Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1897)
- Date
- 1897-07-30
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
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Auch die „Münch. Mg. Ztg." hat wiederholt darauf hin- /. gewiesen, daß in Frankreich die antisemitische Bewegung mit derantiprotestantischen eng verknüpft ist.'- Der Pariser Korrespondent; des genannten Blattes schreibt: Z! „Wie eng .Chauvinismus und Antisemitismus zusammen hängen, Z wie leicht es gewissen patriotischen Schreiern wird, die Antipathien gegen das „internationale Judenthum" zu ihren Zwecken auszubeuten, hat der ' jetzt wieder so lebhaft erörterte Fall Dreysus außer Zweifel gestellt, und wie ganz dieselben Anschuldigungen, und Vorwürfemit denen man die jüdische Minderheit bekämpft, gewissenlosen Agitatoren zur Dis- . kreditirung der kleinen protestantischen Gemeinschaft dienen müssen, zeigt as hetzerische Treiben des ehemaligen Boulangistenhäuptlings Georges Thisband, der soeben eine Rundreise durch die Provinz an getreten hat, um durch Vorträge über „die französisch-russische Allianz und protestantische Frage" nicht nur einem Nachlassen der Revanchebestrebungen ' entgegenzuarbeiten, sondern auch die französischen Protestanten als schlechte , Patrioten und den Protestantismus als eine Gefahr für Frankreichs gesammte Entwickelung hinzustellen." Gin wshlgememter Math. Von Professor Dr. H. Steinthal. - oebm ist ein Buch erschienen: Kultur und Humanität. Völkerpsychalogische und Politische Untersuchungen. Von Dr. M eh e m e d E m i n Ef e n d i. *) Das Buch verdient manches Lob. Es geht mit der europäischen Kultur-Heuchelei scharf ins Gericht, indem es mit eingehender Umsicht und Schärfe die vier - vorzüglichsten Gegensätze im -Völkerleben bespricht, nämlich die Gegensätze der Rasse, der Sprache, der Religion, der Klasse. Der . Verfasser vertritt freilich die Humanität in edler Weise; aber er trägt eine naturalistisch-fatalistische Gesinnung: jene Gegensätze seien unausrottbar mit den Ausbrüchen ihres Hasses und ihrer Heuchelei. Natürlich spricht der Verfasser recht oft auch von den Juden unter den europäischen Völkern. Sein letztes Wort lautet in dieser Hinsicht also (S. 146): „Da es eine „„Lösung"" derartiger Fragen insolange nicht giebt und nicht geben kann, als Juden, Christen und Muselmanen existiren und mit einander in Berührung kommen, so ist es offenbar besser, die naturgesetzlichen Thatsachen zu nehmen, wie sie sind, statt dem Phantom einer wirklichen Gleichberechtigung nachzujagen. Den Juden würde ich daher einfach (?) rathen, von der Voraussetzung auszugehen, daß ihnen die christliche Bevölkerung nach Naturgesetzen von Anfang an bis zu einem gewissen Grade feindlich oder doch wenigstens unfreundlich gegenüber stehen muß. Mit Anerkennung, Dankbarkeit, ja sogar Bewunderung werden sie dann der Thatsache sich bewußt werden, der sie anderenfalls wegen, ihrer vermeintlichen Selbstverständlichkeit gar keine Beachtung schenken: Wie viel hochherzige Gerechtigkeit, ja sogar wie viel Liebe wird uns von christlicher Seite in zahllosen Fällen entgegengebracht!" Der Rath ist wohlgemeint und konnte nach des Verfassers Ansicht nicht anders lauten. Nur „einfach", ist er nicht, denn er enthält ein Doppeltes: erstlich, ihr Juden, fügt euch der unabänderlichen gesetzlichen Naturnothwendigkeit; zweitens seid dabei auch dankbar. Das Eine wie das Andere aber braucht uns nicht erst gesagt zu werden. Beides haben wir Juden zu allen Zeiten aller Orten unseres Exils gethan, insofern nie und nirgends unsererseits der Versuch einer Empörung, einer Gewaltthätigkeit gemacht war, um uns Rechte r) Würzburg. Stahelsche Buchhandlung. 