Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1897)
- Date
- 1897-07-23
- Page
- Seite 352 (sequence 4)
- Language
- German
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sondern ver junge Mann erhält auch, wie der reguläre Arbeiter, seinen Tägelohn. Die so gewonnenen Beträge werden von der Leitung zinstragend angelegt und nach beendigter Studienzeit dem Zögling ausgehändigt; dieser wird also in die Lage gebracht, sich gleich wirtschaftlich auf eigene Füße zu stellen. v Schon bei Eröffnung der Anstalt hatten sich 75 Schüler an gemeldet, und zwar rekrutiren sich diese nicht nur aus den Kreisen russisch-jüdischer Peddler (Hausirer) oder jener armen Handwerker Neiv-Aorks, deren Loos unter dem berüchtigten „Schwitzsystem" wahrlich kein beneidenswerthes ist, auch eine Anzahl christlicher junger Leute, Söhne protestantischer Geistlichen, Advokaten und Kausleute meldeten sich zum Eintritt. Denn die Anstalt kennt keinen Klassen- und Religiönsunterschied; wer die nöthigen Vorbedingungen erfüllt, d. h. ein gutes Volksschulzeugniß vorzulegen im Stande und körperlich gesund ist, wird, soweit der Platz ausreichend, ausgenommen. Dr. Krauskopf, der an der Spitze des Verwaltungsrathes -es Unternehmens steht, ist erst im Jahre 1894 auf die Idee der Gründung einer solchen Anstalt gekommen. Damals unternahm der Rabbi eine Reise nach Rußland, um sich an Ort und Stelle über die Lage seiner unglücklichen Glaubensgenossen zu unterrichten und; für diese vom Zaren die Erlaubniß zu erbitten, im Innern des Landes Äckerbau treiben zu dürfen. Man weiß, daß damals die Bemühungen des Rabbi ohne Erfolg blieben. Bei -jener Gelegenheit aber machte Dr. Krauskopf die Bekanntschaft Tolstoi's, dem er sein Vorhaben kundgab und der ihm rieth, seinen Plan in Amerika selbst zur Ausführung zu bringen und zu diesem Zwecke mit der Gründung einer jüdischen Ackerbauschule zu beginnen. Das Resultat dieser Unterredung der beiden Menschenfreunde ist das Werk, das man im fernen Pennsylvanien geschaffen, ein Wahrzeichen echter Toleranz und wahrer , Nächstenliebe. Protokoll ükrr die Konferenz des Vereins israelitischer Fehrer Mitteldeutschlands am 26. und 27. Mai 1897 pr Gotha, I. Sitzung am 26. Mai. - Tagesordnung: 1. Geschäfts- und Kassenbericht. 2. Bortrag des Herrn Dr. Spanier-Magdeburg: Streifzüge auf dem Gebiete der neueren jüdischen Schullitteratur. 1 Präsenzliste: Landrabbiner Dr. Salzer - Stadtlengs seid, die Lehrer Heilbrunn-Gehaus, Steinhardt-Magdeburg, Sommerfeld-Chemnitz, . Röthler-Gothä, Goldschmidt-Geisa, Horwitz-Dessast, Rothschild-Erfurt, Stern-Schönebeck, Wertheim-Gera R., Hofmann-Meiningen, Frank-Halle, Dr. Spanier-Magdeburg, Engelberg-Aschenhausen, Katz-Aschenhausen, Heß-Weißenfels, Holländer-Berkach, Moch-Mühlhausen, Meyer-Eisenach, Rosenstein-Herleshausen, Wolfermann-Gotha. " ' ' Der Vorsitzende des Vereins, Herr Landrabbiner Dr.-Salzer- Stadtlengsfeld/eröffnete die Konferenz und begrüßte die Anwesenden.; Erschienen waren die in der angeführten Präsenzliste verzeichneten 21 Mit- : glieder; entschuldigt fehlten die Herren Mühlfelder - Hildburghausen, Dr. Salzberger-Erfurt, Lion Wols-Aschersleben, S-ern-Halberstadt. In warmen Worten erörterte der Herr Vorsitzende die Bedeutung der Konferenzen für den Lehrersland überhaupt und den jüdischen Lehrerstand insbesondere. Der jüdische Lehrer, der von der sozialen Hebung und allgemeinen Besserstellung der anderen Verufsttände nur wenig, ja fast , gar keine Bortheile erlangt habe, hoffe, daß gerade durch das Vereinswesen ein günstiger Wandel herbeigeführt werde. Alsdann erstattete der j Vorsitzende Bericht über die Vorgänge innerhalb des Vereins im letzten - Vereinsjahre. Im Februar dieses Jahres hat der Verein im Aufträge des Verbandes der israelitischen Lehrervereine im Deutschen Reiche an die Lehrer Mitteldeutschlands Fragebogen ausgesandt. Von den j 48 Empfängern derselben haben nur 27 geantwortet; das sei im Hinblick; auf die zu erwartende Statistik ungemein bedauerlich. — Eingegangen ist eine Mittheilüng des Verbandsvorsitzenden, die Lü'chmannsche Stiftung betreffend, und ferner eine Zuschrift der Buchhandlung Kaufmann in - Leipzig. Außerdem hat Herr Kirchenrath Dr. Kroner-Stuttgart, einer der Gründer des Vereins, an den Vorsitzenden ein herzliches Schreiben gerichtet, in welchem derselbe sein immerwährendes Interesse für den I Verein und den jüdischen Lehrerstand bekundet, und von welchem die Versammlung unter freudigem Beifall Kenntniß nahm. — Die Buchhandlungen von I. Kauffmann-Frankfurt a. M., M. W. Kaufmann Nachfolger-Leipzig, W. Jaeobfohn u. Co.