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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-23 · Heft 30 (23.7.1897) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 30 (23.7.1897)
Date
1897-07-23
Page
Seite 356 (sequence 8)
Language
German
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uns dieses, weil wir seine Voraussetzung, die Erkenutniß. nicht besitzen. Jüdisches Geistesleben einst und jetzt wird betrachtet, und die Schale der Waage, in der die Schwere moderner Religions- Und Geschichtskenntniß liegt, schnellt leicht empor. Dabei ist die Möglichkeit einer Verbrüderung auch mit der modernsten Naturwissenschaft keinem ' Religionssystem so leicht wie dem jüdischen. Schon Saadja nennt ' im neunten Jahrhundert die Vernunft die Richterin über Bibel j und -Talmud, und Jair Shaim Bacharach verwahrt sich im 17. Jahr-; hundert dagegen,i daß Glaube die Annahme dessen sei, was dem j Verstände zuwider ist. Nichts kann helfen als die Versenkung ist! die Schätze, die das Judenthum besitzt, zum Theil unbehauene Goldlager in tiefen Schächten.. Es'fehlen aber die. Bergleute, die'danach , schürfen. . 1 Aber schon das,' was bekannt ist,-hat unvergänglichen Werth. Ein Einblick in die jüdische Litteratur von der Bibel und den Propheten an bis Mendelssohn und Zunz gewährt Erhebung und . befriedigt die Sehnsucht nach: „Mehr Licht!" das Goethe in seiner Sterbestunde verlangte. Um die Juden zu beschämen, braucht man nur den Reichthum, den Christen etwa seit dem 14. Jahrhundert; als Pfleger der jüdischen Litteratur zu Tage gefördert haben, aufzuweisen. Die Schrift Hofmanns thut es mit vielen! Geschick. Sie; weist auch auf die Bedeutung des jüdischen Schriftthums für die Kultur und die sittliche Entwickelung-der Menschheit hin. Die Bibel! als Kunstwerk, als Erziehungsbuch, als Sittenkodex, der Einfluß ' der jüdischen Philosophie auf die Scholastik, die Vermittelung des ' Aristoteles; Gabirols Avizebron, seine Wirkung auf Albertus Magnus, Thomas von Aquino, Duns Scotus; sodann die Be- . kämpfung des Aristoteles durch Crescas, lange bevor die Renaissance,! und der Humanismus die mittelalterliche Weltanschauung durch-; löchert hatte; die Bedeutung der Juden für die Medizin, das alles j sind nur weit auseinander liegende Merksteine. Soll das alles unbekannt bleiben? So lange die Frage blos theoretisch von Bedeutung war, mochte sie immerhin beiseite ge- ■■ schoben werden. Der Alltag pulsirt zu stark, um feinere Regungen - der einzelnen Erleuchteten zu vernehmen. Aber sie wurde praktisch: Mangel an geschichtlichem Bewußtsein bedeutet zunächst Wissenschaft.-! lichen, dann geistigen Nihilismus, in unserem besonderen Falle Gleichgiltigkeit, Mangel an Selbsterkenntniß, an^Selbstbewußtsein in religiöser Hinsicht, in Rücksicht aufdas Judenthum.. Vollzieht sich hier keine Wandlung, dann ist es Perloren; die - Quellen des'ererbten Gefühls sprudeln picht allzu lange; Tradition :• ohne erläuternde Kenntniß erstarrt. Deshalb: Neubelebung der! historischen Kenntnisse im Judenthum, ins Praktische übersetzt.: \ Gründung v o n jüdischen Litteraturve reinen aller! Orten. Damit schließt Dr. Hofmann. Der erste Verfechter dieser Idee ist.bekanntlich der Herausgeber ' dieses Blattes. Ihr hat Hofmann eine historisch-philosophische Be- ' gründung gegeben, frisch, kernig, temperamentvoll. Es ist, als wenn die schmerzliche Regel, die ich Eingangs aufstellen mußte, durch dstse - Ausnahme bestätigt würde. Seine Streitschrift ist ehrlich, ohne Phrase, muthig ohne Rückhalt. ' , r Sonderbar! So viel geistig bedeutsame Bewegungen man im jüdischen oder deutschen Volksleben verfolgen kann, so haben sie alle mit der einsamen Arbeit wissenschaftlicher Einsiedler