Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1897)
- Date
- 1897-07-16
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sich' emporhob. Unsere Alten haben , das in einem kurzen SpM/e klar und behältlich so ausgedrückt: „An dem Tage, an welchem der Tempel zerstört würde, ist der Messias geboren worden." Die Weisen sagen: Vielfaches Unglück hat Israel am 17. Tamus ünd am . 9. Ab heimgesucht. Am 17. Tamus zerbrach Moseh die Tafeln, da er, zurttäkehrend vom Sinai, die Sünde des goldenen Kalbes gewahr wurde, an ihm hörte das tägliche Opfer auf, wurde-die Stadt zerstört, an ihm hat Apostomus die Thora verbrannt und ein Götzenbild ausgestellt. Schon das erste Unheil, das hier erzählt . -wird, öffnet uns das Auge, wie Gott straft, um zu heilen. Moseh kam vom Berge, sah das sündige Israel und zerbrach zürnend die Tafeln, auf welchen die zehn Gebote eingezeichnet waren. Eine harte Strafe; aber die Strafe ist von einem tiefsinnigen Denker als Pas Recht des Verbrechers bezeichnet worden, er braucht sie, und sie darf ihm nicht vorenthalten werden; indem'Moseh die Abtrünnigen züchtigte, besserte er sie, und der Bruch der Tafeln heilte den Brych des iVolkes,s und so hat es nicht -unseren Feinden, sondern uns genützt, daß sie die Thora verbrannt, daß sie ein Götzenbild im Tempel aufgestellt haben. Die brennende Thora war die Flamme, an der sich Israels unauslöschliche Liebe zu ihr entzündete, und der Götze im Tempel bannte die Götzen aus den Gemüthern. Fünffaches Unglück traf die Israeliten auch, am 9. Ab. An ihm wurde es zur Zeit des Mosel) über die Israeliten verhängt, daß sie vierzig Jahre in der Wüste wandern, daß sie das gelobte Land nicht betreten dürften; zweimal wurde der Tempel zerstört, - Bethar, die mächtige Stadt, welche zur Zeit des Kaisers Hadrian der Herd eines großen Aufstandes geworden war, wurde an ihm zerstört. Gelehrte Männer ersten Ranges fanden hierbei Men Untergang; an ihm wurde der Boden Jerusalems durch den Willen des römischen Kaisers umpflügt, um jede Erinnerung aus dem Boden zu reißen, um auch die heiligen Trümmer zu schänden. Es war eine ungeheuere Roth, als den Israeliten verkündet wurde: In dieser Wüste sollen Euere Leiber modern; aber wuchs daduxch nicht ein neues Geschlecht heran, das, in der Freiheit und unter Entbehrung erzogen, ungleich bester sich zur Eroberung des gelobten Landes eignete als die Sklaven Aegyptens? War hier nicht die Strafe das Werkzeug des Heils, war hier nicht der Sturz die Ursache der Erhebung, und was zur Zeit des Mosel) und des Josua galt, ^es bewährte sich auch in den harten Zeiten der Zerstörung des Tempels. An dem Tage der Tempelzerstörung ist der Messias geboren worden. Wie freisinnig und wie echt religiös ist doch dieses herrliche Wort; aus der Trauer kam der Trost, die Form fiel, und der Gedanke blieb, der Körper sank dahin, das; die Seele unseres Glaubens nur mn Fo reiner und freier sich entfalte. Jntereffant ist ein scherzhafter Streit einiger talmudischer Schüler, wie der Messias heißen würde;' da gab es einen Lehrer Schiloh, dessen Jünger meinten: der Messias mürbe Schiloh heißen, und durch eine witzige, wenn auch nicht korrekte Deutung wollten sie das aus der Schrift beweisen. .Ein anderer Lehrer hieß Chanina, und dessen Schüler gaben dem Messias den Namen Chanina, der Erbarmer, und auch diese suchten einen Anhalt in der Schrift, in ähnlicher Weise deuteterr noch zwei andere Schüler etwas gewaltsamer in offenbar nicht ernst gemeinter Weise Bibel- Verse, um - dem Messias einen ihren Lehrern ähnlichen Namen zu geben. Das dünkt uns kein leeres Spiel, sondern ihr Lehrer und Meister war ihnen der Messias, das ist der tiefere Sinn jener geistreichen Wortspiele, die Thora