Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1897)
- Date
- 1897-07-16
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
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345 finb von der an anderen Orten beliebten , mystischen. Ueberschwenglichkeit, es ist die lautere Wahrheit, und diese ist ein berechtigter Sporn zur Nacheiferung für die Lebenden. Den Grabstein der Frau Kömmerzienrath Johanna A r o n, geh. Michaelis, ziert die.Inschrift: „Ihr Herz war voll Liebe für die Ihrigen, für die Leidenden, für das Mflose, Alter." . . Ein etwas anderer.doch tröstlicher Ton klingt uns entgegen, wenn wir an dem Erbbegräbniß „Caroline Hirschfeld" lesen: „Du entschwebst, in chimmlische Gefilde, Du reiner, unbefleckter Geist! O stärk' in uns den Glauben, der uns milde Ein Jenseits und ein Wiederseh'n verheißt." Von weitgehendster Toleranz kündet das auf dein Grabstein der Frau des Komponisten Meyerbeer, Minna Meyerbeer, geb.Mosson, befindliche Wort: „Die Liebe höret nimmer auf". Da gefällt uns die nebenan in die Wand gegrabene strenge Mahnllng bester: „Nie kehrt wieder die Zeit, Die dem Menschen vergönnt ist auf Erden, Nütze die fliehende recht, eh' sie auf immer entflieht. Der nur fesselt die Zeit, der nicht rastet, die Pflicht zu erfüllen, Menschliches Denken und Thun, Ewiglich wirket es fort." Das prachtvollste Grabdenkmal, das sich auf irgend einem Berliner Friedhof.findet, hat Gattenliebe hier in dem Marmorsarkophag der Frau Rina Ljebermann, geh. von Wahlendorf, gesetzt. Die aus karrärischem Marmor gefertigte Decke des Sarkophags ist ein Kunstwerk ersten Ranges in jeder Einzelheit, bis aus das Wappen der Familie , das den Spruch enthält: „Für Wahrheit und Ehre". Bonden Inschriften, welche alle Seiten des Monumentes umgeben, seien nur die folgenden erwähnt: „Bester Ehre, denn Ehren", ferner: „Siehe, ich sandte einen Engel vor Dir her, Dich zu behüten auf dem Wege", und unten jenes unsterbliche Wort der entschwundenen Liebe, das in der Ursprache lautet: „Nessun maggior dolore, ehe ricordarsi dell’ tempo felice nella miseria“, hier übersetzt: „Kein größerer Schmerz , als sich im Leid auf altes Glück zurückbesinneu". —I l 1 11 - . .... •-^-—-—“-1 1-1 1imimntmi wmm f i * | FEUILLETON | K fl| 1 m MMM. KmHDTmir* -1 1—i II---———-%r——' ‘ ' ”l I-1 iimDrafmmmggg MMMS8 I- Flatterentchcn. Von I. Zangmill. II. . ' Ein Zugvogel. „Ls ritt ein fremder für die Thür. V Und es war windig Wetter." . TennTson: „Die Gans." ^^»ines Tages, als Rahel neunzehn Jahre alt war, kam ein JOSy schöner, junger Mann in die Werkstätte. Ein Plakat am Fenster des Kramladens hatte ihn hergeführt, und es zeigte sich, daß er dessen Anforderungen vollkommen entsprach. Er nahm seinen Platz am Arbeitstischeein und bekam bald den höchsten Lohn, denn er führte eine geschickte Nadel, die selten brach, nicht einmal in weißem Pelz. Er hieß Emanuel Leskowitsch und saß neben Rahel. Denn.Rahel war schon längst in ihre Laufbahn eingetreten, und die Schönheit ihrer früh erblühten Weiblichkeit beugte sich Tag für Tag über Streifen Kaninchenfell, die sie zu Sealskinjacken verfertigte. Zur Entschädigung ihrer Jugend ging Rahel am Sabbath, sehr elegant nach, der letzten Mode gekleidet/ spazieren. Sie bestellte sich jetzt ihre eigenen Kleider, denn sie hatte eim eigenes Bankkonto in einer Zinnschachtet, die sie in ihrem kleinen Schlafzimmer versteckt hielt. Ihr Vater zahlte ihr ehrlich gerade so viel Lohn, wie sie anderswo erhalten