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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-23 · Heft 30 (23.7.1897) · p. Seite 351

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 30 (23.7.1897)
Date
1897-07-23
Page
Seite 351 (sequence 3)
Language
German
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3öl mltgewirkt; sein aufrechtes Ehrgefühl ist ihm aber geblieben. Die „Kreuzzeitung" hat seit dem ersten Tage ihres Bestehens Judenhetze getrieben/ und zuletzt fing Herr Stöcker, der damals von der konservativen Partei als einer ihrer befähigtsten Mitglieder hochgeschätzt war, an, aus der Judenhetze ein Geschäft zu machen. So entstand die antisemitische Partei, die seitdem den Konservativen eine Reihe von Wahlkreisen entrissen hat, darunter zwei Kreise, die sie als ihr unantastbares Eigenthum betrachtet haben, Neustettin und Arnswalde, und die jetzt im Begriff steht, mit ihnen in mehreren anderen Wahlkreisen einen Kampf auszufechten. ' ' ■ ' * Die deutsche Wissenschaft hat in dieser Woche einen unersetzlichen Verlust erlitten, und die Judenheit hat einen ihrer besten und. hervorragendsten Männer verloren. Am 16. d. starb zu Wilhelmshöhe Levin Goldschmidt, der erste ordentliche Professor für Handelsrecht an der Friedrich Wilhelms-Universität. Der Tod kam Goldschnndt als Erlösung von schwerem Leiden. Seit mehreren Jahren schon mußte sich Goldschmidt wegen schweren Siechthums aller geistigen Arbeit enthalten. Er verbrachte die letzten Jahre fern von Berlin zmneist in Heilanstalten. Mit Goldschmidt wird einer der hervorragendsten Pfleger des Handelsrechtes zu Grabe getragen. Er hatte in diesem Gebiete Weltruf. Mehrfach wurde von fremden Staaten auch in internationalen Streitigkeiten sein Urtheil und Gutachten ist Anspruch genommen. Einen hervorragenden Antheil hat Goldschmidt an der Ausgestaltung der deutschen Handelsgesetzgebung. Die Entwickelung der politischen Dinge in Deutschland von den fünfziger Jahren an gab ihm hier ausgiebige Gelegenheit zur Arbeit. Er konnte auf seinem Felde thatkräftig Mitwirken, einheitliche Zustände in Deutschland herbeizuführen. Wichtig war hierbei, daß Goldschmidt ein Preuße von Geburt und in Preußen zum Juristen gebildet, später viele Jahre hindurch Professor in Heidelberg, den Vermittler zwischen Nord und Süd unter den deutschen Pflegern des Handelsrechtes abgeben konnte. Dazu kam noch, um. diese Seite seiner Thätigkeit in ihrer Bedeutung zu steigern, der internationale wissenschaftliche Verkehr, den Goldschmidt pflegte. Es war nur eine gerechte äußere Anerkennung der hervorragenden Leistungen Goldschmidts in der deutschen Handelsgesetzgebung, daß er nach Errichtung des Bundesoberhandelsgerichtes mit dem Sitze in Leipzig zum Rathe bei dieser höchsten deutschen Handelsgerichtsbehörde ernannt wurde. In engstem Zusammenhänge mit diesem Schaffen steht Goldschmidts Berufung in die 1874 eingesetzte, aus fünf Mitgliedern bestehende Reichskommission für Begutachtung von Plan ujid Methode eines Bürgerlichen Gesetzbuchs. Der Schätzung, in der Goldschmidt als Kenner des internationalen Rechts stand, berbcmfte er, daß er 1873 Namens des deutschen Kaisers in das Schiedsgericht für die zwischen England und den Vereinigten Staaten streitige San Juaufrage entsandt wurde. Die wissenschaftliche Arbeit Goldschmidts auf dem Gebiete des Handelsrechts ist dadurch ausgezeichnet, daß er die verschiedenartigen Seiten der Disziplin gleichmäßig beachtete. Ueber der dogmatischen Seite vergaß er nicht die wirthschaftliche. Und mit unverwandtem Interesse behielt er alle Zeit die geschichtliche Entwickelung im Auge. 