Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-23 · Heft 30 (23.7.1897) · p. Seite 359

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 30 (23.7.1897)
Date
1897-07-23
Page
Seite 359 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228233--53870-3267818
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

,3.59 . * Das Klatschen. der -Ohrfeige klang hohl und schrecklich durch das Zimmer. - , ' ' , Die Gehilfen blickten auf. und ließen.. die Arbeit ruhen, die Nachbarinnen hielten den Athem an; eine düstere Stille herrschte, die^ nur voll dem Zischen der aufgeregteil Gans und dem halb unwillkürlichen-' entschuldigenden Gemurmel Flatterentchens unterbrochen wurde: „Wenn ich bin eine Mutter, bin ich eine Mutter." - . Einen Augenblick war Rahels Gesicht eine weiße Maske, von der sich fünf Finger feuerroth abhoben; im nächsten war. es eine einzige brennende Masse zornig aufwalleuden Blutes. Sie ballte die Faust, als wollte sie ihre Mutter schlagen, aber dann lösten sich ihre' Finger, halb aus einem Ueberrest kindlicher Hebe,' halb aus Respekt vor den feinen Kleidern. In ihren Augen glänzte ein sonderbares Licht. Wortlos drehte sie sich langsam auf dem Absatz um und schritt in ihr kleines Zimmer, aus dem sie nach einem Augenblick allgemeiner Spannung mit dem rothen Tuch zurückkehrte. Sie gab es ihrer Mutter, ohne sie anzusehen, und . ging wieder au ihre Arbeit zurück. Das arme Flatterentchen aber verließ erleichtert, triumphirend . und mit einem tadellosen Kopftuch majestätisch, das Zimmer und schritt inmitten des Geflüsters der Nachbarinnen (die sie die Treppe hinab begleiteten, indem sie zum Abschied den Pelzflaum von ihr abbürsteten) durch die Allee polyglotter Kommentatoren zur harrenden Droschke. Die ganze Zeit über hatte Flatterentchens Gatte wie versteinert dageseflen, aber jetzt schüttelte ihn ein heftiger Hustenaufall. Er wußte nicht, was er sagen und thun sollte, und verlängerte den Husten künstlich, um seine Verlegenheit zu verdecken. Dann öffnete er mehrmals den-Mund, machte ihn aber unschlüssig wieder zu, ‘ zuletzt' sagte er beruhigend mit ungeschickter Freundlichkeit : „Nu, nu, Du solltest die Mutter nicht so reizen, Rahel, Du weißt ja, wie sie ist." .' Rahels: Nadel stichelte weiter, und die peinliche Stille hob wieder au. (Forts, folgt.) Medrr Gluck noch Ktern. Novelle von O. Bach. VI. ^ophie Milde und Eva Bernauer! - Es warell die beiden ersten weiblichen Wesen, welche in den- Lebenskreis unseres jungen Gelehrten eingetreten waren. So große Mühe er sich auch gab, seine Gedanken, die sich nach seiner Ansicht viel zu viel mit diesen Frauengestälten beschäftigten, davon abzuziehen, gelang es ihm doch nicht. . . Immer wieder irrten sie von Sophie zu Eva, von dieser zu jener hin. > - ... Wunderlicherweise nahm erst, seit er Eva kennen gelernt, sein Interesse für Sophie, in der er bisher kaum das Weib, sondern nur den braven, zu jedem Opfer bereiten, klugen und guten Kameraden gesehen, einen immer wärmeren Charakter an. ' In Evas Wesen ihm gegenüber hatte sich eine naive Neugierde ausgesprochen. j Die Spezies, zu der "Klein gehörte, war ihr neu. Die-jungen Männer, welche aus Liebe zur Wissenschaft Hunger und.Durst ertragen, waren eine in ihren Kreisen seltene Erscheinung// / . Das Lob, welches ihr Schwager, eine anerkannte Autorität, dem jungen Philosophen ertheilt, galt ihr viel, und wenn auch ihr sehr ausgeprägter Schönheitssinn beim ersten Anblick Kleinsnicht recht befriedigt wurde, so hatte doch die Uüterhaltung mit ihm - ihr Jutereffe für den jungen Mann vermehrt. i v ** : ' Er war so ganz,-ganz anders wie all jene Männer, mit denen sie