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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-23 · Heft 30 (23.7.1897) · p. Seite 360

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 30 (23.7.1897)
Date
1897-07-23
Page
Seite 360 (sequence 12)
Language
German
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360 für .,-^HWW Nimmermehr! Ebenso wenig, wie ihr Bruder Louis ihn und sein rastloses Streben zu begreifen vermochte. Gut im Glücke zu sein, ist nur ein halbes Verdienst. Doppelt, dreifach edel und groß sind Diejenigen, welche trotz der eigenen schweren. Bürde, die sie zu tragen haben, Anderen helfend zur 'Seite stehen.' ' Alles, was die beiden Mildeschen Damen im Laufe der Zeit ihm- Gutes gelhair, trat lebhaft vor ihn hin, und ein Gefühl tiefster Dankbarkeit, zu dem sich noch ein anderes, ihm noch unklares für i Sophie gesellte, quoll heiß zum. Herzen intb zwang ihn dazu, die; Arbeit, die vor ihm lag, bei Seite zu werfen, um Mildes, Mutter und Tochter, aufzusuchen. Was er erlebt, so gering es an und für sich war, erschien? ihn: so wichtig, so bedeutungsvoll, daß er es den beiden ihm sö f lieb und theuer gewordenen Menschen mittheilen mußte. Sie freuten sich mit ihm; sie würden ihm rathen, wie er sich jenen Menschen gegenüber verhalten sollte, zu denen ihn eine g§-; heimnißvolle^Macht hinzog, uno die er dennoch wiederum fürchtete, als könnten sie einen unheilvollen. Einfluß auf sein Dasein ausüben. Eben im Begriff, seine Absicht, einen flüchtigen Besuch bei den Damen 311 machen, auszuführen, ertönte ein sehr energisches Läuten an der Korridorthür; man fragte nach ihm; gleich darauf klopfte es stark an seine Stubenthür, und zu seinen! aufrichtigen Erstaunen ■ überschritt Louis Bernauer, eine farbige Mütze auf dem nicht mehr jünglingshaften Haupte, das Verbindungsband breit über die Weste gelegt, ein joviales Lächeln um die vollen Lippen, die Schwelle des Zimmers, welches nur allzu deutlich verrieth, in wie beschränkten Verhältniffen Klein lebte und schaffen mußte. . . Der junge Millionär hatte mit einem Blick das einfenstrige,. - überaus dürftig, möblirte Stübchen überflogen. Ein halb erstaunter, halb mitleidiger Blick traf Klein, als er, - ihm. seine beringte Hand bietend, meinte: „Na, Freund Klein, für : —einen Sybariten wird Sie Niemand halten, und Lukullus hat an '■ Ihnen wohl auch keinen Konkurrenten gefunden. Gott, Gerechter, —? wie mein Vater sagen würde, wie können Sie es in solcher Bude; aushalten und dabei große, gewaltige Gedanken fassen? Geht bert^ij die Wissenschaft bei uns ebenso betteln wie die Kunst?" setzte er uu=!j besonnen hinzu. Klein war bei den letzten Worten todtenbleich geworden;? ein zürnender Blick traf den Sprecher, der nicht .ahnte, wie schwer er i , durch diese nicht böse gemeinte Frage den Stolz Kleins verletzt hatte.? „Betteln gehen nur Müßiggänger, denn was sie auch be- * . sitzen, gebührt ihnen im Grunde nicht," klang es scharf von den j Lippen des Gelehrten. „Die Wiffenschast wie die Kunst bedarf ernster Arbeiter-, und ob siediesen, viel materiellen, ob sie wenig i Nutzen bringt, bleibt sich gleich.. Uebrigens bedingt ja das Studium > der Philosophie, das ich mir erwählt, andere Lebensanschauungen als ' die jener Menschen, die eben weniger philosophisch denken," setzte er - ruhiger hinzu, indem er Louis mit einer Handbewegung eingeladen, Platz zu nehmen. „Etwas kratzbürstig waren Sie schon als Junge," lachte Louis auf, „Sie scheinen es geblieben zu sein, und ich verdenke es Ihnen nicht. Brr— wenn ich in so einer miserablen Wohnung leben und darin noch dazu arbeiten sollte, ich würde mich nicht nur mit. der ganzen Menschheit, sondern auch mit unserem lieben Herrgott auf > den Kriegsfuß stellen. Und hier ist das große, wie Schwager'Professor meint, epochemachende Werk entstanden? Alle Achtung vor Ihrer Entsagungskraft und Geduld, lieber Klein. Nun'aber machen Sie einmal ein fideles Gesicht, glätten Sie Jhre^upiterstiri!, damit, mich nicht die Furcht beschleicht, daß Sie mich verlorenen Sohn der j hehren Göttin Minerva mit dem Donnerkeile der Verachtung zer-- schmettern möchten." - . (Forts, folgt.)