'Levin Goldschmidt wurde 1829 in Danzig geboren. Er studirte zuerst Medizin, dann Rechtswissenschaft in Berlin, Bonn und Heidelberg. Nach kurzer Thätigkeit im praktischen Justizdienste wandte er sich der akademischen Laufbahn zu. Er wurde 1855 Privatdozent in Heidelberg, erhielt dort 1860 eine außerordentliche und 1865 eine ordentliche Professur. In den Lehrkörper der Universität Berlin wurde Goldschmidt, damals Reichsoberhandelsgerichtsrath, 1875 berufen. Von 1875 bis 1877 war Goldschmidt Mitglied des deutschen Reichstages, und zwar in der nationalliberalen Partei. Professor Goldschmidt war eilt gesinnungsfester Jude. Seine Wirksamkeit im Hilfsverein für jüdische Studirende, im Dezemberkomitee zur Abwehr und in anderen Vereinen bleibt unvergessen. Auch sein entschiedenes Auftreten bei den Septennatswahlen wird nicht vergessenwerden, wenn auch die deutschen Juden ihrer Ueberzeugung nach ihm damals nicht folgen konnten. Aber er hatte den Muth seiner Ueberzeugung und betätigte diesen bei jedem Anlasse. ' Sein Name und sein Wirken war tin Kidduseli haschem, und wir werden ihm stets ein treues Andenken bewahren! $ Ueber die jüdische National - Ackerbauschule (National Farm School) der Vereinigten Staaten, die am 20. v. M. eingeweiht wurde, geht uns ein ausführlicher Bericht zu. Im Unionsstaat Pennsylvanien, nahe dem regen Städtchen Doylestown, etwq 25 Meilen von Philadelphia entfernt, befindet sich diese „Jüdische National- Ackerbauichule der Vereinigten Staaten", eine Anstalt, welche ihre Gründung der Initiative des energischen und geistvollen Rabbiners Dr. Joseph Kranskopf von Philadelphia verdankt und zu deren Förderern Männer aller, in der großen Republik vertretenen religiösen Bekenntnisse gehören. Von Interesse sind folgende Mittheilungen über das Institut: Von dem Prinzip ausgehend, daß man die Machkommen jener unglücklichen Menschen, welche, ein Opfer barbarischer Zustände, ihrer' russischen Heimath beraubt wurden, zuerst dem Hausirersack entfremden müsse, um sie zu guten Bürgern der neuen Heimath zu erziehen, wandte sich Rabbiner Krauskopf an das Volk der Vereinigten Staaten, zur Gründung einer Schule auffordernd, deren Aufgabe es sein soll, jüdische junge Männer zu tüchtigen, rationellen Landwirthen heranzubilden. Mit starkem Zweifel begegnete man zumeist dem Projekte. Mehr als einmal wurde in der amerikanischen Presse die Ansicht kundgegeben, daß es doch wohl kaum möglich sein werde, durch den Einfluß einer solchen Anstalt die Vorliebe der breiten Schichten des Judenthums für den Handel zu bannen. Aber Rabbi Krauskopf wußte diesen Zweifel an der Hand von Gründen, die sich auf Thatsachen stützten, zu zerstreuen. Er wies hin auf die in Odessa gegründete, segensreich wirkende Ackerbauschule, er zeigte, wie im Innern Rußlands 30 000 arme Juden eine öde, wasserarme Steppe durch ihrer Hände Arbeit in blühende Felder verwandelten, er berief sich schließlich auf den Erfolg jüdischer Kolonien in New-Jersey und Argentinien. In kurzer Zeit brachte der unermüd-' liche Mann 25 000 Dollars zusammen. Ueberdies gründete er eine Vereinigung, deren Mitglieder sich zum Zweck der Unterhaltung der erwähnten Anstalt zur Zahlung eines Jahresbeitrages von 5 bis 10 Dollars verpflichteten. Mehr als 1000 Mitglieder waren schon nach Verlauf von zwei Jahren für die Sache gewonnen, und so kann das gute Werk schon jetzt der Oeffentlichkeit übergeben werden. Die Anstalt, für deren Leitung man einen praktischen Farmer gewonnen hat, der schon einem ähnlichen Institut mit Erfolg vorgestanden hat, umfaßt eine aus etwa 60 Hektar bestehende, zum Theil schön bewaldete Musterfarm. Auf ihr befindet sich das 120 Fuß lange, zweistöckige Hauptgebäude mit den Lehrsälen, Lesezimmern, einer trefflich ausgestatteten Bibliothek und den Wohnräumen für Lehrer und Schüler. Was nur zu einer amerikanischen Mustersarm gehört, ist hier zu finden. Die besten Ackerbaumaschinen, Geschenke der Fabrikanten dieser Artikel, stehen den Schülern zur Verfügung. Geräumige, gut ventilirte Stallungen, weite Getreideschuppen, Wasserpumpen erprobter Systeme, Gewächshäuser, eine Molkerei sind vorhanden. Die Studienzeit ist auf vier Jahre festgesetzt. Wahrend der Sommermonate, vom 1. April bis zum 1. Oktober, werden die Zöglinge praktisch unterrichtet. Sie sollen in allen Zweigen der Landwirthschaft arbeiten, jedweder auf der Farm zu leistende Dienst wird von ihnen verlangt. Die Winterzeit ist dem theoretischen Studium gewidmet; Chemie, Botanik und Geologie bilden dabei die Hauptfächer. Die Anstalt wird nach dem Kooperativ-System geleitet. Sie gewährt dem Schüler nicht nur freien Unterhalt, kleidet und erzieht ihn kostenfrei.

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