Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1897)
- Date
- 1897-07-16
- Page
- Seite 341 (sequence 5)
- Language
- German
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341 lager Stehenden auf, welche mit besorgter Miene das Thun und Treiben der Aerzte und Derer, die es sein wollen, betrachten. Werden auch wirklich die richtigen Arzneien angewendet?. Oder ist die ganze augestrebte Heilung nicht eine einzige große Pfuscherei? Der Arzt muß sich doch nach dem Sitze des Uebels fragen, er muß die richtige Diagnose stellen, dann kann'er auch die richtigen Heilmittel auwenden, wenn er nicht durch kluge Prophylaxis das liebe! verhindert hat. Dies ist nicht geschehen, man hat unser Judenthum hinsiechen lassen, äußere-und innere Krankheiten haben es ergriffen, und jetzt drängt man sich an den Kranken, und Jeder sagt etwas Anderes, Alle wollen helfen, aber es scheint, daß sie alle nicht wissen, wo sie ansetzen und wie sie helfen sollen. Um nur das Kind mit dem rechten Namen zu nennen, es ist die uralte Zerfahrenheit, die historische Krankheit, welche sich immer und inuner wieder an uns zeigt, und die uns hindert, einem großen Gedanken nachzugehen, uub zwar dem, der uns doch wohl alle beseelt, unser Judenthum stark äußeren Angriffen gegenüber zu machen. Noch immer befehden, sich Ephraim und Juda. Es ist noch inuner so, wie zu der Zeit, da der Nabbi zu dem Worte der Schrift: „Sie zogen und lagerten" die Bemerkung machte: „Sie zogen mit Streitigkeiten lind lagerten mit Streitigkeiten". — Wo ist der Mann Moses unter uns, der da sagte: „Ich wollte, das ganze Volk wäre vom prophetischen, göttlichen Geiste beseelt". — Was aber erblicken wir? Die Gemeinden wollen einen Bund schließen; wo sind die Rabbiner? Die Rabbiner schließen Verbände; wo sind die Gemeinden? Die Kantoren sagen: Von unserem Tempelgesange hängt Israels Heil ab, wir locken die Männlein und Weiblein durch unsere Liedchen in die Synagoge und wären nicht wir, so ständen alle Bänke in den Tempeln leer da. So sehen wir lauter disparate, centrifugale Elemente,' nichts strebt nach einem gemeinsamen Mittelpunkte, den wir leider auch gar nicht besitzen — disjecta membra — zerstreute Glieder eines Körpers, die noch immer keinen Körper ausmachen. Ein genialer, ein moderner Mensch tritt in unserer Mitte auf, laut läßt er seinen Ruf ertönen: Juden, werdet euch euerer Zusammengehörigkeit bewußt; gemeinsames Leid, das doch auch eine Geschichte nmcht, vereint uns; helfet eueren armen Brüdern, konzentrirt eure Wohlthätigkeit, werdet alle eine große Vereinigung: abzuwehren und zu helfen. Was tönt ihm entgegen? 'Sein Ruf wird als Unkenruf bezeichnet, er wird befeindet, beispiellos angegriffen, und wahrlich, die ganze Standhaftigkeit des starken Mannes gehört dazu, daß er die Flinte nicht ins Korn wirft und das Judenthum seinen Rabbinern und Kantoren überlaßt. Haben wir denn noch immer nichts gelernt und vergessen wir so schnell? Von allen Seiten zurückgestoßen, kommen wir noch immer nicht zur Besinnung? — Haben wirklich alle Diejenigen, die dazu berufen sind, ihre Pflicht erfüllt, wie man es von ihnen erwartete? Was geschieht für das groß e jüdische Volk? Wann wird man endlich das Judenthum zu einer wahren Volksreligion machen? Was nützen alle die schönen Liedlein unserer galizischen und ungarischen Kantoren, wenn unsere Jugend nicht weiß, was sie singen. Ist ihr doch die heilige Sprache ein großes Mysterium geworden, und fühllos, wie eine Staffage für alle diese polnischen, ungarischen, und rumänischen Sänge und Sänger, nimmt sie am Gottesdienste theil. Man predigt das Wort Gottes. Ach, das Wort Gottes, es ist dem jüdischen Volke, all. den Armen und Dürftigen im