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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-30 · Heft 31 (30.7.1897) · p. Seite 368

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 31 (30.7.1897)
Date
1897-07-30
Page
Seite 368 (sequence 8)
Language
German
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dieser Beziehung hinter Wien und selbst hinter Prag zurückstehen müßte. Unter solchen Verhältnissen setzte ich mit Traube fleißig unsere in Breslau begonnenen Studien fort; besonders interessirten wir uns für die noch gänzlich neue und in Berlin wenig bekannte Auskultaton und Perkussion der Brust, für welche. es damals an der Universität noch keinen Lehrer gab. Wir waren daher auf die Schriften von Laenec und Skoda sowie auf unsere eigenen Erfahrungen angewiesen. Zu diesem Zweck klopften und untersuchten wir gegenseitig unsere Brustkasten oft' Stunden lang, um die verschiedenen Athemgeräusche unb Herztöne kennen zu lernen, ebenso - ließen wir keinen unserer Kranken ungeklopft und unbelauscht. Daneben sezirten wir fleißig in dem Leichenhause der Charite und experimentirten an Thieren. Eines Tages, an dem Traube ein frisches Kalbsgehirn unter dem Mikroskop untersucht hatte, setzten wir uns wie gewöhnlich zum Mittagsessen. Schon längst hatten wir die Bemerkung gemacht, daß unsere Verpflegung um so schlechter und dürftiger wurde, je mehr wir uns dem Ende des Monats näherten. . In der ersten Hälfte desselben war unser Tisch meist noch gut und reichlich bestellt, dagegen in der zweiten Hälfte um so schlechter und ärmlicher, was wohl damit zusammenhing, daß unsere Wirthsleute das ihnen im Voraus gezahlte Kostgeld zum Theil für sich selbst verwendeten. An diesen: Tage erhielten wir ein seltsames Ragout, das uns sehr verdächtig erschien. Bei genauerer Nachforschung entdeckten wir auch, daß der von Traube mit seinen anatomischen Messern sezirte Kalbskopf benutzt und uns in Form eines Ragout vorgesetzt worden war.- Es fehlte mir auch hier nicht an dichterischer Anregung. Bald wurde ich ein oft und gern gesehener Gast im „Sonntagsvereine","' der in einer bekannten Restauration Unter den Linden seine Sitzungen! hielt und damals eine Anzahl bedeutender und talentvoller Mitglieder besaß. Der eigentliche Stifter dieser für das alte Berlin wichtigen litterarischen Gesellschaft war der bekannte humoristische - Schriftsteller Moritz Saphir, der im Anfang der Zwanziger Jahre in Berlin lebte und die von ihm herausgegebene „Schnellpost"- redigirte. Im Jahre 1827 erließ Saphir eine gedruckte Einladung an seine Freunde und Bekannten, sich am 3. Dezember in seiner Wohnung, Behren- und Friedrichstraßenecke, wo jetzt der Prachtbau der Passage; steht, einzufinden, um die Vermählung der Frau „Sahne" mit dem Herrn „Kaffee" zu feiern. Nur eine kleine Anzahl meist unbekannter - Schriftsteller und einige Schauspieler, darunter der junge Komiker Louis Schneider und der berühmte Heldenspieler Lemm, sowie mehrere gebildete Privatleute folgten der wunderlichen Aufforderung. Auf Saphirs Wunsch machte Lemm der Versammlung den Vorschlag, einen Verein nach dem Vorbild der „Ludlamshöhle" in Wien zu bilden, der sich mit Ausschluß aller religiösen und politischen Fragen lediglich mit humoristisch - poetischen Arbeiten beschäftigen und hauptsächlich seine Satire gegen die Lobhudeleien und Prätensionen der damals in Berlin herrschenden litterarischen Cliquen richten sollte. In der nächsten Sitzung wurde Saphir zum Vorsitzenden, der7 erst zweiundzwanzigjährige Schauspieler Schneider zum Sekretär gewählt und die Statuten berathen. Die Gesellschaft nahm nach dem in jener Zeit von dem genialen Architekten Brunnel in London.