Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1897)
- Date
- 1897-07-23
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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s-<.- Königreich Barern enthält einen Bericht über die Ergebnis^ der Volkszählung vom 2. Dezember 1895, dem zufolge 76,89 pCt. der Einwohner Katholiken sind; 28,18 pCt. gehören der protestantischen Konfession oder den ihr zuzurechnenden evangelischen Bekenntnissen an, die Israeliten bilden nicht ganz ein Hundertstel (0,93) der Bevölkerung. Am stärksten zugenommen haben von diesen drei hauptsächlich in Betracht' kommenden Konfessionen die Protestanten mit 45,2, etwas weniger die Katholiken mit 38,8 auf Tausend; die Israeliten haben dagegen um 2,5 vom Tausend abgenommen. Die Erklärung für die Verminderung der Israeliten muß nicht allein in dem Wegzug, sondern auch in den Eheschließungen mit Christen und in dem hiermit nicht selten verbundenen Uebertritt zu christlichen Bekenntnissen zu suchen sein. - a. Karlsruhe, 15. Juli. Am 9. d. Mts. wurde der neue israelitische Friedhof dahier durch Herrn Stadtrabbiner Dr. Appel eingeweiht. Es ist dies der dritte, seitdem Karlsruhe besteht. Der erste israelitische Friedhof wurde am 9. Juni 1826 und der zweite am 9. Juni d. I. geschlossen. Nach der neuen, nun auch für die israelitische Gemeinde verbindlichen Friedhofsordnung werden die Leichen spätestens 36 Stunden nach dem Tode nach der Leichenhalle, verbracht, und findet von dort aus die feierliche Beerdigung statt. Oesterreich - Ungarn. □I Wien, 19. Juli. Im Bezirke Landstraße hat sich, neuerdings ein israelitischer Wohlthätigkeitsverein gebildet, der sich die Unterstützung von Wittwen und Waisen zum Ziele gesteckt hat. Die. Statthalterei hat die Statuten dieses gemeinnützigen Vereins genehmigt, und die Vereinsleitung hat sich bereits konstituirt. — Der Kaiser hat dem Professor der. Ohrenheilkunde an der Wiener Universität Dr.. Josef Gr über den Orden der eisernen Krone 3. Klasse taxfrei verliehen. — Die durch ihre vielen wohlthätigen Stiftungen rühmlichst bekannte Baronin von Hirsch-Gereuth, hat dem neu erbauten Kaiser Franz Josef - Jubiläums - Hospital für bedürftige israelitische Kranke in Franzensbad 3000 fi. gespendet. — Ueber die Judenverfolgung in Tarnow erfahre ich noch folgende Einzelheiten: Am 2. Juli kam ein Soldat der 10. Kompagnie des 57. Infanterie-Regiments Namens Anton Kolodziej mit zwei Bauern, Johann Prokop und dessen Sohn, in die Schänke der Gittel Owide und traktirte die. Bauern mit Schnaps. Als cs zum Zahlen kam, schlichen sich die zwei Bauern davon, der Soldat, aber erklärte, nicht er, sondern die Bauern hätten zu zahlen. Es kam zu einem Streit, in dessen Verlauf der siebzehnjährige.Sohn der Hchankrvirthin, Mendel Owide, dem Soldaten das Bajonnet und die Mütze entwand, um dessen Agnoszirung zu ermöglichen,, worauf er hinter das kleine Häuschen, worin sich die Schänke befand, flüchtete. Der Soldat, welcher total betrunken gewesen sein soll, stürzte ihm nach und. kam nach einer Weile mit einer Stichwunde zurück. Das Bajonnet und die Mütze wurden im Flur des Häuschens gefunden, der Soldat nahm sie iy Empfang und ging von dannen.. Niemand bemerktedaß er verwundet war.. Er konnte sich aber nicht weiter schleppen,, als bis zu einem nahen Bauplatz, wo er sich hinlegte und bald das Bewußtsein verlor,., Er wurde'von einer Ulanenpatrouille in das Spital, transportirt.. Die Wunde ist an und für sich leicht, ist aber qualifizirt als eine schwere Verletzung in Anbetracht der Waffe, mit welcher sie zugefügt wurde. Dies geschah um 4 Uhr. Nachmittags. Nach privaten Mittheilungen begannen nun die Exzesse noch am selben Tage Abeyds, was jedoch von der Polizei bestritten wird. Einige Stunden nach diesem Vorgänge durchzogen nämlich Soldaten in größeren Trupps die von Juden bewohnten Straßen und attackirten die Passanten, wobei Verwundungen vorgekommen sind. Der „Dziennik Krakowski" zählt die Namen von zwöls an diesem. Abend verwundeten Personen auf. Im Polizeiberichte ist nichts davon zu lesen. Sonnabend, den 3. Juli wiederholten sich, die Exzesse in verstärktem Grade; nach polizeilicher Meldung sollen an diesem Tage Hirsch David Jsak und Jacob Alban unerhebliche Kontusionen erlitten haben. Sonntag den- 4. Juli, wußte schon die ganze Stadt,, daß etwas im Anzuge sei, die städtische Polizei meldete von bevorstehenden. Exzessen an die Bezirkshauptmannschgft- und ließ am Nachmittag, starke Patrouillen die Straßen durchziehen. Die - Bezirkshauptmannschaft begnügte sich mit Entsendung einiger Gendarmen. Diese Maßnahmen erwiesen