Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1897)
- Date
- 1897-07-16
- Page
- Seite 347 (sequence 11)
- Language
- German
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347 i Die. Worte rissen Klein aus dem tratnnhaften Zustande,- in dem er - sich befand, in die Wirklichkeit zurück. An Wendemanns Seite, in ein lebhaftes Gesprächmitihm verwickelt, segelte er ganz sicher durch die Wogen der Gesellschaft, die sich in buntem Gewühle hin und her schob,: bis er die Dame des Hauses' erreicht, die, von ihrenGetreuesten umgeben, in hocheleganter Gesellschaftstoilette auf dem Sopha lehnte, die mit einem goldenen Pincenez. bewaffneten Augen recht neugierig auf Klein geheftet, der mit einer etwas linkischen Verbeugung sich ihr genähert hatte. Die Menschen, welche in der Nähe der sehr schönen Dame saßen und standen, hatte Klein kaum bemerkt. Er sah nur das blasse Gesicht der Professorin, deren Züge ihn an irgend Jemand erinnerten, ohne daß esihm klar wurde, an wen; erst als die Stimme Wendemanns von Neuem ertönte und sein Augenmerk auf zwei Herren lenkte, welche er bis dahin noch nicht gesehen, schrak er zusammen, eine heiße Blutwelle stieg in sein Antlitz. Unwillkürlich reckte er seine Gestalt höher; in seine Augen trat ein eigentümlicher Glanz, mit zurückgehaltenem Athem lauschte er, als der. Professor, sich an die beiden Herren wendend, meinte: „Gestatte mir, Papa, Dir einen jungen . Kollegen von mir vorzustellen, der ein Anrecht auf meine volle Anerkennung hat. Herr Doktor Klein, der, ich glaube nicht zu irren, binnen kurzer Zeit einen hervorragenden Platz unter den neuen Philosophen einnehmen und manchem meiner Herren Kollegen etwas zu rathen aufgeben wird. Mein Schwiegervater, Herr Kommerzienrath Bernauer,- und hier mein Schwager Louis, der," setzte er. mit feinem Lächeln hinzu, „erst die allererste Sprosse jener Leiter erklommen, auf der Sie bereits weit oben stehen. Ich hoffe, Louis," wandte er sich- Dielleiser an den jüngeren Mann, „daß Du Dir an dem Herrn Doktor Klein — ein Altersgenosse von Dir — ein leuchtendes Vorbild nehmen und ihm nacheifern wirst." ~ Kaum war Klein einer Bewegung, eines Wortes fähig. Bernauer, Vater und Sohn! Er stand ihnen gegenüber; sie hörten sein Lob aus dem berufensten Munde; ihnen gleichberechtigt, durfte er frei und stolz das Haupt erheben, welches der alte Bernauer einst so tief zu demüthigeu gesucht. „Nicht auf fremde'Schultern gestützt", wie der Kommerzienrath einst höhnend dem armen bittenden Knaben zugerufen, mar er emporgestiegen, — nein, darbend, hungernd, jeden Lebensgenuß entbehrend, hatte er durch eigene Kraft erreicht, was dem Mann ihm gegenüber damals als unmöglich erschienen. Thurmhoch überragte der arme Handwerkerssohn in geistiger Beziehung den Sohn des reichen, einflußreichen Mannes. Louis Bernauer war trotz seiner dreißig Jahre noch Student. Ein sogenannter Renommirschmiß, der quer über die mit einem dicken Bart bedeckte Wange lief, verrieth, daß er irgend eiltet: studentischen Verbindung angehörte, und das wohlgenährte. Antlitz, das leichte Embonpoint zeigte an, daß er wohl bart edlen Gerstensafte wie anderen kulinarischen Genüssen holder war als Frau Minerva, in deren Dienst sein Vater ihn gestellt. „Bemooster Bursche, zieh' ich aus", klang es lustig aus seinem Munde, während er mit bewunderungswürdigem Phlegma den vorwurfsvollen Worten des berühmten Schwagers zugehört, ohne auch nur die geringste Empfindlichkeit zu verrathen. „Ich finde das Studenteuleben zu nett, um es so bald mit dem Philistertum vertauschen zu wollen, ,,'s giebt kein schön'res Leben als das Studentenleben, wie es Bachus und Gambrinus^ schuf!" klang es lustig aus seinem-Munde. „Uebrigens, wenn ich mich nicht