1897. , zu erobern. Nein,- ruhig, haben wir alle Verfügungen. Über uns ergehen lassen, wie viel Schmerz uns auch diese gebracht haben.. In früheren Jahrhunderten sah der 'Jude in all dem, dieerziehende Hand Gottes; r) in neuerer Zeit kämpften wir, wie wir auch frWr gethan haben, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden wah durchs Wort: In aller Ruhe und Gelassenheit fordern, wir Gleichberechtigung.^ allerdings wirkliche, zu verwirklichende, keine, phantastische. Thäten wir anders, wie der Verfasser will, so würden wir. ja Denen zustimmen und Recht geben, die uns nicht als Deutsche, Franzosem u. s. w. anerkennen und gelten lassen wollen. Die Religion ist' das ' Einzige, soll als das Einzige gelten, was uns von der großen Mehrheit der Bewohner unseres Vaterlandes trennt, welche jaselbst religiös mehrfach gespalten sind. - - Die Mahnung zur Dankbarkeit aber dünkt uns seltsam. Eine wie rührende Dankbarkeit haben die Juden der Bukowina und auch wohl anderwärts für Schiller! Auch für Kotzebüe! Diese geistig , und materiell so Armen! Und nun gar Lessing! Schon das Gefühl dieser Armen geht über spezifisch jüdische Dankbarkeit hinaus, richtet sich auf den deutschen Geist überhaupt. Und wenn ich nun weiter an Kant denke, an Hegel, wie geben sich ihnen die Juden hin! Doch wozu Einzelheiten? — und Bescheidenheit steht hier gar nicht in Frage —, der ganze Enthusiasmus, mit welchem die Juden seit Mendelssohn sich der allgemeinen Kultur Hingaben und hittgeben, ist das nicht volle Dankbarkeit, herzinnige Liebe für Deutschthum? Wenn uns die Thorheit der Burschenschaft so schmerzlich berührt- und wenn un8 so vieles Andere im Leben des deutschen Volkes wehe that und thut, ist es nicht der Schmerz um den deutschen Geist? Ist es nicht allemal der sich aus der Brust drängende Weheruf: Ist das noch das Volk der Dichter und Denker! Ja, nicht einmal das Land der Schulen und Kasernen! v Wie viel bei den Juden von dem „bitterer: Gefühl des erlittenen Unrechts" zu finden, dürfte schwer zu sagen sein. Wenn ich an den Mathematiker Meyer Hirsch denke, so möchte ich sagen, er habe seine Bitterkeit bis zu dem vollen Heroismus ausgebildet, der -da spricht: Was wollt ihr mir geben? Wer bin ich euch? Denke ich an die Landjuden, wie ich sie kenne, so fällt mir ein, wie sie jeden höher stehenden Christen, der freundlich mit ihnen spricht und handelt, mit dem Ehrentitel „Freund Israels" (Oheb Jisrael) benennen, dem alle Dankbarkeit gebührt. Sonst wird es ja wohl, wie überall in Gefühlssachen, auf die Nervenorganisation und den durch die mehr öder weniger spinozistische Weltanschauung gestalteten Charakter ankommett. Es wird ja wohl nicht wenige Juden geben, welche, wie ich, den Schmerz über das Unrecht in jedem einzelnen Falle fühlen, lm Allgemeinen aber nur von der Stimmung der Wehmuth beseelt sind. . - . . , .... Ob wir früher gesagt haben: das ist Einer von unseren Leuten, oder ob unsere Gegner früher gesagt haben: Einer von euren Leuten 7weitz ich nicht. Aber wenn M die Juden freuen, daß einmal dieser 'öder jener Mann aus ihrer Mitte - etwas in Wissenschaft, Kunst, 'Dichtung, Praxis, leistet, was über das Mittelmaß hinausgeht will man darin eine Aussonderung sehen? Freut sich, nicht jede Provinz Deutschlands ihrer besonderen Kinder? Freut sich der deutsche Schuhmacher nicht seines Hans Sachs, Jacob Böhm? Und etwa nicht mit Recht? ." , Und wenn es uns umgekehrt schmerzt, daß. man Heinrich Heine, Börne vom deutschen Parnaß herabwerfen will — o, ihr versteht uns ja gar. nicht! Daß ihr die deutsche Litteratur. um wesentliche, 1) Das späthebräische Wort jissurim für „Schmerzen" bedeutet ursprünglich „Züchtigungen". ....