Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1897)
- Date
- 1897-07-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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61, Jahrgang. Nr. 29. Berlin. 16. Juli 1897. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diele Zeitung erscheint wöchentlich. I . Begründet von Nabtiiner Dr- Ludwig Philippson-Sonn unter Streifband bezogen vierteIjährl.S M. I Redacteur: Guftu« K-rpeies. | Veriags-CrpeLltion: Lerlin, Äerufalemerftr. 4S/4S Alle Zujendungen fkr Redaktion und! Expedition sind an die Adresse: Verlag der! ,Allgem. Zeitung deS Judenthums", Berlin 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten.! Verlag von Rudolf Masse, Berlin. I Leitartikel: Die drei Trauerwochen. — Die Woche. — Generalversammlung des Verbandes jüdischer Lehrer in Westdeutschland. — Brief aus Oesterreich. — Die Organisation des Handwerks. Von Marcus Adle r. — Was sollen wir unseren Töchtern schenken? — Edle Frauen. Von M. Friedeberg. — Feuilleton: Flatterentchen. Von I. Zangwill (Forts.) — Weder Glück noch Stern. Von O. Bach (Forts.). — Sprechsaal. — Briefkasten der Redaktion. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Aus der Provinz Posen. Hamburg, Köthen, Frankfurt a. M., Worms, Bruchsal, Stuttgart, Wien, Odessa, New-York. — Bon Nah und Fern. — Miscellen. Are drei Trauerwochen. Berlin. 14. Juli. QS^ie Erschütterung der Seele hat nicht selten eine Festigung und .JÖg Erhebung derselben zur Folge; die Noth wird häufig zur Tugend; Hochmuth kommt lior dem Sturze; aber der Sturz selbst ist nicht selten die Ursache einer Erneuung und Verjüngling. Ein Unheil ist oft wie ein Sturm, wie ein Gewitter, es rüttelt die Seele aus dem Schlafe; der Arzt begrüßt es als ein Zeichen der Genesung, wenn in erstarrten Gliedern heftiger Schmerz sich äußert; während der Kranke stöhnt, ist der Arzt erfreut über den Erfolg seiner Kunst: denn-diese Schmerzen sind die Vorboten der Genesung. Das ist's, was der Prophet Jeremias kündet: Siehe, ich bestelle dich heut einzureißen und zu vernichten und dadurch anfzubauen und zu pflanzen. Mancher, der in seiner Jugend leichtsinnig und unbesonnen gewesen, tritt uns im späteren Leben als ein reifer, verständiger und sittlicher Mensch entgegen, und es läßt sich die Stunde angeben, da sich diese Wandlung vollzogen hat. Die Todesstunde eines Freundes, eines lieben, vertrauten Menschen, war diesem Leichtsinnigen und Flatterhaften die Zeit, da sein Charakter neu geboren wurde; es fegte ein Sturm durch seine Seele, der trug die Gistkeime von danntu, es drang wie ein Blitz in sein nächtiges Gemüth und beleuchtete den Abgrund,. vor dem er stand, und er trat vor die Bahre Dessen, an dem seine Seele hing, und sprach: Ich will besser und weiser werden, bevor ich in das Grab, in beit Abgrund sinke, von dem es keine Wiederkehr giebt. Die hebräische Sprache hat sehr verwandte Stämme für die drei Begriffe: Wanderung, Prüfung und Erhebung. Schon die Alten haben diese Verwandtschaft gedeutet: die Wanderung durchs Leben ist gerade dann'eine Erhebung, wenn sie eine Prüfung ist. Und so ist es buchstäblich wahr: Alles, was die Gottheit thut, thut sie zum Guten; Tod und Trümmer sind die lebendigsten Mahner zur Tugend, und die Ueberlebenden werden gebeffert durch den Tod ihrer Nächsten. Erschütterung festet: diese Regel gilt vom Einzelleben/ sie gilt vom Volksleben.^ Denken wir z. B. an die ungeheure Niederlage, welche unser Vaterland am Beginn, dieses Jahrhunderts erlitten hatte; tief war der Fall, aber glorreich die Erhebung; diese Stätten des Sieges waren die Geburtsstätten aller der Einrichtungen, welche unser Land erhoben haben. Erwägungen dieser Art werden uns nahe gelegt in den Wochen zwischen dem 17. Tamus, dem Tage, da Jerusalem von den Römern zerstört wurde, und dem 9. Ab, dein Tage, an welchem der Tempel einmal durch Nebukadnezar und sodann durch Titus entzündet wurde. Schon die Erinnerung an das Heldenthnm unserer Vorfahren erhebt die Seele; dieses Volk, das seine Feinde wegen seiner Feigheit schalten, es hat zwei Weltreichen Trotz geboten. Babylon stand auf der Höhe seiner Macht, als das kleine Juda sich gegen Nebukadnezar empörte; schon als die Feinde in den Tempel drangen, sangen die Leviten, noch immer den Sieg erhoffend, ihre innigen Lieder, und sprachen es aus: Es verläßt der Ewige sein Volk nicht und er verstößt nicht sein Erbe; zur Gerechtigkeit kehrt das Gericht zurück cknd ihm nach alle redlichen Seelen; wäre der Herr nicht meine Hilfe, schon weilte im Staube meine Seele. Mitten in diesem Sange kamen die Heiden in das Heiligthum. „Da lärmten deine Feinde inmitten deines Tempels, und ihre Banner stellten sie als Zeichen auf." Und als Rom gegen Jerusalem kämpfte, war gleichfalls die ganze Welt verbündet gegen das kleine Land, das jedoch, von einer Idee durchglüht, den Kampf aufnahm. Aber als es fiel, hatte es unsterblichen Ruhm gewonnen. Wir sind tief ergriffen vom Worte des Sängers, wenn er angstvoll betet: Gieb nicht dem Wilde das Leben deiner Taube, das Leben deiner Armen vergiß nicht auf immer. Aber Stolz erfüllt unsere Brust, wenn wir denken, wie die Väter mit ihrem letzten Blutstropfen das Kleinod beschützt, wie sie den Tod der Schande vorgezogen haben. Es ist wahr, sie haben gesündigt, und bei der ersten wie'bei der zweiten Belagerung Jerusalems begegnen wir dem erstaunlichen Schauspiel, daß das Volk wnthet gegen seine besten Freunde, seine weisesten Führer; die Propheten und die Talmudweisen haben sich nicht gescheut, es anzuklagen. Das ist nun einmal so die Art oder die Unart Israels, daß Keiner sich unterordnen, daß Jeder jedes besser wissen will, daß es das Schwierigste auf der Welt ist, auch nur eine kleine Zahl Israeliten nach einem Willen zu lenken-; abyr hier wenn irgendwo gilt das Wort: Und alle Sünden deckt die Liebe, die glühende Liebe zur Heimath und zum Heiligthum. Der flammende Tempel war kalt im Vergleich zu den flammenden Seelen Derer, die noch auf den rauchenden Trümmernweiter kämpften gegen den übermächtigen Dränger, und die besiegte Sache gefiel Gott und Menschen besser als die siegende. Aber dieses Heldenthum der Besiegten ist nicht das einzig Erhebende in dieser gewaltigen Katastrophe. Hier paßt das oft Dmißbrauchte Bild von dem Phönix, der herrlicher aus seiner Asche