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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-30 · Heft 31 (30.7.1897) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 31 (30.7.1897)
Date
1897-07-30
Page
Seite 362 (sequence 2)
Language
German
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üff? S6S durch die Rührigkeit der Juden den ganzen Geschäftsverkehr in lebhaftem Flusse erhielt. . . Der Hauptvorwurf, den man den Juden immer macht, ist der des Wuchers, und zur Begründung der judenfeindlichen Maßregeln der Regierung mußte gerade diese Beschuldigung hauptsächlich herhalten; besser ist der Bauer aber auch jetzt nicht daran, sondern im Gegeutheil viel schlechter. Während nach den Berichten der Regierung die Juden in den Gouvernements Cherson und Jekatharinowslaw als Wucherzinsen 18, resp. 25 pCt. nehmen, verlangt und erhält der christliche - Wucherer in den judenreinen Distrikten nach denselben Berichten durchschnittlich 200 pCt., mindestens aber 75. Selbst die antisemitischen Zeitungen, welche die Regierung beloben, weil sie gegen die „jüdischen Wucherer" so energisch vorgegangen ist, müssen eingestehen, daß „die Bevölkerung von den christlichen Wucherern, die an ihre Stelle getreten sind, noch rücksichtsloser ausgebeutet wird." So nehmen z. B. auch die Pfandleihanstalten, seitdem die Juden ihre Geschäfte schließen mußten, statt 36 pCt. 60 und oft sogar 70 pCt., und das findet in der Hauptstadt Rußlands statt, welche man mit so energischen Maßregeln von den Juden befreit hat. — Auch der Handel mit Textilwaaren, deren Fabrikation auch in Moskau besonders stark ist, hat sehr durch die Entfernung der Juden gelitten. Das offizielle Organ des Finanzministeriums sprach im Jahre 1894 dies deutlich aus. „Im Moskauer Handel ist vollständiger Stillstand eingetreten, und die Nachfrage nach dortigen Artikeln nimmt immer mehr ab. Man müßte auch die Beschränkungen reduziren, welche gewisse Gruppen der Bevölkerung vom dortigen Handel und Verkehr fernhalten." Professor Chmerkine bringt auch interessante Vergleiche zwischen den Provinzen des Ansiedelungsrayons und den judenreinen Distrikten Rußlands. Er weist ziffernmäßig nach, daß die Steuerrückstünde im Ansiedelungsrayon viel kleiner sind als im anderen Theile, daß die ländliche Verschuldung eine viel geringere ist, der Wohlstand des Bauern ein viel größerer und infolgedessen' die Verbrechen und die Sterbefälle geringer sind als in den judenreinen Provinzen. Sehr bemerkenswerth sind die Zahlen, aus denen sich ergiebt, daß die aus der Leibeigenschaft befreiten Bauern sich bedeutend besser befinden in denjenigen Dörfern, in denen von Alters her Juden mit Erlaubniß der Großgrundbesitzer ansässig waren. —- Nicht ganz so schlüssig als die bisher angeführten Nachweise des Herrn Chmerkine erscheinen seine Versuche, die Verdienste der jüdischen Händler in einer Reihe von Gouvernements zu berechnen. Der Nutzen, den ein Kaufmann aus seinem Geschäfte zieht, wird sich besonders in russischen Verhältnissen schwerlich berechnen lassen; dagegen ist von großer Bedeutung die Thatsache, daß die Zahl der Kaufleute erster und zweiter Gilde nicht annähernd in: Verhältniß zur Bevölkerung sich vermehrt hat. So gab es im Gouvernement Wilna im Jahre 1860 auf 24000, Juden 444 Kaufleute erster resp. zweiter Gilde, dagegen im Jahre 1886 unter 60000 Juden nur 500 Kaufleute erster resp. zweiter Gilde, in Grodno waren 1859:653, 1886:882 Kaufleute. In manchen Gouvernements ist die Zahl der Kaufleute trotz des Wachsthums der jüdischen Bevölkerungsziffer direkt zurückgegangen, z. B. Berditschew 