irre," setzte er rasch hinzu, indem er Klein vom Kopse bis zur Sohlemaß; „kennen wir'uns schon von früher her. Rudolf Klein war schon immer ein Musterknabe, während ich,—na, nicht wahr, Alterchen, bist doch stolz auf Deinen Stammhalter, wenn er 'es auch in seinem dreißigsten Jahrenoch nicht bis zum Magister, „heiße Doktor" sogar, gebracht, wie hier unser Landsmann, der mir schon als Junge Respekt eingeflößt hat, wenn ich ihm das auch nicht gerade bewiesen habe. Daß wir uns hier, in dem Hause meines hochgelehrten Herrn Schwagers, einmal Wiedersehen würden/ hätte ich nicht gedacht, aber es freut .mich, wahrhaftig, es freut mich," setzte er herzlich hinzu, indem er .Klein seine rundliche Hand, an der ein kostbarer Brillant funkelte, .hinreichte. Die lustige Art des alten Studenten that Klein wohl. Er fühlte den Bann, den das Wiedersehen mit dem kaltherzigen Mann, den die plötzlich aufgewühlten Erinnerungen an all das Leid der 'Vergangenheit auf ihn gelegt, wieder weichen. Seine Angen richteten sich mit einem seltsamen Blick auf das recht verdrossen aussehende Antlitz des Kommerzienraths, der, einem fragenden Blicke des Professors Wcndemann begegnend, sich zu einem Lächeln zwang. „Klein, Klein," meinte er, scheinbar sich besinnend, „ich erinnere mich nicht, daß in unserer Vaterstadt eine Familie dieses Namens 'gelebt, — Louis irrt sich daher wohl, wenn er in Ihnen —" „Doch nicht, Herr Kommerzienrath," fiel Klein rasch ein. „Nur verkehrten meine armen, guten Eltern nicht in den Kreisen, in denen -Sie heimisch waren, wie auch Ihr Sohn Louis nicht mit. bem Tisch lerjungen, wie man mich gern nannte, verkehrte, wenn wir «auch ein und dasselbe Gymnasium, — er Tertia, ich Obersekunda, — ^besuchte," fügte er mit leisem Spott hinzu.! „Hm — merkwürdig!" j Der Herr Kommerzienrath wandte sich ziemlich hastig einer sehr j reizenden jungen Dame zu, die bis dahin in nächster Nähe der Frau l Professor gesessen, sich aber jetzt rasch genähert hatte und, ihre schönen , schwarzen Augen auf Klein heftend, mit ihrer süßen, weichen Stimme ' meinte: „O, ich erinnere mich Ihrer noch ganz genau, Herr Doktor. In dem Momente, in dem Sie hier eingetreten sind, wußte ich es ganz bestimmt, daß der junge Gelehrte, dem mein Schwager ein so glänzendes Prognostikon stellt, kein Anderer ist als der Rudolf Klein aus D., den der Lehrer Louis' ihm, dem Faulpelz, stets als Muster hingestellt. Ei, und hat er nicht Recht gehabt?" setzte sie eifrig hinzu, „wenn ich Du wäre, Louis, so würde ich mich furchtbar schämen," lachte sie schelmisch ans. „Thue Du es für mich, Evchen," klang es übermüthig von! Louis' Lippen, ich habe kein Talent dazu, seheauch keinen Grund dazu. Es kann doch nicht lauter solche Talente geben wie hier! unser Landsmann utib Freund Klein, — der, wenn er so vort sichtig in der Wahl seiner Eltern gewesen wäre, wie .ich es war, wahrscheinlicherweise auch das Kneipen dem Büffeln vorgezogen hätte." „Gewöhne Dir diese burschikosen Ausdrücke endlich ab," ließ sich - die Stimme der Frau Professorin vernehmen. „Für den Salon sind sie nicht eine, movn eher Louis." Ohne recht zu wissen, wie es sich gemacht, saß Dr. Klein bald neben Eva Bernauer, welche durch ihr anmuthiges Plaudern die seelische Erregung des jungen Mannes zu besiegen verstand und das' Gespräch in ein ruhiges Fahrwasser zu-lenken mißte.' : Auch bei dem splendiden Souper war er der Tischnachbar des schönen Mädchens, und die Stunden flogen pfeilschnell vorüber. „Wenn Sie irgend eines Rathes, irgend welcher Hilfe bedürfen," .hatte Professor Wendemann beim Abschiede gesagt, „dann, bitte, erinnern Sie sich meiner. Wie mir mein Schwiegervater gesagt, sind Sie arm, — ich, mein lieber Klein, war es auch, — der selbst-