ist. das Herrlichste, und wer es versteht, uns in ihre Höhen und Tiefen zu führen, der ist uns ein Messias, darum gab ihm eine jede Schule einen anderen Namen, jede den Namen ihres Meisters. Mit dem Sturze des Tempels schwanden alle die Schlacken des Judenthums; in dem Feuer, das Titus entzündete, schmolzen sie, und es blieb die reine..Gestalt, der das Feuer-nichts thun kann, weilsie selbst das Feuer ist; der Staat Juda schwand, der nicht' selten der Lehre Judas in den' Weg getreten war. Der siebzehnte Tamus und der neunte. Ab sind die'. Erinnerung an Niederlagen, die uns aüfgerichtet haben. ' -V ' So hat es auch seinen Nutzen, wenn auch in der Gegenwart unsere Feinde und Neider sich regen, uns zu schaden; es ist. zuvörderst ein Zeichen, daß wir nicht ganz ohnmächtig sind, , der Neid begleitet den Erfolg wie der Schatten das Licht. Dieser Groll wird nie ganz verstummen, schon der Psalmist redet „von einem Lärm der Gegner Gottes, der ständig aufsteigt". Aber wie dereinst unsere Väter sich aus dem Sturze um so herrlicher emporgerichtet haben, so mögen auch uns diese drei Trauerwochen, die Erinnerung an jene schrecklichen- und glorreichen Zeiten, festigen im Glauben an den Sieg des Guten und uns lehren, auch in den Prüfungen der Gegenwart auszuharren. Me Woche. Berlin, 14. Juli. egen die zionistische Bewegung erhebt sich gegenwärtig das gesammte Judenthum ohne Unterschied der religiösen Parteirichtung. Man darf darum den Unternehmern des Zionistentages, der übrigens noch nicht aufgegeben ist, dafür dankbar sein, daß sie die letzten Ziele ihrer Partei enthüllt und Allen, die dies Treiben jahrelang für eine unschuldige Spielerei gehalten,, die Augen geöffnet haben. Aus diesem Gesichtspunkte-begrüßen wir auch die folgende Erklärung des Deutschen Rabbinerverbandes mit aufrichtiger Genugthuung: Durch die Einberufung eines Zionisten-Kongresses und durch die Veröffentlichung seiner Tagesordnung sind so irrige Vorstellungen über den Lehrinhalt des Judenthums und über die Bestrebungen seiner Bekenner verbreitet worden, daß der Unterzeichnete Vorstand des Rabbiner- Verbandes in Deutschland es für geboten erachtet, folgende Erklärung abzugeben: 1. Die Bestrebungen der sogenannten Zionisten, in Palästina einen jüdisch-nationalen Staat zu gründen, widersprechen den messianischen Verheißungen des Judenthums, wie sie in der heiligen Schrift und den späteren Religionsquellen enthalten sind. 2. Das Judenthum verpflichtet seine Bekenner, dem Vaterlande, dem sie angehören, mit aller Hingebung zu dienen und dessen nationale Interessen mit ganzem Herzen und mit allen Kräften zu fördern. 3. Mit dieser Verpflichtung aber stehen nicht in Widerspruch jene edlen Bestrebungen, welche auf die Kolonisation Palästinas durch.jüdische Ackerbauer abzielen, weil sie zur Gründung eines nationalen Staates keinerlei Beziehung haben. Religion und Vaterlandsliebe legen uns daher in gleicher Weise die Pflicht aus. Alle, denen das Wohl des Judenthums am Herzen liegt, zu bitten, daß sie sich von den vorerwähnten zionistischen Äesttebungen und ganz besonders voü dem trotz aller Abmahnungen noch immer geplanten Kongreß fern halten. ' - Berlin, den 6. Juli 1897. Der geschäftsführende Vorstand des Rabbiner-Verbandes in Deutschland. Dr. May bä um, Berlin. Dr. Ho rovitz, Frankfurt. Dr. Guttmann, Breslau. Dr. Auerbach, Halberstadt. ' > Dr. Werner, München. ' ' ‘ Eine seltsame Auffassung scheint man in der Schweiz von dem Begriff Gewissensfreiheit zu haben, wie uns ein Bericht über, die Beschlüsse lehrt, die die Kreisschulpflege Zürich I jüngst gefaßt hat. Schon seit längerer Zeit hatten sich nämlich Kinder'israelitischer Familien in den dortigen Sekundärschulen konsequent geweigert, am