! Fitterarische Mittheilungen. v SReo. Dr. B. Felsenthal: Jüdische Fragen und Beiträge zur Klärung derselben. Chicago 1896. Der greise Verfasser, welcher dem 'deutschen Lesepüblikum durch seine Beiträge zu Geigers .Zeitschrift auf das Beste bekannt ist, hat in dieser Broschüre zwei interessante Vorträge unter dem Titel: Giebt es. Dogmen im Judenthum? und: Wo stehen wir? veröffentlicht. Die erste Frage bejaht der Ver fasser. Als Dogmen gelten ihm die Einheit Gottes und die Erwählung Israels. In dem zweiten Theile findet der Verfasser, daß das Judenthum in erster Linie eine Rasse ist und danach seine Organisation einzurichten habe. Das Schriftchen ist klar und anziehend geschrieben und wenn es auch das Problem nicht löst, so hat es doch dazu einen höchst anziehenden Beitrag geliefert. G. D. - Sprechsaat. Sehr geehrter Herr Redakteur! cMn Nr. 20 und 21 Ihrer geschätzten Zeitung bringt Herr Rosenhaupt, <33 Kantor in Nürnberg, einen Aufsatz, in dem er mit fachmännischem Wissen das Chasones (nicht Chasonim) von Nord- und Süddeutschland beurtheilt, zugleich aber auch die Entstehung der traditionellen Melodien nachzuweisen sucht. Zum größten Theil ist ihm dieses auch gelungen. Wo er nun die polnischen Synagogen - Melodien betreffs ihres Charakters kritistrt, hat er meines Erachtens den Nagel auf den Kopf getroffen. Dagegen kann ich Herrn Dubowsky, Kantor in Perlin, der uns Süddeutsche des Borurtheils beschuldigt, nicht,zustimmen. Da ich bei einem bedeutenden polnischen Kantor, Herrn Mechallowski, einem norddeutschen Kantor, Herrn Kober, sowie bei drei namhaften, heute noch in den drei größten Städten des Elsaß amtirenden Kantoren Unterricht genossen habe, kann wohl mein Urtheil als unparteiisch betrachtet werden. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß Herr Rosenhaupt sehr Recht hat, wenn er darlegt, daß die Melodien der polnischen Kantoren für lisebebeak; Leürali und auch an den hohen Feiertagen passend seien, aber für einfache Wochentage, Sabbathe, Jom tovim oder an sonstigen fröhlichen Festen nicht dem Charakter des Tages entsprechen. Hört man einen polnischen Kantor, angenommen an einem Leüebuot - Feste, so könnte man meinen, man befände sich an der Tempelwand in Jerusalem, und unwillkürlich denkt man an Gabirol, der in seinem 2'rW W ausrust: „b^ri Tön -UTK .-1XÖL.T ruojn" Wohl ist es nicht unrichtig, daß viele große Stellen durch polnische Kollegen besetzt sind. Doch haben sie dieses nicht ihrem Chasonus, sondern ihren guten Stimmen zu verdanken. Nur wenn diese Herren Kollegen unsere traditionellen Melodien, die für jede .besondere Gelegenheit einen der Feier entsprechenden Charakter, haben, annehmen, können sie sich als Kantoren in Deutschland, Frankreich, Elsaß, Schweiz und selbst auch in Amerika halten. Einen Beweis dafür, wie ungeeignet im Allgemeinen die polnischen 'Melodien sind, geben uns die Werke der berühmtesten Autoren-auf diesem Gebiete, wie Sulzer, Lewandowski, Löwenstamm, Naumburg rc. 'Ueber a/8 der Piecen dieser Partituren haben süddeutschen Charakter, während ein kleiner Theil in polnischer Weise geschrieben ist. Wenn Herr Dubowsky die Absicht hat, ein wirklich kompetentes und kein einseitiges philoslavisches Werk zu schaffen, wird er genöthigt "sein, den süddeutschen Melodien den Vorrang einzüräumen. Diese Perlen alter Synagogen - Melodien sind nicht immer bei Kantoren in den Städten zu finden, sondern erfahrungsgemäß in den.Landgemeinden, wo die alten Ueberlieferungen noch nicht verdrängt worden sind. Möge man dieses nicht Lirßer Acht lassen. . Sulzburfia. Baden. Carl Marx, Kantor. .Druck und Verlag von Rudolf Masse in Werlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.. 61 \ ei B 23c 1. ste Si G. m ta ste he ist Ai mi za N de ui fd P E dk U R S 9! vi d< § in m ei f« p C 8 h 1 g 2 § £ k d d k § mim*.

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