begonnen, deren Geistessamen in die Welt geflogen und in herrlicher Frühlingsluft, als die Zeit erfüllt , war, aufgegangen sind. Wird man von einer Wiederbelebung jüdischen Geisteslebens in echt, modernem Sinne reden können, so wird sich , ein anderes Bild, entrollen: aus der Sehnsucht nach religiöser Klärung, welche einer Zeit wüsten Materialismus' nachfolgt, 'aus der Bedrängniß einer umstrittenen und gefährdeten sozialen Position erwächst in der; Seele.der Massen der . Wunsch nach geistiger Nahrung, nach Klarheit mit Hilfe der Geschichte.. Vielleicht zeitigt er später auch wissenschaftlich bedeutsame Werke.; Es will mir scheinen, als enthielte Hofmanns Schrift einen Weckruf, der. über schläfrige Thäler hinsährt und, indem er in freier Luft weiterzieht, unthätiges Beharren zu frischer Arbeit ruft. Gffek — Sitnah. Ein Brunnenstreit. Von Rabbiner Dr. I. Kohn in Jnowrazlaw. er kennt nicht die interessante biblische Erzählung vom Brunnenstreit in den Tagen Isaaks! Wer weiß nicht, daß die Semiten Abraham, Isaak u. s. w. schon vor vier Jahrtausenden von den gastfreundlichen Philistern mit scheelen Augen angesehen, ihres Wohlstandes und Reichthums wegen von ihren edlen Nachbarn beneidet und gehaßt wurden! Wer erinnert sich nicht aus seiner Schulzeit her der Verse: „Und Isaak hatte Schaf- Heerden und Rinderheerden und viel.Gesinde, und es beneideten .ihn die Pelischtim.. Und Abimelech sprach zu Jizchak: „Geh von uns, denn du bist mächtiger geworden als wir!^<1. B. M. 26, 14-17.) Verdient diese würdige Philister-Sippschaft nicht, daß der.Antisemiten-Bund in seiner heutigen Gestaltung und. Vereinigung zur Ehrung ihres Andenkens feierlichst das „Requiem aeternam dona eis Domine!“ anstimme, und der Antisemitenpapst Stöcker sie „um ihrer unvergänglichen, am Himmel der Menschheit, ewig leuchtenden Verdienste willen" heilig spreche? Wahrlich, wären wir Metempsychosisten, wir würden glauben, daß die Seelen jener Philister in die Leiber der heutigen Antisemiten gefahren. ' Doch, wir wollten ja nicht von Antisestuten, sondern vom Patriarchen Isaak sprechen. Nachdem der Patriarch auf. Geheiß Abimelechs weggezogen und dessen Knechte einen Brunnen voll lebendigen Wassers gefunden, da stritten die Hirten Gerars mit den Hirten Jizchaks und sagten: Unser ist das Wasser! Und er nannte den Namen dieses Brunnens Effek, weil sie mit ihm gezankt hatten, und sie gruben einen anderen Brunnen, und sie stritten auch um diesen, und er nannte seinen Namen Sitnah (1. B. M. 26, 21). Wahrlich, man glaubt die Tage Isaaks wiedergekommen, wenn man den Brunnenstreit liest, der zum Schluffe des vorigen Jahrhunderts begonnen und erst nach etwa 40 Jahren endgiltig geschlichtet wurde, den Btunnenstreit, den der Vorstand, der Jnowrazlawer Synagogen- Gemeinde mit dem Magistrat daselbst beinahe vier Jahrzehnte lang voll Energie und kräftiger Abwehr führte. Die Geschichte dieses Brunnenstreites ist in Kürze folgende: Im damaligen Judenviertel Jnowrazlaws befinden sich, sechs resp.. fünf Brunnen.. Die Brunnen sind schadhaft, bedürfen der Reparatur, die mit verhältnißmäßig bedeutenden Kosten verbunden. Wer soll aber diese Kosten tragen? Der Vorstand der jüdischen Gemeinde sagt: Von diesen Brunnen trinken nicht nur Inden, sondern auch Christen löschen ihren Durst mit diesem Wasser, also muß die ganze Stadt resp. der Magistrat di? Kosten der Reparatur und Instandhaltung der Brunnen tragen. Der Magistrat aber sagt: Nein, und tausendmal nein! Das Waffer trinken allerdings alle Diejenigen, die Durst haben, ohne Unterschied der Religion und Konfession, aber da die Brunnen.in der Jndenstadt liegen, müssen die. JR§.lm-aste

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