Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1897)
- Date
- 1897-07-16
- Page
- Seite 346 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Laß mich in Ruh'," sagte er endlich mürrisch, indem er ihre ’ Arme, die' ihn störrisch umklammerten, löste. „Ich .will mit Dir - nichts zu thun haben, es'nutzt'nichts."- „O nein,. Emanuel, mein Herz, sag das nicht — nach, einer so.- langen Zeit." ' z „Mach, fort!" rief Emanuel heiser. „Sei doch nicht so eigensinnig," fuhr sie in schmeichelndem Tone fort, indem sie seine flammende Wange streichelte. „Küsse - Josuahchen und Miriamchen." : In der That bemerkten die Zuschauer zwei jämmerlich ailssehende kleine Kinder,-die an. ihren Rockfalten hingen. „Mach fort!" wiederholte Emanuel leidenschaftlich und stieß sie heftig.von sich. . -* - -t Das häßliche, schäbige Weib brach in hysterische Thränen aus.; „Mein eigener Mann, liebe Leute," schluchzte sie zu den Anderen gewendet, „mein eigener Mann, der mir vor fünf Jahren in Polenangetraut ward. Seht, hier die Keßubah" — sie zog denv Trauschein halb ans dem Busen. — „Und er will nicht mit mir: leben, jedesmal läuft er von mir fort; zum letzten Male sah ich ihn in Liverpool am Abende vor dem Laubhüttenfeste, auch früher - mußte ich ihn suchen gehen und fand ihn in Newcastle. — Er ver- .: sprach mir, nie wieder wegzugehen. — Du weißt, daß-Du mir es versprachst, Emanuel, mein Herz. Unb hier habe ich Dich wochenlang bei allen Kürschnern und Schneidern gesucht, habe kein Brod > für die Kinder, gehabt, und der Uuterstützungsverein will mir nicht glauben, zankt mich aus, weil ich nach London gekommen bin.? O Emanuel, mein Herz, Gott wird Dir verzeihen." Ihr Kleid war in Unordnung, ihre Pcrrücke saß schief; große Thränen liefen über ihre Wangen. „Wie kann ich mit einer solchen alten Hexe leben?" fragte^ Emanuel'in roher Selbstvertheidigung. - „Es giebt in der Welt noch ärgere als mich," entgegnete die Frau sanft. ~ , „Nu, nu!" fiel rauh der Kürschnermeister ein, der sich während Her Erregung der Szene vom Sopha erhoben hatte. „Es ist nicht schön, wenn man mit seinem Weibe nicht lebt." Er hielt inne, um zu husten. „Sie dürfen sie nicht beschämen." „Sie beschämt mich." Emanuel wandte sich zu Rahel; sie hatte ihre Arbeit zu Boden fallen lassen und sah blaß und finster aus. „Ich habe sie nie wollen," fuhr er, sich entschuldigend, fort, „sie haben mich-eingefangen." „Mit mir haben Sie nicht zu reden," rief Rahel schnippisch, indem sie ihm den Rücken zuwandte. Die Frau sah sie mißtrauisch an— die Schönheit des Mädchens schien ihr zum ersten Male aufzufallen. „Er ist mein Mann,"' wiederholte sie und machte eine Bewegung, als wollte sie wieder die Keßubah herausziehen. „Nu, nu, genug!" sagte der Kürschnermeister kurz, „Sie nehmen uns die Zeit weg. Ihr. Mann wird mit Ihnen leben, öder er wird nicht mehr bei mir arbeiten." „Sie Schuft, Sie haben uns betrogen!" warf Flatterentchen mit schriller Stimme ein. „Habe ich je gesagt, daß ich ein lediger Mann bin?" entgegnete Emanuel achselzuckend.. „Da, er gesteht es selbst!" rief seine Frau jubelnd, - „Komm, Emanuel, mein Herz!" und sie schlang die Arme um ihn und küßte ihn leidenschaftlich. * ' „Sei