Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1897)
- Date
- 1897-07-30
- Page
- Seite 363 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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' "•I 363 war 1682 bei den Evangelischen am stärksten, bei den Juden am schwächsten. 1895 hat sich dies Verhältnis; sehr geändert. Unter 100 Personen waren berufslose Angehörige bei den Evangelischen 54,97, bei den Juden 55,57, bei den Katholiken 55,91. Die Heranziehung ist also bei ben Letzteren am schwächsten geworden. Bei den Juden hat besonders die Thätigkeit der weiblichen Personen stark zugenommen, sie wuchs von 15,94 v. H. im Jahre 1882 auf 21,97 im Jahre 1895; bei den Evangelischen von 24,02 auf 26,40 v. H. Noch schärfer treten die Unterschiede der Verkeilung nach dem Hauptberuf hervor, wenn man die Berufs- oder Erwerbstätigen für sich betrachtet. Diese Vertheilung wird durch folgende Tabelle veranschaulicht, wobei wir die Ziffern von 1882 denen von 1895 gegenüberstellen. Die Erklärung der Berufsabtheilungen A., B., C. (1 und 2), D., E., F ist aus der ersten Tabelle zu entnehmen: Es entfielen; auf die einzelnen Berufsabtheilungen von je 10O Evangel. Katholik. 1 Juden Erwerb sthätigen überhaupt 1882 1895 1882 I 1895 1 1882 1895 1882 1895. A. 38,86 32,96 43,80 37,06 1 1,24 1,03 40,06 33,97 B. 30,95 33,08 31,91 35,47 20,82 20,67 31,17 33,78 c /i. .. 3,99 5,01 2,95 3,61 58,95 51,04 4,23 5,07 U12. . . . 3,94 4,94 2,82 3,92 3,07 2,80 3,55 4,56 v. . .;; . 10,41 8,44 9,30 7,62 I 3,20 2,98 9,95 8,09 E. 5,44 6,35 4,21 4,89 4,63 6,10 5,02 5,85 Zusammen. 93,59 90,78 94,99 92,-') 7 86,91 84,62 93,98 91,32 F.. 6,41 9,22 5,01 7,43 13,09 15,38 6,02 8,68 Von je 100 Erwerbenden jedes Berufes waren' in den Jahren 1882 und 1895 thätig in folgenden Gewerben: Evaugel. Katholik. Juden 1882 1895! 11882 1895 1882 1895 Buch- und Kunstdrucke ........ 0,35 0,491 0,21 0,30 0,40 0,51 Bekleidungsrc. Gew. ........ 6,90 6,52 6,09 5,92 7,91 8,63 Nahrungs und Genußmittel-Jnd. . . 3,23 3,56 2,71 3,12 6,76 5,34 Beherbergungs- und Schankgew. . . 1,34 2,15 1,05 1,72 2,66 2,45 Ferner: Heeres- und Kriegsflottendienst . . . 2,39 2,85 1,91 2,1.1 0,68 1,04 Verwaltung und Rechtspflege .... 1,17 1,37 0,73 0,88 0,78 1,14 Religionspflege, Erziehung, Unterr. 1,13 1,21 0,91 1,11 1,89 1,69 Gesundheits- und Krankenpflege. . . 0,33 0,471 0,38 0,53 0,78 1,53 Schriftstellerei, ausübende Künste . . 0,43 0,451 0,27 0,26 0,51 0,70 Es wird selbstverständlich noch nothwendig sein, diese wichtigen Ergebnisse der letzten Berufszählung von unserem Standpunkte aus näher zu beleuchten. Die Ausweisungen fremdländischer Juden haben nunmehr auch eine offiziöse Vertheidigung erfahren. Eine in Leipzig erschienene und Herrn von Miquel gewidmete anonyme Broschüre hatte die Frage der Zulassung slavischer Arbeiter aus Rußland und die jüdische Einwanderung zum Kriterium dafür hingestellt, ob die preußische Regierung „national" sei oder nicht. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" erklärt nun, die Regierung gegen die Anklage, dem „nationalen Empfinden der Nation" nicht Rechnung zu tragen, zu vertheidigen: „Der jüdischen Einwanderung wird unseres Wissens mit allen zulässigen Mitteln seit Jahren entgegen gewirkt; das beweisen schon die Ausweisungen, über die in gewissen Zeitungen ja oft genug Beschwerde geführt wird. In jene Statistik über Ausweisungen, auf die sich der Verfasser beruft, sind nur die auf Grund des Reichs- Strafgesetzbuches erfolgten ausgenommen Diese Statistik kann hier also gar nicht zum Beweis herangezogen werden. Was die Wiederaufnahme der Ausgewiesenen in Rußland betrifft, so ist Rußland nach einem mit ihm abgeschlossenen Abkommen vom Februar 1894 verpflichtet, feine Staatsangehörigen, also auch die jüdischen, zu übernehmen, und Rußland kommt, wie zahlreiche Beispiele beweisen, dieser Verpflichtung nach." Der Aeußerung