in gesellschaftlichen. Verkehr getreten. Selbst das ein-wenig ungelenke Wesen mißfiel ihr-bei ihm nicht. . " Dem schönen, sehr reichen Mädchen war so. viel: Weihrauch gestreut worden; banale Schmeicheleien berührten täglich das. Ohr Evas, bis zum Ueberdruß wurden ihr Huldigungen.dargebracht, - die offene Art Kleins, der weder von ihrer Schönheit, -noch ihrem Reichthum geblendet zu sein schien, imponirte ihr, und der Wunsch, öfter ihre Gedanken mit dem philosophisch gebildeten Manne aus- - tauschen zu können, vermengte sich mit der Hoffnung, in Klein einen nützlichen, anregenden Umgang für Louis gefunden zu haben, der es vielleicht zu Stande.^brachte, den jungem Mann aus seiner Un- - thätigkeit zu ernster Arbeit emporzuraffen: Eva hatte im Laufe der Unterhaltung mit Klein auch darauf angespielt, und wenn er auch nicht auf ihren Gedankengang sofort Ar.eingegangen war, so /beschäftigte ihn der Plan dennoch, als er. am / nächsten- Morgen die Ereignisse des verflossenen Abends an seinem - geistigen Äuge vorüberziehen ließ. -. -- Eva und Sophie!. Kaum'konnte es zwei verschiedener geartete Mädchen geben. > Ein Kind des Reichthums die Eine, ein Kind rastloser Arbeit und Mühen die Andere. w Die Ersiere schön, glänzend; sprühend von Witz und originellen / Einfällen, die es vortrefflich verstand, ihr immerhin nur lückenhaftes Wissen zur Geltung zu bringen, die nie genöthigt worden war, -ihre geistige-Kraft zu erproben, ihre Kenntnisse zu verwerthen und darum gründlich auszubilden, niemals gezwungen worden war, -mit - dem Pfunde zu . wuchern, welches Gott ihr. gegeben. Ein schöner, farbenprächtiger Schmetterling, dessen Glanz wohl, aber schnell verblich, wenn die Roth des Daseins an ihn herantrat, und das Müsseil den Kampf mit dem Können als eine Niederlage kennzeichnete. Glückliche können leicht liebenswürdig sein, blenden, , entzücken) " Das Glück leiht Flügel; eine heitere Seele schwingt sich/leicht in den . Aether hinauf., Frohsinn,, Sorglosigkeit verjüngt, verschönt: Das/ t/graue Gespenst der Sorge aber lähmt die Schwingen,' und. die Elastizität des Geistes geht so schnell verloren bei-rastlosem Mühen /und Arbeiten.; Wie so ganz 'anders war Sophie Milde. .. Nicht schön, was man darunter versteht, — nicht geistsprühtznd, sie dachte -langsam, über ihr Wissen war für eine Frau ein selten - tiefes, ihr Gedankenleben reich, ihre Pflichttreue rührend, ja erhaben. i'/Jhre schlichte Außenseite verrieth nichts von dem Reichthum ihrer -Seele, ihres Gemüthes; nur wem es, wie Klein, /vergönnt war, /einen tiefen Blick in ihr Innenleben zu thun, wußte, wie viel/echte -. Menschenliebe, wie viel Aufopferung und Muth sich Hinter der kühlen /Mädchenstirne verbarg,-/wie gut und klug, wie talentvoll Sophi / Milde, mit welch' männlicher Kraft sie arbeitete, strebte, rang, ohne - zu erlahmen. Neben das Bild Evas, das sich, wie er grollend meinte, recht -aufdringlich in seine Träume gedrängt, trat die unscheinbare Gestalt .^Sophiens, in dem einfachen grauen Kleide, in dem er sie täglich sah, umit dem reichen, kunstlos geordneten Haar, mit dem klugenenergischen Gesichte, welches selten lächelte, wenn - es aber geschah, dadurch einen wunderbaren Reiz erhielt, da die sehr schönen Zähne dabei zur Geltung kamen. Dieses unermüdlich / fleißige Mädchen, dessen -ganzes Dasein ausgefüllt war durch schwere Pflichten, die sie -Tag für Tag ausübte, ohne an eine Erholung M. denken, ohne mit /dem/Schicksal zu^murren, das ihr so wenig. Glück und Freude bot. Ob wohl Eva Bernaner eine Ahnung hätte von einem solchen Daseiu, wie.es.die Mildes führten?- ' - 4 i|

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.