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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-16 · Heft 29 (16.7.1897) · p. Seite 339

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 29 (16.7.1897)
Date
1897-07-16
Page
Seite 339 (sequence 3)
Language
German
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339 Sonnabend in der Schule zu schreiben, gelegentlich auch, die Schule überhaupt am Sonnabend zu besuchen, trotzdem die Centralschulpflege auf bestimmt gestellte Anfragen hin der Konsequenzen wegen entschied, es dürfe mit den jüdischen Kindern in den Schulen keine Ausnahme gemacht werden. Die erste praktische Anwendung des Beschlusses hatte nunmehr-die Kreisschulpflege Zürich I zu machen. Das Kind eines Israeliten weigerte sich trotz aller Mahnungen von Lehrern und Schulbehörden, am Sonnabend zu schreiben, ohne Zweifel auf Anstiften (!!) seiner Eltern und des Rabbiners, wie es in den Züricher Blättern , heißt! Schließlich wurden die Eltern ersucht, Wandel zu schaffen, allein diese wie der Rabbiner suchten sich aus der Verlegenheit zu helfen mit der-Erklärung, sie könnten dem Kinde nicht zumuthen, gegen den Talmud zu handeln. Die Schulbehörden verhängten über den Vater des Kindes verschiedene Bußen, allein dieser bezahlte nicht, und als kürzlich zum Rechtsbetrieb geschritten wurde, erhielten die Behörden einen leeren Pfandschein. Daraufhin hat dann die Schulpflege sich zu einem energischen Beschluß aufgerafft und beschlossen, das Kind ohne Weiteres aus der Sekundärschule wegzuweisen. Da eine ganze Reihe von Lehrern über ähnliche Manieren (8ic!) ihrer israelitischen Schüler klagen, dürfte das vorgezeichnete Auftreten der Kreisschulpflege für die Zukunst nicht ohne weitere Wirkungen bleiben. Die Züricher Juden werden sich aber derartige Eingriffe in ihre guten Rechte sicher nicht gefallen lasten, gleichviel auf welchem religiösen Standpunkte sie auch sonst stehen mögen. * Ein weißer Rabe unter den rumänischen Politikern scheint der Deputirte V. M. Cogalniceanu zu sein, der unter dem Titel: „Die Judenfrage in Rumänien" soeben einen bemerkenswerthenVortrag publizirt hat, den er-vor Kurzem in Bukarest gehalten. Er führt darin eine ganze. Reihe von Aussprüchen hervorragender Politiker Rumäniens an, welche den rumänischen Antisemitismus als inhuman, ungerecht und unbegründet bezeichnen. Der Verfasser widerlegt die Fabel, daß die Juden im Besitze von beweglichen und unbeweglichen Gütern den Einheimischen gefährlich werden könnten. Cogalniceanu sieht ein, daß eine vollständige Gleichstellung der Juden aus verschiedenen Gründen nicht alsogleich möglich wäre, weil der Antisemitismus .leider sehr tiefe Wurzeln im rumänischen Volke geschlagen habe. Die Aufnahme der Juden in den Verband der rumänischen Nation sollte dafür allmälig und nach gewissen Kategorien erfolgen, und es sollte dies namentlich mit den einheimischen Juden geschehen; von den 5,3 Millionen der Bevölkerung betragen die Juden 191,016, also 3,7 Prozent, welche somit keine Gefahr für das Land bilden können. Ueber 50 000 Juden haben bereits ihrer Militärpflicht in Rumänien genügt und bei jeder Gelegenheit ihre Pflichten als Staatsbürger erfüllt. Cogalniceanu appellirt an die Großmuth der rumänischen Nation wie an den Gerechtigkeitssinn des Königs Carol und fordert die Revision der rumänischen Verfassung, welche sonst bei dem nächsten europäischen Kongresse von den vorgeschrittenen Mächten aufgezwnngen werden dürfte. Letzteres kann Cogalniceanu und jeder billig Denkende mit Recht voraussetzen', denn es ist bekannt, daß Rumänien vom Berliner Kongreß seine staatliche Unabhängigkeit unter der Bedingung erhalten hat, seinen jüdischen Bürgern die Gleichberechtigung zu verleihen. > Die Folgen des russischen Antisemitismus werden in einem Buche, welches aus amtlichen Quellen das Material zusammensteüt, von Dr. Chmerkine objektiv vom volkswirthschaftlichen Standpunkte