- gebauten und allgemein bewunderten „Tunnel unter der Themse" den parodistischen Namen „Tunnel über der Spree" an. Die Mitglieder verzichteten während der Sitzungen auf ihren bürgerlichen Namen und alle Titel, statt deren sie einen mehr oder minder charakteristischen Beinamen, wie Aristophänes, Swift, Petrarka - u. s. w. erhielten, . Der Vorsitzende wurde „angebetetes Haupt", jedes produktive Mitglied „Makulatur", die bloßen Zuhörer „Klassiker", die vorgetragenen Arbeiten „Späne" genannt. Als Motto des Vereins galten die Worte : „Ungeheure Ironie und unendliche Wehmuth", zum Schutzpatron wurde der Schalk „Tyll Eulenspiegel", zum Abzeichen des Präsidenten ein „Stiefelknecht" gewählt, welcher später mit einem hohen Stab vertauscht wurde, dessen Spitze „Eule, Spiegel und Stiefelknecht" krönten. Die vorgelesenen Arbeiten wurden einer strengen Kritik unterzogen, deren Schärfe jedoch ein gemüthlicher Htlmor milderte. DagegenMrgte die Gesellschaft auch nicht mit ihrem Beifall, wenn die Leistung anerkennenswerth erschien, und ehrte das Talent durch Akklamation, wobei nach Tunnelbrauch nicht mit den Händen geklatscht, sondern mit den Füßen lebhaft gescharrt wurde. Zur Belebung des dichterischen Genius wurden von Zeit zu Zeit, besonders ain Stiftungsfest der Gesellschaft, dem auch ausnahmsweise die Damen der Mitglieder beiwohnen durften, poetische Wettkämpfe veranstaltet, nach Art der alten Troubadoure und Minnesänger förmliche Liebeshöfe abgehalten und in künstlichen Terzinen die aufgegebenen Fragen beantwortet: „Ist es besser, ungeliebt zu lieben, oder geliebt nicht' wieder zu lieben?" „Welches Herz liebt mehr, dasjenige, das nur Eine, oder das Viele liebt?" „Was ist schmerzlicher, den Nebenbuhler zu seiner Geliebten gehen oder von ihr kommen zu sehen?" Zuweilen wurden auch komische Themata und Witzübungen aufgegeben : ob im Fall einer Feuersbrunst im Tunnel der Spiegel oder der Stiefelknecht zu retten sei? Woher es komme, daß die Jungen im Winter Schneemänner, aber keine Schneefrauen machen? Ob der Stiefel oder der Schuh poetischer sei? Trotz der seltsamen Gebräuche -und eines gewissen philisterhaften Anstrichs, die unwillkürlich an die pedantischen Formen und Tabulaturen der alten Meistersänger - Schulen erinnerten, erfreute sich der Tunnel einer großen Beliebtheit und übte einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf das litterarische Berlin in jenen Tagen aus. Die meisten Mitglieder waren jedoch nicht Schriftsteller von Beruf, sondern gebildete Männer aus den verschiedensten Ständen, jüngere und ältere Juristen, Mediziner, Philologen, Regierungsbeamte, Offiziere und Kaufleute, welche in dem Verein Erholung von ihren täglichen Geschäften und geistige Anregung suchten. In jener Zeit, als ich den Tunnel besuchte, war der Assessor Heinrich von Mühl er (Cocceji), der spätere Kultusminister, Vorsitzender und sein Kollege Heinrich Friedberg (Canning), der spätere Justizminister, Schriftführer der Gesellschaft. Bemerkenswerth erschien mir noch der Assessor Löwe (Pufendorf), später Geheimer Obersinanzrath, der Rechtsanwalt Streber (Feuerbach), der Assessor Wilhelm von Merkel (Jmmermann), der Schwager Mühlers, ein scharfsinniger Jurist und geistvoller Satyriker; der Lieutenant von Glümer (Archenholz), damals zur Kriegsakademie kommandirt, 1870 Generallieutenant und Kommandeur der badischen Division, der Major Bl es so n (Carnot), früher Adjutant Blüchers und Militärschriftsteller, 1848 Kommandeur der Berliner Bürgerwehr, der Affessor Ribbeck (Matthision), später Vortragender Rath und Direktor im Ministerium des Innern, der Schriftsteller Dr. Bernhardt (Leisewitz), ein Neffe Tiecks und verdienstvoller Litterarhistoriker, der Assessor von Bülow (Taffo), später Generalkonsul in Smyrna; ferner der Hofschauspieler Louis Schneider (Campe der Karaibe), der Referendar Leopold Schweizer (Weißflog), später Theaterdirektor in Breslau und Chefredakteur der amtlichen „Wiener Zeitung", Wollheim da Fonseca (Byron), vielseitiger Schriftsteller, Polyglotte und offizieller Berichterstatter, Dr. Gildemeister (Camomis), vorzüglicher Uebersetzer Byrons, später Senator in Bremen und jetzt Mitglied des Bundesrathes;

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