nicht so eigensinnig!" „Jetzt kann ich nicht kommen," sagte er mürrisch. „Wo wohnst Du?" . Sie sagte es ihm, und er versprach, nach der Arbeit zu kommen. „Schwörst Du's?" fragte sie, abermals einen unruhigen Blick. auf Rahel werfend. * - '„Ich schwör's," antwortete er. . . Sie schritt mit ihrem Schwanz von Kindern der Thür zu. Während sie verschwaild, rief-er den-fich>entfernenden Kindern verlegen nach:- „Nun, Josuah, nun, Miriam, behandelt man so einen Vater? Schön hat Euch Eure Mutter aufgezogen." . Sie kamen mit ihren ungewaschenen, pathetischen Gesichtern zweifelnd zu ihm zurück, und er küßte sie. Rahel bückte sich, um ihr Kaninchenfell aufzuheben. In tödtlichem Schweigen wurde die Arbeit wieder ausgenommen. (Forts, folgt.) Meder Glück noch Stern. Novelle von O. Bach. ... Yw . ■; fic Gäste des Professors Wendemann rekrutirten sich nicht nur aus der Welt der Gelehrten. In seinen mit modernem Luxus und Geschmack eingerichteten Gesellschaftsräumen bewegten sich Männer und Frauen der Geburtswie der Geld-, aristokratie; die Sterne des Gelehrten- und Künstlerhimmels, die in dem gastlichen Hause des Professors immer neue Anregung fanden und der Einladung von seiner und der Frau Professor Seite, welche ihre Repräsentationspflichten mit Geschick und Grazie aus übte, sehr . gern Folge leisteten. Professor Wendemann war trotz seiner großen Gelehrsamkeit ein Mann von Welt. Seine Verhältnisse waren infolge eitler reichen Heirath glänzend,, und zu seinen angenehmsten Erholungen gehörten 'die Abende, an denen es Sitte geworden,' junge, emporstrebende Talente, wie junge Studenten, denen er bei seinen Vorlesungen näher getreten war, in die „Gesellschaft" einzuführen, um ihnen die Wege zu ebnen. Das Werk Kleins hatte das lebhafteste Jnterefse in Wendemann erweckt; er fand darin ganz neue Gesichtspunkte; der Autor dieses Werkes mußte ein ganzer Mann sein, denn er hatte den Muth, selbst Autoritäten gegenüber seine Ansichten zu vertheidigen, auf Fehler aufmerksam zu macheil, die man bei berühmten Leuten-gern übersieht, und gerade dieses Faktum hatte dem Professor den Wunsch eingeflößt, den Verfasser des bedeutsamen Werkes, dessen Namen man bisher nirgends gehört, dessen Persönlichkeit ganz unbekannt geblieben, kennen zu lernen. v Im ersten Momente empfand der sehr vornehme, auch durch äußere Vorzüge begünstigte Gelehrte eine Enttäuschung, als er! Dr. Klein, der sich ihm vorgestellt, gegenüber stand. Seine scharfen blauen Augen schweiften fragend über die mittelgroße, hagere Gestalt, die er um Kopfeslänge überragte, hin; einen Moment wurzelten sie an dem bleichen Antlitz Kleins fest; ein flüchtiges, etwas mitleidiges Lächeln zuckte über das schön gegeschnittene, bartlose Gelehrteugesicht; als er aber den offenen, überaus klugen Augen des jungen Mannes begegnetes die. eine ihm sehr verständliche Sprache redeten, da erhellten sich seine Züge, -7 seine Begrüßungsworte, die ein offenes Lob jener Arbeit in sich schlossen, ' fielen schmeichelnd in das Ohr Kleins; die schöneil, vornehmen Hände Wendemanns streckten sich dem jungen Manne entgegen. - „Folgen Sie mir, mein werther Kollege, meine Frau wünscht^ daß ich Sie ihr bald vorstelle."