Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1897)
- Date
- 1897-07-23
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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, Nachmittag der Trauung-der Tochter.-einer alten Bekannten .in det. Synagoge .beizuwohnen; das 'mußte, sie nun'aufgeben, wenn nicht ' ihr Gatte gar am Ende von ihr verlangte, auch den Ball am Abend aufzugeben. Mit einer langen Schnur band sie das Bein der Gaick; vorläufig an einen Bettfuß, so daß der große Vogel während kk übrigen Tages pompös.auf dem. Fußboden unter dem Bett heruisiwatschelte; er wußte nicht, wem er. sein Leben verdankte, und hatte - keine Ahnung, daß er trepda war. - .. . . „Nu, nu," kicherte Ludwig/ als Flatterentchen die Katze zornig fortstieß, ,chab' keine Angst, Rebbezin wird sienicht angreifen; Rebbezin versteht sich besser auf treplm als Du." Es war eine andere Katze, aber der Scherz war derselbe. " j Flatterentchen begann nun mit noch' größerem Aerger die Fischte auszunehmen. Sie hatte sie. als -Ersatz für die. Gans gekauft, und, sie erinnerten sie fortwährend an ihr verwickeltes Mißgeschick. Bald schnitt sie sich in die Finger und durchsuchte, die Wände vergeblich nach einem Spinnwebenverbnnd. Sie klagte bitterlich über die Mißwirthschaft des Dienstmädchens; als sie noch selbst das Haus versehen hatte, war an Spinnweben in den Winkeln nie Mangel gewesen. Aber das war nochnicht das Ende von Flatterentchens Unglück. Als sie im Laufe des Nachmittags zu Frau Löwy in den zweiten Stock hinaufstieg, um sie zu erinnern, daß sie am Abend ihren gestickten Unterrock brauchen würde, kam die Antwort, daß -heute der Todestag von. Frau Löwys Mutter sei, und also nich't einmal?-ihr Unterrock auf eine Hochzeit gehen dürfe. Endlich. wärest die Handschuhe, die Flatterentchen von der Krämersftau borgte/ an den Daumen geplatzt. So mußte das Dienstmädchen hin iitib her rennen undz bie Nachbarn zur größeren Herrlichkeit Flatterentchens berauben. Erst in der elften Stunde wurde, ein gestickter Unterrock herbeigeschafft. , ......’./.'V v | - Ueberhaupt lag Elektrizität in der. Luft, und Emanuel war nicht da, um sie längs des Blitzableiters der Scherzhaftigkeit abzuleiten. - Die Kürschner stachelten mürrisch; sie hatten ein Vorgefühl von Sturm, aber das Wetter hielt den ganzen Tag an, und man konnte sich der Hoffnung hingeben, daß die Strömungen vorbeiziehen würden» ohne Schaden anzurichten. .! . Als jedoch Flatterentchen sich vom Arbeitstisch erhob, sing das erste Gepolter an. Ludwig versuchte nicht, sie von ihren gesellschaftlichen Zerstreuungen abzuhalten, aber währmd . ihrer ganzen Toilette wttthete er innerlich. Während er sich hustend über den Hermelin beugte, den er mit schwarzen Flecken betupfte, sah er mehr als je ein, wie unverträglich ein solcher Bund zwischen Enterich und/ . Schmetterling „ war. Und dieser Gedanke schoß manchmal mit: . trockenem Satkasmus hervor. Aber Flatterentchen hatte sich über das Niveau erhoben, auf dem Ludwig als ihr-Gatte existirte. Den ganzen Tag hatte sie ungezwungen, wenn auch, ein bischen herablassend^ . mit ihren Mitarbeitern gesprochen und sich über das heutige Mißgeschick : beklagt; aber in dem Maße, als sie rein und schön zu werden be-' . gann, als der Mousselin um den großen Spiegel der Rahmen eines prächtigen Damenbildes wurde, entfernte sich Flatterentchen immer .mehr und mehr von den Werktagsintereffen; sie fühlte sich in eine/ höhere Welt voll . Glanz und Eleganz, in eine verdünnte Atmosphäre der Vornehmheit getragen, in der sie zu statuenhafter Frostigkeit - erstarrte. - : | Nun war sie nicht mehr Flatterentchen. .. y j Und als