Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1897)
- Date
- 1897-07-16
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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obgleichmir die. Erkenntniß, welche' mich .zu diesem Thun führte, ziemlich spät! gekommen ist, gute Früchte getragen. Da ich nun, wie gesagt,. kejnelHeldin der Feder Sin,' -muffen Sie, meine verehrten Leserinnen, mir .schon gestatten,, eil! wenige über meine Familie auszuholen, denn-wie ich meine Mädchen durch das Schenken guter jüdischer Bücher .ans Kindern ihrer Zeit.. welche unsere erhabene Religion gewöhnlich als unnöthigen Ballast empfinden, zu. stolz bewußten, glaubensfrohen Jüdinnen machte, ist für mich, in anschaulichen Worten zu erzählen, gerade keine ganz leichte Aufgabe. Nun denn — daß ich cs nur gleich sage, wir gehören nicht zu den oberen Zehntausend, nicht einmal zu jenen zweiter Güte. Vielleicht hat uns das Schicksal.deshalb, den Manneserben versagt, weil es sich mit dein „erben" doch nicht , gelohnt hätte, jedenfalls suchte es uns durch-das Geschenk von drei Töchtern zu entschädigen, welche durchs gesundes, blühendes Aussehen ihre Freude am Dasein immer gleich bekundeten. Mer Judas Töchter, ohne Moses und die Propheten? werden Sie denken, — ja, das war unbestreitbare Thatsache, — hat aber unser häusliches Glück keinen Augenblick getrübt, denn mein Mann war und ist heute noch ein in seine Töchter verliebter Vater, -und ich habe die Hoffnung, daß auch äußeres Lebensglück meinen Töchtern doch noch in jeder Weise zutheil werden könnte, nie aufgegeben. Und. Gott hat meine Hoffnung nicht zu Schanden werden lassen. . „Kinder, Ihr müßt lernen und arbeiten!" Diese Worte gab ich meinen Kleinen bei jeder Gelegenheit zu hören, und sie haben sich so. sehr bei ihnen festgesetzt, daß sie .als sieben- bis achtjährige Mädchen schon von dem Berufe sprachen, den sie einmal wählen wollten, und sonderbarerweise ist es bei allen Dreien der richtige geworden.' : . Bekanntlich beginnt mit der Schulzeit für jeden Menschen der Daseinskampf das empfanden meine Kinder und ich bald in rascher Reihenfolge, doch hatte ich die Freude, stets gute Zeugnisse sowohl in Elementarals Religionsfächern von ihnen vorgezeigt zu bekommen..-Dabei that ich natürlich zu Hause meine Schuldigkeit und suchte die Mädchen besonders auf unsere jüdische Geschichte biblischer und später nachbiblischer Zeit aufmerksam zu machen. Sie zeigten auch durchweg großes Jntereffe dafür, und besonders war es meine Aelteste, welche in jener Zeit für die Geschichte' unseres Stammes viel Verständniß und warme Theilnahme zeigte. Die Zeit hat Flügel, ein altes, aber ach! so wahres Wort! Ehe man sich's versah, war, Mirjam (so heißt meine Aelteste) aus der Schule entlassen, und da wir an einem kleinen Platze wohnen, mußte ich sie behufs Erlernung eines Gewerbes fortgeben. Wer die jetzigen Zeitverhältnisse kennt, weiß, daß man bei 'der Suche nach einer Stelle nicht sehr anspruchsvoll sein darf, und ich war auch hochbeglückt, sie. endlich bei einer braven jüdischen Familie in guten Händen zu wissen. Ich nenne die Familie jüdisch, und das war sie ja auch, aber von Religion und Judenthum wurde man blutwenig gewahr. Ich bin nun nicht, was man gewöhnlich eine fromme Frau uennt,.meine Sympathie war.stets, mehr auf Seiten der Reform als der Orthodoxie, und ich glaube bestimmt, in meinen! Bekanntenkreise. mit dem Prädikat „neu" beehrt zu werden. Aber die erhabenen Wahrheiten unserer reinen Gottesreligion hielt ich stets heilig. Als obersten und. höchsten .Grundsatz unseres : Glaubens erachte ich die ernsteste Ausübung der Nächstenliebe, ohne Unterschied, ob Glaubensgenossen oder Nichtglaubensgeuossen, nach besten! Vermögen iitv persönlicher wie materieller Weise, dann strengste Ehrlichkeit, äußerste Rechtlichkeit in Handel .und Wandelob Nichtjuden, oder Juden gegenüber, Besuch - des Gottesdienstes,, .wo >es möglich