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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-23 · Heft 30 (23.7.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 30 (23.7.1897)
Date
1897-07-23
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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61. Jahrgang. Nr. 30. De? d&tvxtittbtbott+ ffitrün’ **-m i897- Weikage zur „Akkgerneinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. DrutschlanL. LL Berlin, 19. Juli. Von dem Vorstand des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin geht uns mit der Bitte um Veröffentlichung der nachstehende Beschluß des Vorstandes und Ausschusses des genannten Vereins zu: 1. Der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde steht auf dem Standpunkte, daß der Sabbath-Gottesdienst nicht auf den Sonntag zu verlegen ist. 2. Der Liberale Verein wünscht aber, daß die Gemeindeverwaltung in einer der Gemeindesynagogen, insbesondere mit .Rücksicht auf die Jugend, einen Gottesdienst mit Predigt auch am Sonntag-Vormittag einrichtet. 3. Dem Vorgehen des Herrn Gustav Levinstein, welcher über diese Frage eine Abstimmung der Gemeindemitglieder herbeizuführen wünscht, steht der Verein durchaus fern. L2 Berlin, 20. Juli. Eine Trauerfeier für Geheimrath G o l d s ch m i d t, der am 16. d. M. im 68. Lebensjahre einem Herzschlag erlegen ist, fand gestern Nachmittag in dem Trauerhause, Maaßenstraße 9, unter Anwesenheit mehrerer Vertreter des Justizministeriums und des Kultusrninisteriunis, des Rektors der Universität Geheimrath Brunner und zahlreicher Professoren derselben statt, unter welchen sich die Geheimräthe Mommsen, v Cuny, Weinhold, Jakobi, Wolfs befanden. Der „Akademische Juristische Verein", die studentische Verbindung „Normannia" und der „Akademische Turnverein" waren mit umflorten Fahnen erschienen und hielten am Sarge Ehrenwache. Die Gedenkrede hielt Prediger Dr. Levin, dessen Worte auf alle Anwesende einen tiefen Eindruck machten. Die Beisetzung erfolgte auf dem alten Friedhof in der Schönhauser Allee. -<yg Berlin. 18. fMt. Ueber das Frauenstudium an der Universität Berlin giebt die neueste Chronik der7Hochschule eine Reihe von Nachrichten. Die Vorlesungen der Universität wurden im Symmerhalbjahr 1896 von 39 und im Winterhalbjahr 1896/97 von 95 Frauen besucht, darunter eine große Anzahl jüdischer Studentinnen. Ueber Fleiß und Begabung der studirenden Frauen .geben die Berichte vieler Seminarleiter Auskunft. Für uns von besonderem Interesse ist der Bericht des Litterarhistorikers Prof. Dr. Erich Schmidt, der einer Hörerin seines Seminars ein wahrhaft glanzendes Zeugniß aus stellt. Er schreibt in seinem Bericht über die moderne Abtheilung des germanischen Seminars: „Ausnahmsweise ist einer Dame (Russin) aus Grund ihrer Berner Dissertation die Betheilignng gestattet worden; ihre Referate wqren die besten." Diese Dame ist Frl.Dr.Anna Tumarkin aus Kischineff in Südrußland. ' L2 Berlin, 18. Juli. Das galizische Schnorrerthum hat ein neues Zugstück gefunden. Wir finden in den Tagesblättern das folgende Inserat: „Der Zwerg! Ein armer, kranker, verkrüppelter Zwerg liegt schon seit Jahren krank darnieder und leidet große Schmerzen. Er befindet sich in größter Noth und Elend, so daß er das nöthigste; Brod nicht hat; alle Wesen und Pflanzen leben in Lichtigkeit und Schönheit, nur ich armer Zwerg muß im Finstern meine bittern Jahre ab- - leben. O, erbarmen Sie sich meiner Noth, Ihr wohlhabenden und edel- ' gesinnten Menschen und erfreuen Sie mich mit einer Gabe. Adr. erb. M. Richter, Zwerg/Kudrynce, Oesterr. Seitens des Commerzieller Spar- und Kredit-Verein in Kudrynce, registr. Genossenschaft mit beschr. , Haftung, bitte' sehr höfl. die edle Absicht zu haben, und gefälligst den ■ krüpplen Zwerg zu unterstützen und die heilige Gabe auf den Namen desselben oder an die isr. Kultusgemeinde einsenden zu wollen. Der Präsident M. Barts eibr" Erst war es ein hundertjähriger Greis, dann ein aus Sibirien Entflohener, jetzt ist es ein Zwerg — nächstens kommt wahrscheinlich ein Riese daran. And das alles passirt in Kudrynce! Merkwürdig, sehr merkwürdig! Uebxigens lesen wir in österreichischen Blättern gerade