1860:628,1887:271, Schitomir 1860 : 2055,1887:836. Wer diese-Sache noch genauer verfolgen will, kann dieselbe in dem Buche Don Chmerkine Nachlesen. Es ist in der That von höchstem Interesse, zu verfolgen, wie rapide das jüdische Vermögen selbst bei den bestgestellten Klassen der russischen Juden sich vermindert. Da die Kaufleute erster Gilde große Vergünstigungen genießen, so ist der Einwand vollkommen ausgeschlossen, daß etwa die reichen russischen Juden, um ihr Vermögen zu verheimlichen, sich nicht zur Aufnahme in die erste Gilde gemeldet hätten. .Das Buch von Professor Chmerkine ist nach jeder Richtung hin lehrreich, und es ist nicht zu viel, wenn der „Pester Lloyd" einen Artikel über das Werk überschreibt: „Der Bankrott des Antisemitismus ist Rußland". Das ganze russische System hat unzweifelhaft Fiasko gemacht, es hat die Existenz von vielen Hunderttausenden von Juden ruiuirt, ohne den Bauern, die angeblich beschützt werden sollten, zu helfen. Diese armen Bauern sind jetzt vom Regen in die Traufe gerathen, sie sind den schlimmsten nichtjüdischen Blutsaugern schutzlos preisgegeben, nachdem man diesen die ihren Wucher beschränkende Konkurrenz der Juden aus dem Wege geräumt hat. Den Antisemiten wäre das Studium dieses Buches zu empfehlen, damit sie sich Aufklärung darüber verschaffen, was mit ihrem System erreicht wird. Freilich werden die Wenigsten etwas daraus lernen, denn ihr böser Wille bleibt, ja .doch jeder Belehrung unzugänglich. Dir Woche. Berlin, 27. Juli. für das Königreich Preußen liegen jetzt die Ergebnisse der Berufszählung vom 14. Juni 1895 in der Verkeilung nach Beruf und Religionsbekenntniß vor. DieVertheilung der Bevölkerung (wobei nur der Hauptberuf in Frage kommt) wird durch folgende Tabelle veranschaulicht, wobei die Gesammtsumme auch die sonst nicht mit einbegriffenen Personen (anderen Bekenntnisses rc.) umfaßt: Berufsabtheilungen. Evang. Kath. Juden Ueberhaupt A. Landwirthschaft, Gärtnerei, Thierzucht, Forstwirthschaft, Fischerei. 3000963 1765525 1650 4782255 B. Bergbau, Hüttenwesen, Industrie, Bauwesen.... 3012144 1690169 33246 4755855 0. Handel und Verkehr. 1. Handelsgewerbe einschließl. Versicherungsgewerbe . 456306 172074 82069 713913 2. Verkehrsgewerbe einschließl. Beherbergung und Erquickung . . . 449482 186939 4506 641827 v. Häusliche Dienste (einschl. pers. Bedienung), auch Lohnarbeit wechselnder Art . . 768689 362928 4791 1139230 E. Militär-, Hof-, bürgerlicher und kirchlicher Dienst, auch sogen, freie Berufsarten. . 577688 233081 9804 822675 F. Ohne Beruf u. Berufsangabe 839054 353831 24732 1221598 Angehörige ohne Hauptberuf . 11113121 6041414 201146 17412962 Ueberhaupt. 20217447 10805961 361944 31490315 Scheidet man die Bevölkerung in Ernährer und Ernährte, so ergiebt sich, daß im Jahre 1895 auf 100 Ernährer 123,7 Ernährte kamen. Gegen 1882, wo bei der Volkszählung die gleiche Statistik ausgenommen wurde, zeigt sich eine Abnahme der Ernährten; denn damals kamen auf 100 Ernährer 133,0 Ernährte. Auf 100 Ernährer kamen 1895 (die Ziffern für 1882 fügen wir in Klammern bei), bei den Evangelischen 122,1 (131,9), bei den Katholiken 126.8 (134,1), bei den Juden 125,1 (150,7). Die geringste Belastung der Ernährer findet sich also 1895 und 1882 bei den Evangelischen, die stärkste 1895 bei . den Katholiken, 1882 bei den Juden. Bei Letzteren ist eine starke Verbesserung der Lage der Ernährer eingetreten, die sowohl auf einer Zunahme der Ernährer als einer Abnahme der Ernährten beruht. Die Heranziehung der Angehörigen zur Erwerbsthätigkeit

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