sich in der Folge als gänzlich unzulänglich. Insbesondere mußte es befremden, daß seitens der Militärbehörde nichts geschah, um angesagten Ausschreitungen vorzubeugen. Gegen 8 Uhr Abends begannen die Exzesse. Soldaten durchzogen in Banden zu je 50. Mann die Straßen, stürzten sich unter Johlen und Hurrahgeschrei mit gezücktem Bajonnet auf die Passanten und versuchten sogar, in die schleunigst gesperrten Hausthore einzudringen. Laut polizeilicher Meldung wurden verwundet: Pinkas Neugasser (Kopfwunde), Abraham Wachsherz wurde von acht Soldaten von rückwärts angefallen und erhielt eine Bajonnetwunde unterhalb der Augen, Klara Sellinger, Stich- . wundem die Hand, Abraham Keller wurde niedergeworfen und geschlagen, Samuel Rohane, Bajonneiftich in die Hand, Schmaja Bloch, verwundet. An diesem Abend wurden in der Synagoge in der Neugasse 15 Fensterscheiben eingeschlagen. Trotz dieser Exzesse wurden fast gar keine Maßnahmen für Montag getroffen. Es patrouillirten lediglich kleine Abtheilungen unter Führung von Gefreiten. Gegen 6 Uhr Abends begannen wieder Exzesse. Die Panik war an diesem Tage allgemein; sämmtliche Geschäfte wurden gesperrt. Die Straßen waren ganz öde. - Auf dem Ringplatz sah es aus wie während eines Aufstandes. Die Behörden blieben unthätig. Die Patrouillen ließen die Arretirten wieder in der nächsten Gasse frei. Nur Oberlieutenant Josef Martynowicz ging energisch vor. Die Soldaten waren jedoch durch die überlange Passivität der Behörden völlig demoralisirt; sie parirten einfach nicht. Än diesem Tage wurde etwa ein Dutzend Personen verwundet. Nach dem Berichte des „Dziennik Krakowski" wurde in die Milchhalle des L. Hönig eingebrochen; die Soldaten raubten Gebäck und Käse und hieben auf den Eigen thümer unbarmherzig ein. Ein Einbruch wurde beim Uhrmacher Leon Metzger versucht. Der Hauptmann Brozek — um Intervention angegangen — soll nach dem citirten Blatte geantwortet haben: „Js noch kaJud' gestorben?" — Soweit die Thatsachen; die voraussichtlich exemplarische Bestrafung der Schuldigen ist wohl die geringste Genugthuung, welche die mit Recht beunruhigte Oeffentlichkeit' erwarten darf. B. Budapest, 15. Juli. Die Aufbesserung der Bezüge der Seelsorger wurde endlich in einem Gesetzentwürfe, der in kurzer Zeit der Legislative vorgelegt wird, festgestellt. Die Verfügungen erstrecken sich auf die Seelsorger aller Konfessionen und setzen das Minimum ihrer Bezüge während der ersten fünf Jahre mit 600 fl., nach Ablauf weiterer fünf Jahre auf 800 fl. fest. — Als im Interesse der im nordöstlichen Theile Ungarns ansässigen Ruthenen eine Bewegung eingeleitet wurde, haben wir an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß-die wirthschaftliche Nothlage der in diesem Landestheile ansässigen Juden eine viel trostlosere sei als jene der anderen Bewohner, und daß die Behauptungen, laut denen die Juden die Ursache des Elends wären, - durch dietraurige Wahrheit, welche die eifrigen Volksbeglücker über-' sahen, hinfällig wurden. Die Regierung scheint aber von der Richtigkeit unserer Darstellung überzeugt zu sein, denn die neueste Verfügung läßt wenigstens darauf schließen. Der Finanzminister ordnete nämlich an, daß die Steuerrückstände der Ruthenen und der Juden in zehn Jahresraten eingetrieben oder im Falle einer vollständigen Mittellosigkeit gelöscht werden sollen. — Die hauptstädtischen Wohlthätigkeitsanstalten werden das laufende Jahr in ihrer Geschichte" mit goldenen Lettern verzeichnen. Nahezu 2 000000 Kronen haben Heuer edelherzige Menschenfreunde ihren Zwecken zugeführt. Natürlich konnte Baronin Hirsch auch nicht ausbleiben, die dem jüdischen Knabenwüisenhause 80 000 Kronen und dem jüdischen Taubslummeninstitute auch eine ' größere Summe zukommen ließ. — In Keszthely wurde Dr. Alexander Büchler, der sich in der ungarisch-jüdischen Geschichtsforschung eines vortheilhaften Namens erfreut, zum Rabbiner gewählt. — Anläßlich des englischen Regierungsjubiläums wurde dem englischen Konsul in Budapest Dr. Ignaz Brill die große englische Jubiläums - Goldmedaille verliehen. Dr. Brill erhielt diese Auszeichnung in Begleitung eines von Salisbury gezeichneten, warm gehaltenen Schreibens. — In Zvibü wurde Dr. Rudolf Groß zum Oberstuhlrichter des Bezirkes gewählt. : Frankreich. 8, Paris, 15. Jkli. Das Co mit 6 de Bienfaisance israelitö veröffentlicht seinen Jahresbericht, der eine ganz bedeutende Leistung dieses Institutes aufweist. Die Gesammtausgaben beliefen sich auf nicht weniger als 469 354,35 Francs, mehr als 375 000 Mark, welche in dreierlei Weise verausgabt wurden. Erstens erhielten ca. 600 Arme