des Verfassers gegenüber: „Und hat man einmal vernommen, daß der oder jener Provinzial- oder Polizeipräsident in der Anwandlung nationaler Regungen die ausländischen Juden mit Ausweisung bedrohe, so berichten gleich darauf die liberalen Zeitungen mit Befriedigung, daß dasMinisterium des Innern die Ausweisungsmaßregel aufgehoben oder bedeutend gemildert habe", ist lediglich zu bemerken, daß die liberalen Zeitungen alsdann wohl falsch berichtet haben werden. Der Verfasser führt — wie er sagt, zur Charakteristik des jetzigen Ministers des Innern — Folgendes an: „Der Polizeipräsident von Köln hatte von den dortigen Ausländern verlangt, daß sie zeitweise die Pässe vorlegten, um zu verhindern, daß Ausländer, deren Pässe abgelaufen waren, oder die überhaupt keine Legitimation halten, bei uns dauernd verblieben. Dieses Verlangen mißbilligt Herr v. d. Recke in einem Erlasse an den Oberpräsidenten der Provinz mit der Begründung, daß die Vorlegung und die regelmäßige Erneuerung der Ausweispapiere in der Regel nur von denjenigen Ausländern zu fordern sei, die nach ihren Verhältnissen der Armenpflege zur Last fallen oder in anderer Weise lästig zu werden drohten." Hieraus wird gefolgert, daß „der Minister bei der Frage, ob den Ausländern die Niederlassung in Preußen zu erlauben' sei, nationale Rücksichten nicht maßgebend sein lassen will'. Nun hat aber gerade der Minister jene Ausläuderkontrole, wie dem Verfasser aus den Zeitungen bekannt sein könnte, allgemein angeordnet; und was sollte für den Minister hierbei anderes maßgebend gewesen sein als nationale Rücksichten? Wenn der Anonymus schließlich meint, dem Grundsätze der russischen Juden: ubi bene ibi patria, sei auch mit einer Erschwerung der Naturalisation nicht beizukommen, so glauben wir, daß solchen Elementen gegenüber die Naturalisation überhaupt verweigert und regelmäßig zur Ausweisung geschritten wird." Wir glauben kaum, daß diese mehr als ungeschickte Vertheidigung den Intentionen der Kreise entsprechen wird, denen sie doch zu dienen beabsichtigt. ■ * Der französische Antisemitismus macht immer weitere Fortschritte. Kürzlich wurden die Statute!: eines neu gegründeten legitimistischen Vereines in Paris veröffentlicht. In denselben fand sich ein Paragraph, dahin lautend, daß Mitglieder dieses Vereines nur Franzosen sein könnten, Juden dagegen ausgeschlossen sind. Es ist nur erfreulich, daß die ganze legitimistische Partei überhaupt nicht mehr ernst genommen wird, es daher auch keine Bedeutung hat, wenn dieselbe die Juden ausschließt. Vor zwei Jahren eröffnete die „Libre Parole" einen Wettbewerb von Schriften über praktische Mittel, „die Judenherrschaft in Frankreich" Mbrechen, wobei die Juden vom Standpunkte der Raffe, nicht vom religiösen Gesichtspunkte zu beurtheilen sind. Charakteristischerweise sind nichts weniger als 150 Manuskripte eingelaufen, von denen jetzt die antisemitische Buchhandlung die eine preisgekrönte Schrift eines gewissen A. Tilloy veröffentlicht. Der Verfaffer wirft überall die Juden und die Freimaurer zusammen, und von seiner Urteilsfähigkeit kann folgendes Beispiel einen Beweis geben. Bekanntlich ist das Bureau der Alliance israelite Universelle in der Rue de Trevise, und Monsieur Tilloy theilt nun die Schauermär mit, daß die Alliance die Hotels dritten Ranges dieser Straße gemiethet habe, um hier die nach Paris kommenden angesehenen auswärtigen Juden unauffällig einzuquartieren, welche zu den geheimes Konferenzen der Alliance eingeladen werden. Naturgemäß überschätzt der Mann auch die Zahl der Juden ganz gewaltig; giebt' er sie doch auf 18 Millionen an, während sie bekanntlich höchstens die Hälfte zählen. Wenn schon der ^Verfasser der preisgekrönten Schrift eine derartige Unwissenheit und Vorliebe für Märchen zeigt, so kann man daraus schließen, wie es um die Verfasser der anderen 149 Schriften bestellt sein muß.