-Breslau haben Kataloge ihrer Bücher eingesandt. — Darauf begrüßte Kollege Röthier-Gotha die Anwesenden, auch gleichzeitig im Aufträge der israelitischen Gemeinde Gotha. — Aus dem nun folgenden Kassenbericht des Kollegen Heilbrunn-Gehaus geht hervor, daß die Kassenverhältnisse des Vereins im Allgemeinen befriedigend sind, dem Kassirer wird einstimmig Decharge ertheilt. — Sodann erhielt Kollege Dr. Spanier das Wort zu seinem Vortrage: Streifzüge auf dem Gebiete der neueren jüdischen Schullitteratur. Der Referent kennzeichnete Eingangs seines Referates den diesjährigen Konferenzort Gotha als eine Schulstavt pur exeellenee, wo Herzog Ernst als erster deutscher Fürst durch feinen Schulmetho.dus (1642) dem darniederliegenden Schulwesen neue Anregung gab, wo in neuester Zeit die hervorragenden Seminardirektoren Karl Schmidt, Friedrich Dittes und Karl Kehr gewirkt haben. Diese berühmten Schulmänner suchten durch Wort und Schrift die Pädagogik von engherzigen konfessionellen Fesseln zu lösen und betonten den allgemein menschlichen Standpunkt als den allein naturgemäßen. Redner wies darauf hin, daß den jüdischen Schulen der Kampf erspart geblieben, der durch die Parole: „Hie Kirche, hie Schule" heraufbeschworen worden ist, der noch immer tobt, und nicht zum Heile der Entwickelung der Schule. Scharf betonte der Referent, bei allen Unterrichtsgegenständen, auch bei dem Religionsunterrichte, müßten vor allem pädagogische Grundsätze maßgebend sein. Er ging dann näher auf das im vorigen Jahre bei Köbner- Breslau erschienene Werk Dr. Maybaums: Methodik des jüdischen ' Religionsunterrichts ein, indem er dasselbe allseitiger Beachtung und Würdigung empfahl und es als das erste in seiner Mt hinstellte. Im Gegensatz zu Maybaum vertheidigle er die katechetische Lehrmethode, die von der neuercn Pädagogik nicht als das reine Frage- und Antwortsprel ausgefaßt werde, auch die sokratische sei aus dem Religionsunterrichte nicht zu bannen, und ebenso dürften beim biblischen Geschichtsunterricht die konzentrischen Kreise nicht pure abgewiesen' werden, zumal die kulturhistorischen Stufen der Herbert-Zillerschen Schule nicht an deren Stelle gesetzt werden könnten. Redner sprach dann gegen die Forderung, in Bezug auf den Lehrstoff sich nur von der religiösen Ueberzeugung, die der Lehrer beim Amtsantritte wahrheitsgetreu den Gemeindebehörden darzulegen habe, leiten zu lassen. Zn sein Referat verwebte der Redner Charakteristiken der weiteren im verflossenen Jahre erschienenen Schulbücher: Urbild und Ebenbild, Lehrbuch für den Unterricht in der israelitischen Religion von Dr. Goldschmidt- Offenbach (Selbstverlag), dessen Leitfaden für Schule und Haus nach den Grundsätzen der Herbert-Zillerschen Interesse-Bildung, Kozir b’rinch, das Gebetübersetzen als Gebetunterricht, ferner M. Plauts Biblische,Geschichten, für die israelitischen Kleinen erzählt (Frankfurt a. M. Kauffmann). Zum Schluffe stellte Dr. Spanier in Anlehnung an das Kapitel der Maybaumschen Methodik: „Der Religionslehrer" die unabweisbare Forderung hin, daß der Lehrer unablässig an seiner Fortbildung arbeiten und ganz besonders das reiche Gebiet seiner Berufswissenschaft, der Pädagogik, Psychologie und Ethik kultivireül müsse, damit er, im Amte ergraut, nicht über eine seminaristische Bildung, d. h. den Bildungsgrad eines Seminaristen, verfüge. Die Versammlung folgte diesen hiermit in kurzen Worten etwa wiedergegebenen gediegenen Ausführungen mit gespanntester Aufmerksamkeit und spendete dem Referenten reichen Beifall für seinen gedankenvollen, reiche Anregung bietenden Vortrag. Außerdem sprach der Herr Vorsitzende in lobenden Worten dem Vortragenden den Dank des Vereins; aus. An den Vortrag schloß sich eine lebhafte Debatte, an welcher sich besonders die Herren Heilbrunn, Dr. Salzer und Steinhardt betheiligten. Heilbrunn wünschte vor allem praktische Methodenbücher für den jüdischen Lehrer, die demselben zeigen sollen, wie unterrichtet werden soll. Es empfehle sich die Umarbeitung eines anerkannten erschienenen Werkes im jüdischen Sinne. Er betrachtet es als eine Hauptaufgabe des Verbandes, die Lösung dieser Frage in die Hand zu nehmen und hofft, daß ein entsprechendes Thema demnächst auf einem Verbandstage erörtert wdrden möchte. Wünschend werth wäre auch eine pädagogische jüdische Zeitschrift. Steinhardt glaubt, in Uebereinstimmung mit der gesammten jüdischen Lehrerschaft das Werk Maybaums mit Freuden begrüßen zu dürfen. Es sei ein Erstlingswerk auf diesem