ist,, Anschluß und Theilnahnre an allen religiösen und jüdischen Bestrebungen der Gegenwart. Neben der innigsten . Liebe zun:. deutschen Vaterlande -schärfte ich! dieses -mein Judenthum auch meinen Kindern ein- und mußte nun?ruhig, zusehen^ wie inein Kind in seinen! neuen' Wirkungskreise allem Jüdischen entfremdet wurde und das für die Geschichte seines Stammes. sobegeisterte Mädchen, durch Zeit- und Gelegenheitsmangel derselben zuletzt völlig gleichgiltig gegenüber stand. -- Wohl ließ ich es an gelegentlichen Ermahnungen nicht fehlen (die Erleuchtung, duß gute jüdische Lektüre hier am wirksamsten wäre, ist mir viel später gekommen), doch dies nützte nur vorübergehend, und so mußte ich mich endlich, zwar 'schweren Herzens, fügen. Blieb mir doch der Trost, daß die köstlichsten „Körner" meiner Saat, Wahrheit und Nächstenliebe, herrlich sproßten und zur reichen Blüthe sich entfalteten. Und wieder trat der „rastlose Flug" der Zeiten so tief ernst vor mein Auge. Auch mein zweites Töchterchen, meine. Rebecka, war in die Welt hinausgezogen, um sich für die unerbittlichen Ansprüche des Lebens zu rüsten, und traf es beinahe genau so - wie die erste. Man mußte eben nehmen, was zu haben war, und es wür ja auch Gott sei Dank bis ans den bereits oben erwähnten Punkt alles Andere gut. - Indessen war für meine Aelteste wieder einer jener Tage in Sicht, die, wenn sie zum zwanzigsten Mal, und besonders bei Damen, ihre Aufwartung gemacht haben, nicht mit so großer Präzisität jedes Jahr wiedet) vorzukommen brauchten; denn Geburtstage sind wohl Freudentage, die manches Schöne und Nützliche bringen, aber ein Verjüngungselixir haben sie noch nie gebracht. Mirjam hat Geburtstag, was soll ich ihr geben, denn ein, zwar ganz bescheidenes Schenken war bei uns eingeführt, da daffelbe nach meiner Erfahrung veredelnd auf das Gemüth wirkt. Ja, was soll ich Wsmal schenkend Bis jetzt hatte ich, es unseren Verhältniffen entsprechend, immer das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden und nur Praktisches gestiftet, jetzt aber konnte meine Tochter bereits für sich selbst sorgen, und eine Freude wollteich ihr doch machen. Nun, ein Buch, erwiederte man auf meine Frage, ja, ein Buch, ist und bleibt immer das schönste, sinnigste Angebinde, aber was für eins? Einen Klassiker? Einige der besten waren, so viel ich wußte, schon in ihrem Besitz, ein gutes Produkt neuerer Litteratur wäre chohl geeignet, aber — nun ja, aber — der leidige Geldpunkt! Da fiel, als ich just , in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" las, inein Auge ans die Empfehlung eines. Gebet- und Andachtsbuches für Frauen und Mädchen, betitelt „Hanna", und siehe, ich hatte gefunden, was ich suchte. „Hanna" wurde bestellt, es kostete nur Heuige Mark, und schon anderen Tags hielt ich ein elegant ausgehendes Buch in Händen, dessen Anblick allein schon Vergnügen machte. .--. 'Vor hem Titelblatt war das Bildniß Moses mit den Gesetzestafeln und der Umschrift unserer heiligsten. Worte: Schema Jisroel Adonai Elohenu Adonai echod, angebracht, und als. ich dies so recht ins Auge faßte und die schönen ergreifenden, aber kurzen Gebete las, erschrak ich ordentlich, daß erst heute der Gedanke an ein solches Geschenk in mir erwacht war. Spät, aber doch suchte ich mich zu trösten und über das Versäumte zu beruhigen. Ob nun Mirjam wirklich beim Empfang des Buches sich so außerordentlich freute, wie sie mir schrieb, möchte ich beinahe bezweifeln, da sie in jener Zeit, glaube ich, das Beten als etwas ganz Nebensächliches betrachtete und daffelbe vollständig kalt gestellt hatte. * - Jedenfalls veranlaßt sie aber Pietät und Pflicht, das Geschenk der Mutter doch näher kennen zu lernen, und aus diesem Pflichtgefühlerwuchs, wie sie später selbst gestand, die Liebe, die Liebe zum Buch und die Liebe zum Beten; die Schönheit der tief empfundenen Gebete zogen sie mächtig an, und die Kürze derselben ermöglichte ihr,