sie für die Hochzeit völlig angekleidet war, als - sie die. Ohrringe mit den farbigen Steinen und -die Kkone von allem, beit mit künstlichen weißen Blümchen bestecktem falschen Ehignon, ansi . gesetzt hatte, strömten die Nachbarinnen in das Werlstättenboudoix herein, um sie anzusehen. Schweigend drehte .sie sich wie eine Kleiderpuppe vor ihnen herum, indem sie ihre Komplimente, höchstens durch einsilbige Laute anerkannte. Sie 'hatte sie eingeladen,- zur kommen - und sie zu bewundern,' aber - als sie nun erschienen, war Le bereits ..zu stolz geworden,, um mit ihnen zu sprechen. Selbst die Fraueil, deren Putz sie trug, -die zu ihrer Pracht beigetragen, erschienen ihr / als armselige Geschöpfe, deren Berührung ihren gestickten Unterrock befleckenwürde. Im wunderlichen Gegensatz zu ihrer' Pfauenhaften . Vornehmheit begann diegroße trephe Gans lebendig zu werden und schnatterte und flatterte innerhalb ihres Radius umher, als ob die Seele Flatterentcheüs in ihren Körper übergegangen sei. Der-Augenblick des Aufbruches war gekommen. Die Droschke stand vor der Hausthür, und rings um die Droschke stand eine bunte Menge. Im Ghetto hat eine Droschke besondere Bedeutung, und Flatterentchen würde zu der ihren nur durch eine Allee polyglotter Kommentatoren gelangen können. Im letzten Augenblicke, als sie wie irgend eine §rancke dame (von der sie sich nur durch die hochgeschlossene Taille und die langen Aermel -unterschied) ihre duftige Umhülle um den Kopf warf, entdeckte sie in einem. Theil des Tuches einen großen Riß und in einem anderen einen großen Fleck. Sie stieß einen Ausruf Der Bestürzung aus — das erschien ihr als der ' Gipfel des heutigen Mißgeschickes. „Was soll ich thun? Was soll ich thun?" rief sie, und. ihre Würde schmolz beinahe in Thronen dahin. Die Zuschauer machten einen theilnahmsvollen, aber nutzlosen Lärm.? ' > ' „Falte es auf die andere Seite zusammen," rief Rahe!- vom Arbeitstisch herüber. „Komm her/ ich werde es Dir richten." „BistDu zu faul, um zu mir zu kommend^ entgegnete Flatterentchen gereizt. - - Rahel erhob sich, schritt auf sie zu und ordnete das Tuch von Neuem. „O nein, so geht es nicht!" klagte Flatterentchen, indem sie vor dem Spiegel verschiedene Haltungen annahm. „Man sieht es gerade so wie früher. Was soll ich nun anfangen?" „Soll : ich es Dir sagen?" meinte ihr Gatt^sinnend. „Zu Hause bleiben." . Flatterentchen warf ihm einen zornigen Blick zu. „Nun, es wird gehen müssen," sagte Rahel' achselzuckend und verächtlich die Lippe vorschiebend. ■; „Nein, es geht nicht — leih' mir Dein rothes Tuch." „Ich habe keine Lust, mir mein rothes auch schmutzig machen zu lassen," brummte Rahel. „Hörst Du, was ich sage?" rief Flatterentchen in wachsender Wuth. „Gieb mir Dein rothes Tuch! Wenn die Mutter/es' sagt, ist es gesagt!" Und sie blickte sich, Theilnahme mit ihren-Leiden und Bewunderung ihrer mütterlichem Würde heischend, in der Gruppe ihrer Zusch auer um. ' „Ich kann nie etwas für mich selbst behalten," sagte Rahel . trotzig. „Du giebsi nie auf etwas Acht." «Ich habe auf Dich Acht gegeben!" kreischte .Flatterentchen, durch - den Gedanken, -daß ihre Nachbarinnen Zeuginnen des unehrerhietigen Benehmens ihrer Tochter waren, angestachelt, „und viel habe ich davon gehabt." „Ja. Du giebst schön auf mich Acht! Du denkst nur daran, Dich selbst-zu unterhalten. Junge Mädchen müssen ausgehen, nicht alte-Weiber."^- - . „Dü unverschämtes Ding!" Und in einem unwiderstehlichen, ' wilden Impuls, einem Rückschlag zu den Tagen des „NoäiLni", hob Flatterentchen den-Arm und .schlug Rahel mit der weißbehand- .. schuhten Hand heftig auf die Wange.. s.wv.V, •%. ait /L»-Mj