitung" und Begründer des Wolff'schen Telegraphen-Büreaus. lasr MaL Ring. Zu seinem 80. Geburtstage. Von Dr. Adolph Kohut. r hat nie seine Religion, nie seine Ueberzeugung „changirt", wie so manche andere „Ritter vom Geiste" in unserem Jahrhundert, welche persönlicher Vortheile wegen oder aus unklaren romantischen Neigungen dem Glauben ihrer Väter den Rücken kehrten. Immer blieb er ein treuer Sohn Israels im Leben wie in seinen Schriften; die Geschichte und Litteratur seines Volkes kannte er gründlich, und diese seine Kenntnisse hat er dazu benutzt, um in ausgezeichneten dichterischen Schöpfungen die Vergangenheit des Judenthums uns vor die Seele zu zaubern. Er ist eine herrliche Säule aus jener Zeit, als die Juden an dem Kulturleben des deutschen Volkes emsig mitzuarbeiten und ‘ es gewaltig zu beeinflussen anfingen. Mit den besten seiner Zeitgenossen, den ruhmreichsten Namen, stand er in enger Verbindung, unter ihnen ganz besonders mit dem unvergeßlichen, unsterblichen Bert hold Auerbach. . . Noch steht er. ungebeugt von der Last der Jahre, in bewunderungswürdiger geistiger Frische, unter uns, und es gereicht mir. zur hohen Freude, seiner an seinem 80. Wiegenfeste eingehender zu gedenken, — und mit mir wird gewiß überall, wo es nur Juden giebt, der Ehrentag des gefeierten und geliebten Jubilars pietätvoll begangen werden. Ich rede hier von Dr. Max Ring, dem berühmten Novellisten, Romanschriftsteller, Lyriker. Dramatiker und Essaisten, der am 4. August d. I. seinen 80. Geburtstag begeht. In der Reihe der herzlichen Gratulanten darf auch die „Zeitung des Judenthums" nicht fehlen, die seiner Feder, schon so viele geistreiche und anregende Beiträge zu verdanken hatte, darf aber auch die Judenheit als solche nicht fehlen, deren Zierde er ist, und für welche er seit Beginn seiner litterarischen Thätigkeit so oft eine Lanze gebrochen. Max Ring wurde am 4. August 1817 — nicht, wie es in allen Lexicis und Literaturgeschichten steht, 22. Juli — in dem schlesischen Städtchen Zauditz, Kreis Ratibor, geboren. Sein Vater, ein Landwirth, besaß eine Brennerei und Brauerei und war in der Nähe Warschaus aus der Besitzung des Ministers Grafen Haugwitz geboren und mit diesem im Alter von 14 Jahren nach Deutschland gekommen. Mit 14 Wochen verlor Max Ring seine Mutter. Wie der Vater ein tüchtiger und rechtschaffener Mann, so war die Mutter eine sehr schöne und gebildete Frau, die unter anderem mit Vorliebe Moses Mendelssohns „Phädon" und „Morgenstunden" las. Schon in früher Kindheit und Jugend lernte er einige charakteristische jüdische Gestalten kennen und gewann dadurch tiefen Einblick in das Volksleben; so z. B. die alte Chaje, eine arme, jüdische Handelsfrau, welche alle Welt bat, ihr einen Brief nach „Mexiko" an einen vor dreißig Jahren ihr mit einer kleinen Summe durchgegangenen Kunden zu schreiben, in dem festen Glauben, daß Amerika nicht viel größer als ihr Geburtsort sei, und dort Jeder ihren Schuldner kennen müsse; oder den jüdischen Krämer, einen alten Mann mit silberweißem * Bart und Haar, der den ganzen Tag Talmud studirte und laut in Gebetbüchern las. Von seinem Vater hatte der Sohn schon frühzeitig die Duldung gelernt; nie hörte dieser aus dem Munde des Ersteren ein gehässiges Wort gegen Andersgläubige. Man wurde zwar