hätte — sonst wäre sie anderswohin gegangen. Ihre sabbathlichen. Spaziergänge erstreckten sich bis Hyde-Park; sie beobachtete gern die feinen Damen, die im Row ritten oder in prächtigen Equipagen sich wiegten. Manchmal guckte flie sogar in ein elegantes Restaurant hinein. Sie wurde die bewundernde Schülerin eines Mädchens, das bei einem jüdischen Kürschner in Regent-Street arbeitete und durch ihren westlichen Aufenthaltsort von einer aristokratischen Glorie umgeben war. Selbst Freitag Abend pflegte Rahel aus der geheiligten Häuslichkeit des Sabbathherdes zu verschwinden, und Flatterentchen argwöhnte, daß sie in die Musikhalle in Spitalfields ging. Dies führte zu dramatischeil Szenen, denn Rahels Widerspenstigkeit hatte mit den Jahren nicht abgenommen. Ja, wenn sie mit einem anständigeil jungen Manne ailsgegaiigen wäre, dann hätte Flatterentchen den Skandal mit Rücksicht auf die frohe Aussicht von Großmutterfreuden gern ertragen. Aber nein, Rahel duldete keine Heirathsanträge, nicht einmal von den verführerischen Schadchonim, obwohl ihre üppige Gestalt und ihre rosigen Lippen den Heiratsvermittlern in die Augen stachen. Ihr Vater war mit der zunehmendeii Krankheit noch strenger geworden, und obwohl er im Grunde seines Herzells seine schöne Rahel liebte und sehr stolz auf sie war, waren die Worte, die von seinen Lippen kamen, oft ebenso herb und bitter wie die Flatterentchens, so daß das Mädchen sich mürrisch in sich znrückzog und Tage lang mit ihren Eltern nicht sprach. , Nichtsdestoweniger gab es auch eine Menge von friedlichen Intervallen, besonders in der hohen Saison, wenn die Extraschillinge' das ganze Arbeitszimmer froh und glücklich machten, die Kürschner von dem und jenem plauderten und Geschichten erzählten, die mehr drollig als anständig waren. Und dann war ja auch ein jeder Tag ein herrlicher und unvermeidlicher Ruck näher gegen den Sabbath und jeder Sabbath eine Speiche in dem großen, drehenden Rad, der nialerische Feste oder feierliche, kaum welliger genußvolle Fasten brachte. So lag eine Unterströmung von Poesie unter der gemeinen Prosa des täglichen Lebens, und in dem grauen Nebel waren Spalten, durch die Ulan ein Schimmern der -blauen Unendlichkeit erhaschen konnte, die sich über die Welt wölbt. Das Erscheinen Emannel Leskowitsch' erhellte deutlich die' Atmosphäre. Sein schönes Gesicht, feine muntere Laune waren wie ein Zuströmen von Sauerstoff. Seine Anwesenheit machte Rahel merklich heiterer. Sie war sanfter gegen Jeden, sogar gegen ihre Eltern, plauderte lebhaft und ging elastischer einher. Das Gesicht des kränklichen Kürschnernieisters strahlte vor Vergnügen auf, wenn er von seinem Sitze aus 'bemerkte, wie aufmerksam Emanuel sich um feine Tochter bemühte, indem er ihr Scheeren anfhob und Nähnadeln einsädelte; er runzelte die Stirn, wenn Flatterentchen sich plaudernd um den jungen Mann drehte und sein Gespräch für sich allein in Allspruch ilcihnl. Aber eines schönen Morgens, ein paar Monate nach Emanuels Ankunft, kam eine Veränderung über den Geist der Szene. Es , klopfte all die Thür, und ein häßliches, schäbiges Weib in einem /grünen Tartarshawl trat em. Sie warf einen scharfen Blick über das Zimmer, schrie dann freudig: „Emanuel, mein Herz!" und dvarf sich mit einer liebevollen Unlarnlllng an ben Hals des schönen jungen Mannes. Emanuel, hochroth und gelähmt, bildete eine flächerliche Figur, und die Arbeiter, mit ehelichen Contretemps ^vertraut, kicherten.