zufällig die folgende Notiz: „Infolge einer Anzeige an die Bezirkshauptmannschaft Borszczow ist durch die Staatsanwaltschaft in Tarnopol gegen den Haupturheber der galizischen Bettelbriefe, den „Rabbiner" Osias Krön in Skala, beim Bezirksgericht Borszczow die gerichtliche Untersuchung eingeleitet worden." '; (U> Potsdam, 19. Juli. Wie schon früher berichtet wurde, hat der Bürgermeister in Perleberg vor einiger Zeit die erbetene Erlaubniß zur Verbreitung des antisemitischen Flugblattes: „Wo kauft man Konfirmanden-Anzüge?" versagt. Auf eine Beschwerde der Perleberger Antisemiten bei dem Landrathe antwortete dieser, daß er „mit Rücksicht auf den aufreizenden Inhalt des Flugblattes die Versagung der polizeilichen Erlaubniß für gerechtfertigt halte." Nun wandte sich der antisemitische brandenburgische Provinzialverband mit der Beschwerdeschrift an die Regierung zu Potsdam, welche am 1. Juli d. I. nachstehende Antwort ertheilte: „Bescheid auf die Beschwerde vom 11. Mai d. I. — Den Antrag, die Verfügung der Polizeiverwaltung in Perleherg vom 27. März d. I. und des dortigen Herrn Landraths vom 3. April d. I., durch welche die Erlaubniß zur öffentlichen Verbreitung des überreichten Flugblattes Nr. 45 versagt wird, aufzuheben, weise ich zurück, da nach § 116 des Zuständigkeitsgesetzes vom 1. August 1883 die Klage gegen die abweisende Verfügung der Polizeiverwaltung bei dem Kreisausschusse zu erheben gewesen wäre. Zu einem Eingreifen von Aufsichtswegen liegt aber ein Anlaß nicht vor,, da die Polizeiverwaltung in dem vorliegenden Falle nur innerhalb ihrer Befugnisse gehandelt hat." 4. Memel, 19. Juli. Zu der Mittheilung betreffs der Ausweisung ausländischer Juden aus hiesiger Stadt möchte ich noch Folgendes hinzufügen. Vor längerer Zeit wurde von konservativer Seite -der Wunsch ausgesprochen, die landräthlichen Machtbefugnisse W erweitern. Wohin eine solche Erweiterung führen dürfte, beweist am besten die Art Und Weise, mit der gegen hier ansässige Ausländer vorgegangen wird. Alle diejenigen Juden, die nicht das Glück der Gönnerschaft irgend eines hiesigen Notabeln genießen, werden mit einer Strenge verfolgt, wie sie kaum in dem benachbarten heiligen Rußland möglich wäre. Leute, von denen man überzeugt ist. daß sie infolge der ihnen auferlegten Haftstrafen seit langer Zeit erwerbslos, absolut keine Mittel zur Reise nach ihrer meist überseeischen Heimath besitzen, werden trotz alledem bestraft, weil sie dem Ausweisungsbefehl thatsächlich nicht Folge leisten können. So hat ein Cigarettenarbeiter, natural isirter Engländer, durchaus unbescholten, bereits fast 6 Monate im Stadtgefängniß zugebracht, während seine Familie, des Ernährers beraubt, Hunger und Noth erdulden muß. Dieser Fall steht nicht vereinzelt da. Ein Händler z. B. wurde aus eben demselben Grunde schon zweimal mit je einer .Woche Haft bestraft. Da seine Frau vor Kurzem gestorben ist und drei Waisen im zartesten Alter zurückließ, wurden dieselben aus der Obhut ihres Vaters genommen und anderweitig untergebracht, während dieser im Gefängniß saß. Diesen Fällen reihen sich noch viele ähnliche an, ganz besonders gegen Frauen, deren Männer infolge der Ausweisung uusgewandert sind, um sich eine neue Heimath zu suchen. Das Auswanderungsziel der Letzteren ist meist Südafrika. Die Reise dorthin dauert bekanntlich einen Monat. Ein halbes Jahr mag vergehen, bis .diese unschuldig Vertriebenen sich dort ansässig machen können, um ihre Familie Nachkommen zu lassen. Immerhin ist die Abreise dieser Letzteren nur eine Frage der Zeit. Trotzdem werden die Frauen ohne Ausnahme, Mütter von unerzogenen Kindern, unnachsichtig bestraft, weil sie die -Stadt nicht verlassen können. Die längste Frist, die Einigen gewährt wurde, ist 14 Tage; nach Verlauf derselben sehen sie der traurigen Alternative entgegen, die angedrohten Haftstrafen anzutreten oder auf der Landstraße mit den Kindern zu betteln; dasselbe gilt von der Ausweisung unmündiger Knabey, die hier am Orte geboren sind, deren Eltern auf Grund einer Genehmigung des verstorbenen Oberpräsidenten v. Schlieckmann sich hier aufhalten, und deren Naturälisationsgesnche

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