behandelt. Die Zeit zwischen den Jahren 1861 bis 1870 wird in diesem Werke als die Epoche der großen Reformen, welche die russische Gesellschaft vollkommen umgestalten und ihr eine neue sichere Grundlage schaffen sollten, dargestellt. Es handelte .sich in erster Reihe darum, die arbeitenden Klassen mit den nöthigen Produktionsmitteln zu versehen und gleichzeitig damit die Pcoduktionsfähigkeit Rußlands zu steigern, um dieses dadurch von Westeuropa-so weit als niöglich unabhängig zu machen. Darum wurde die Leibeigenschaft aufgehoben, die Bauern wurden freie Besitzer ihres Bodens. Die Industrie hinwiederum wurde dem Kapital zugewiesen, damit alle neuen, auf diesem Gebiete gemachten Erfindungen leichterdings eingeführt werden können. So lange sich der Staat zu den freisinnigen Grundsätzen der Reformepoche bekannte, förderten Arbeit und Kapital in gleicher 'Weise das Gluck des Landes. Das Städteleben nahm einen erfreulichen Aufschwung, die nationale Industrie entfaltete eine erfolgreiche. Thätigkeit, die Fabriken und Hüttenwerke arbeiteten mit außerordentlicher Intensität; der Verkehr der Eisenbahnen verzehnfachte sich, der Ertrag des Bodens stieg von Tag zu Tag. Das Kapital begann unter dem Volke durch die Unterstützung von Banken zu cirkuliren, und die Bauern frimlen ihre Lage verbessern. Wie weiter unten gezeigt werden soll, war dies gerade in jenen Gouvernements der Fall, in welchen den Juden der unbeschränkte Aufenthalt gestattet war. Die unmittelbare. Folge dieses günstigen Wandels der ökonomischen Verhältnisse machte sich am deutlichsten im Staatsbudget bemerkbar, indem sich die jährlichen Staatseinnahmen in den Jahren 1866—1880 verdreifachten. Zieht man in Betracht, daß den größten Theil dieser Stenern die Ackerbau tteibende Bevölkerung zahlte, so ergiebt sich von selbst, daß deren Lage sich während dieses Zeitraumes ungemein verbessert hat. Allein auch der handeltreibende Theil der Bevölkerung erfreute sich des wirthschaftlichen Aufschwunges, was die gesteigerten Revenüen ans 'Nen indirekten Steuern deutlich erhärten. Nach dem Tode des Kaisers Alexander II. fand eine Schwenkung der inneren Politik Rußlands vom Liberalismus nach der Reaktion hin statt. Der -religiöse Fanatismus gewann unter dem neuen Herrscher die Oberhand. Die Partei der Alt-Orthodoxie-riß alle Aemter an sich, die „Heilige Synode" wurde die Herrin des Landes. Um die Macht über die Geister zu behalten, säeten die Führer dieser Partei Zwietracht unter die Anhänger der verschiedenen religiösen Bekenntnisse des weiten Reiches. Vorerst galt der Kampf den Katholiken, sodann ward er gegen die verschiedenen anderen christlichen Sekten und endlich hauptsächlich gegen die Juden geführt. Im Jahre 1881 haben die blutigen Judenverfolgungen stattgefunden; im folgenden Jahre wurden die Juden sehr hemmenden Beschränkungen unterworfen. Die Folgen machten sich alsbald fühlbar. Seit dem Jahre 1882 bietet Rußland alle Anzeichen einer ökonomischen Abnahme dar. Es wird dies zunächst aus der Abnahme der indirekten Steuern in den Jahren 1882—92 dargethan, welche einen Rückgang des Konsums bedeuten, der noch weit höher zu veranschlagen ist, da in dem erwähnten Zeitraum die Verzehrungssteuer um'ein Beträchtliches erhöht wurde, ferner aus dem Ueberschuß von fast sechs Millionen beschäftigungslosen Arbeitern, was, wenn man ihre Familien mitrechnet, etwa 15 Millionen erwerbslose Einwohner ausmacht, weiter aus der nicht minder traurigen und nicht weniger bezeichnendeil Erscheinung auf dem Gebiete der Agrikultur, daß seit bem Jahre 1881 eine stete Abnahme des bebauten Ackerlandes, Mcht blos des mit Cerealien und Hackfrüchten bestellten, sondern auch des mit Jndustriepflanzen besäeten Ackerlandes stattfand. Die Erklärung ergiebt sich aus der Darlegung der koilunerziellen Verhältiliffe. Wir kommen auf diese Darlegungen noch ausführlich zurück.

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