in der jüdischen Sprache, Litteratur und Religion unterwiesen, aber das Hauptgewicht wurde doch auf die Erfüllung sittlicher Pflichten, auf tugendhaften Lebenswandel und Reinheit der Gesinnung gelegt. In Gleiwitz besuchte der junge Mann die jüdische Gemeindeschule, die zuerst der Großvater des bekannten verstorbenen Possendichters Jacobsohn leitete, daneben ertheilte ihm ein Primaner, der spätere Geh. Sanitätsrath Dr. Graetzer, Unterricht in der lateinischen Sprache. Schon frühzeitig entwickelte sich in Ring — der ein Wunderknabe in des Wortes edler Bedeutung war — das poetische Talent. Mit acht Jahren dichtete er ein Poem: „Der Judenkirchhof",, welches von seinem tiefen jüdischen Gefühlsleben Zeugniß ablegt. Das ergreifende Stimmungslied schließt mit dem Vers: Nicht sterben können, ewig leben Zu tausendjährigem Hohn und Spott! Hab' Mitleid, du, allmächt'ger Vater, Nimm' uns zu Dir, barmherz'ger Gott! Und ist die Schuld auch groß gewesen. Wir büßten viele Tausend Jahr: O Herr, begrab' auf deinem Kirchhof Mich und der Meinen müde Schaar. Auf den Gymnasien zu Oppeln und Ratibor und später auf der Universität zu Breslau verkehrte er freundschaftlich mit jüdischen Männern, welche später Zierden der Wissenschaft und des öffentlichen Lebens geworden sind. Ich nenne nur den Kliniker Traube, den Agitator Ferdinand Lassalle u. s> w. Köstliche Anekdoten aus seiner Studentenzeit weiß der geistreiche und witzsprühende Max- Ring in seinen „Memoiren" zu erzähleil. Eine der lustigsten betrifft seinen Kommilitonen Albert Bräunersdorff, einen geborenen Juden, der sich jedoch, um die juristische Laufbahn, welche damals einem Juden verschlossen war, einschlagen zu können, taufen ließ. Zur Feier seiner Taufe hatte er sich mit seinen Taufzeugen, zwei gleichgesinnten Freunden, einen kleinen Rausch angetrunken und in diesem Zustande allerlei Skandal verübt. Der würdige Kurator der Universität, der Polizeipräsident Heinke, hielt sich verpflichtet, dem Neophyten eine ernste Strafpredigt zu halten, worin er besonders sein unschickliches Betragen an einem so feierlichen Tage rügte: „Auf diese Weise machen Sie der christlichen Religion, in deren Schooß Sie erst ausgenommen sind, wenig „Ehre". — „Verzeihen Sie, Herr Polizeipräsident," erwiederte der höfliche Delinquent mit dem ihm eigenen ironischen, freundlichen Lächeln, „zu diesem Zweck habe ich mich auch nicht taufen lassen!" Zu den Breslauer Originalen gehörten auch die Gebrüder Fränkel, die Stifter des Breslauer Rabbinerseminars. Trotz ihres großen Vermögens führten sie ein sehr einfaches Junggesellenleben, indem sie sich von der Welt zurückgezogen hielten. Auf die Vorstelluugen eines ihrer Freunde, daß sie doch auch die Gesellschaft besuchen und sich ein Vergnügen gönnen sollten, erwiederte der Aeltere: „Wenn ich mir ein Vergnügen machen will, brauche ich nicht in Gesellschaft zu gehen; dann esse ich zu Hause zwei Stunden später als sonst, und das Vergnügen kostet mich nichts." Im Jahre 1848 lebte Ring als vielgesuchter und beschäftigter prakt. Arzt in Gleiwitz und betheiligte sich an der politischen Bewegung, indem er in den Versammlungen der demokratischen Partei sprach. Um den Einfluß Rings zu entkräften, schleuderten seine

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