Geiste, -etwas Unbekanntes, all Jenen, die wohlvertraut sind mit der ganzen modernen Schund- und. Schaudlitteratur, ist das lebendige Wort des ewigen. Geistes ein starrer Fels geworden, aus dem kein Quell erquickenden Wassers ihm.hervorströmt, kein Moses, entzaubert ihm mit seinem Wuuderstabe .Erquickung und Ermuthigung in der dürren Wüstenei des Daseins.. Wir wiederholen es: Das Judenthum muß dem jüdischen Volke mundgerecht gemacht werden; es darf keine Religion sein nur für gewisse Leute, um sich darin selbst zu bespiegeln, während die Denkenden die ganze Nichtigkeit der Eitlen in diesem Spiegelbilds erschauen. Dem Armen wirft man einen Brocken hin von dem reichbesetzten Tische und überläßt ihn dem Schicksale. Ach, dieses Schicksal, es ist Elend und Verlassenheit. Konzentrirt alle eure Bestrebungen, wenn ihr das Judenthum der großen Masse retten wollet. Gemeinden und Rabbiner, sie sollen Zusammenwirken vor allem, um unserer Jugend eine richtige Erziehung, einen befruchtenden Unterricht in den erhabenen Lehren unseres Glaubens zu geben. Hier nuiß der Hebel augesetzt werden; die Thora, sie muß wieder die erste Grnndsäule unseres Judenthums sein, wenn dieses nicht ganz dem Verfalle preisgegeben werden soll. Durch den richtigen Unterricht soll der Gottesdiellst verständlich werden. Das Wort Gottes muß seinen Mittelpunkt bilden; dieses Wort soll uns aber zeigen, daß das Judenthum durchaus nicht dem Leben draußen entfremdet ist, das; es sich vielmehr sehr gut mit allen Strebungen der Gegenwart in Einklang bringen läßt. Nicht das Liedlein, das lebendige Wort vielmehr, das erhebende und begeisternde, soll uns das Gotteshaus zu einer Heim- und Familien-, zu einer Andachts- und Bekehrungsstütte machen. Draußen aber im Gewühle des Tages möge jede Idee, welche darauf ausgeht, unseren Opfersinn, unseren Opfermuth für die gemeinsamen Ziele des Judenthums zu wecken, in unserem Innern freudigen Widerhall finden. - Gemeinden und Rabbinern sei es zur Sorge empfohlen, nach Kräften dafür au sorgen, nicht nur Feindseligkeiten abzuwehren, sondern die vielen Bächlein der jüdischen Wohlthätigkeit in den mächtigen Strom zu. lenken, welcher die große Wüstenei des Elends und der Armuth, die sich in unserer Mllte ausbreitet, bewässern soll. Ein großer Zug soll durch unsere Wohlthätigkeit gehen — er mühe sich, dem jüdischen Proletariate auszuhelsen. Der Mann wird von Tausenden, von Hunderttausenden gesegnet werden, der nicht nur redet und verkündet, sondern auch redlich dazu beiträgt, wahr au machen, was die Absicht so vieler Gesetze in unserer vielbewegten Zeit ist, zu erfüllen das, was unsere hl. Schrift als idealen Zustand eines Volkes schon vor Jahrtausenden hiustellte: Dein verarmenden Bruder aufzuhelfen, die Noth nach Möglichkeit zu lindern und Jedem das Recht zu geben — auf Brod. Die Organisation des Handwerks. Bon Maurermeister Marcus Adler. fn cs keine alltägliche Erscheinung ist, daß sich jüdische Blätter an leitender Stelle mit Handwerkfragen beschäftigen, so muß es dankbar anerkannt werden, daß auch der schwebenden Novelle „zur Organisation des Handwerks" von unserrr Seite Aufmerksamkeit gewidmet wird. Wenn aber ein Benrlheiler zn dem Schluß kommt, daß die jüdischen Handwerker von der neuen Organisation keinen Vortheil, sondern wegen der antisemitischen tztrömung sogar Nachtheil zu erwarten haben würden, daher es besser wäre, wenn diese Organisation ganz unterbleiben möchte, so stehen wir allerdings auf einem anderen Standpunkt und beurteilen diese Frage nicht von dem spezifisch konfessionellen Gesichtspunkte, sondern von dem eines Handwerksmeisters, der ein guter Hyde ist, seit länger als 50 Jahren seinen Beruf ausübt, der wohl