Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1897)
- Date
- 1897-07-09
- Page
- Seite 335 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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335 W f eine gewisse Unruhe in sich erwachen, denn die Erregung des sonst so gleichmäßig erscheinenden Mannes hatte etwas Krankhaftes; ebenso das unruhige Flackern der braunen Augen, die fieberheiß unter der , weißen Stirn hervorleuchteten. Wie lieb, wie theuer ihr der junge Gelehrte im Laufe der Zeit .. geworden war, wurde dem Mädchen urplötzlich klar. Eine ihr fremde, schmerzlich aufregende Empfindung bemächtigte sich Sophiens, als sich hinter Klein, der nur ganz kurze Zeit bei den Damen verweilt, die Thüre geschlossen. „So oder so verloren," flüsterte sie, als sie, nachdem sie der Mutter „Gute Nacht" geboten, den heißen Kopf in die Kissen drückte. . Sophie gehörte nicht zu den sentimentalen Mädchennaturen; sie hatte bisher weichen Empfindungen kein Recht eingeräumt. Der furchtbar schwere Kampf um das Dasein hatte sie dagegen gestählt und ihr jene Herbheit gegeben, die oft die intimsten Freunde an ihr irre werden ließen. Auch heute suchte sie mit aller Macht ihrer starken Seele gegen das so Plötzlich aufgeflammte Empfinden für den jungen Mann anzukämpfen. Sie schalt sich eine Thörin, — eine unpraktische Närrin, — allein, das bleiche, überwachte Antlitz, welches ihr am Morgen aus bent Spiegel entgegenblickte, als sie ihre Toilette machte, belehrte sie, daß sie unter dem Sturme, der mit elementarer Gewalt über ihr Herz dahingebraust war, schwer gelitten, und es ihrer ganzere, eisernen Willenskraft bedürfen würde, um ihn weiter zu beschwichtigen. Ihre Mutter durfte nichts davon merken. Wie hoffnungslos ihre Neigung war, wußte sie; sie hatte den Muth der Entsagung, diesen größten, heldenmüthigsten, schon oft beweisen müssen; auch in diesem Falle mußte sie sich stärker zeigen als viele ihres Geschlechts. Für ein paar sonnige Stunden, die ihr möglicherweise winkten, durfte sie weder sein noch ihr Geschick in neue, gefährliche Bahnen lenken. Hatte sie, das nicht schöne Mädchen, denn überhaupt das Recht, auf eine Erwiederung ihrer Gefühle zu hoffen? Als sie den Morgentrank mit der Mutter einnahm, zeigte ihr Antlitz wieder den ihm eigenen ruhigen, festen Ausdruck; selbst als Frau Milde nachdenklich meinte: „Ob wir den Doktor verlieren werden, wenn er erst aus dem Dunkel seiner Existenz in das volle Licht gezogen worden ist?" verrieth auch nicht ein Zucken mit der Wimper, mit welch brennenden Schmerzen sie sich während der langen, schlaflosen Nacht diese Frage vorgelegt. Mit einem schwachen Lächeln zuckte sie die Achseln, ehe sie ein wenig hastig entgegnete: „Theilweise sicher! Der Aar, der sich hinaufschwingt in den Aether, gehört nicht, wie die Schwalbe, an den First des Hauses. Wir wollen neidlos seinem Fluge folgen, Mutter, ohne ihn zu hemmen durch das Gefühl der Dankbarkeit, das er uns jetzt noch entgegenbringt." Als sie, nachdeni sie die für den Unterricht nothwendigen Noten in die Musikmappe gelegt, der Mutter mit dem üblichen Kusse Adieu gesagt und das Zimmer verlassen, blickte ihr Frau Milde mit einem wehmüthigen Ausdruck in den blauen Augen nach. „Wie gut die Beiden für einander Passen würden, wenn nicht das Gespenst der Sorge und der Armuth zwischen ihnen stünde. „Gott sei Dank, daß Sophie zu vernünftig ist, um sich verlieben zu können," setzte sie mit einem erleichternden Seufzer hinzu, während sie an ihre tägliche Arbeit ging, die ja durch Grübeleien nicht gestört werden durfte. (Forts, folgt.) Fitterarische Mitthcilungen. T’hilloth l’el eljon. Synagogen-Gesänge für Kantor .und Chor mit Orgelbegleitung, von Emanuel Kirschner,. erstem Kantor an der Synagoge in München. Heft I. Gesänge für Freitag j Abend. Verlag von Jos. Aibl, München. j Der Verfasser dieser Kompositionen steht in dem Ruf, nicht nur ein; trefflicher Kantor, sondern auch ein wirklicher Musiker, d. i. im Besitz einer gründlichen modern-musikalischen Bildung zu fein. Den letzteren ° Punkt bestätigt das vorliegende Heft. Wir finden überall freie, aus j dem Vollen schöpfende Erfindung, gute, wirkungsvolle Behandlung der Singstimmen, einen abgerundeten kompositorischen Styl. Aber wir; finden mehr als dies: was die Töne sagen, ist stets schön empfunden, Jj häufig, wo der Text es veranlaßt, ausdrucksvoll, an geeigneten Stellen li\ von charakteristischem Gepräge im Hinblick auf die in den Worten ent- J|i haltenen Gedanken oder Bilder. Der Styl des Verfassers ist durchgängig melodisch und zwar im besten Sinne — nicht von jener weitj verbreiteten melodischen Schreibart, die sich nicht über eine triviale, / nur dem Ohr gefällige Melodik erhebt — und zugleich hat seine i; 'Musik einen entschiedenen Zug der Frische und Schwunghaftigkeit, h; eine Eigenschaft, die als eine besonders willkommene, weil der Sache ' - höchst angemessene zu begrüßen ist. Denn die Andacht des Israeliten; [ hat nichts von Quietismus an sich, der Bekenner des Judenthums tritt f j vor Gott mit dem vollen Gefühl seiner natürlichen.. Lebensstimmung,! j nicht mit einer künstlich eingeengten und erweichten Empfindung, er will f j jene Lebensstimmung nicht abthun, sondern erhöhen, weihen. JI' Ich gehe auf Einzelheiten ein. Der Verfasser findet in seiner Ge- -j~\ meinde (München) theilweis besondere liturgische Bräuche vor, daher |! ' wird von ihm manches Gebetstück anders behandelt, als es in den Werken § j der meisten Synagogalkomponisten geschieht. So bildet z. B. das Ein- /! leitungsgebet, Mah-towu, ein ungewöhnlich ausgedehntes Stück. Das! low - Fhodoss, welches in den süddeutschen Gemeinden nur bei gewissen Gelegenheiten vollständig und mit Chor gesungen wird, ist nur durch j j eine einzige Komposition vertreten, wogegen für den Schluß desselben/ ,! j das Zaddik katomor, mehrere Versionen, für den Kantor allein, vor-;■ j | Händen find. . ■ j- Aehnlich geschieht es mit dem ^V'sebomru, das in einer Chors j. und fünf anderen Kompositionen, welche vom Kantor ausschließ-;j lich oder vorwiegend vorgetragen werden, wiedergegeben ist. Bei!! diesen W’schomru hält sich der Verfasser (ebenfalls lokalem Brauche . r | gemäß) an dem alten Synagogalstyl mit Vorherrschaft der Molltonart J; und Einflechtung von Koloraturen. Er behandelt diesen Styl mit vielem! Geschmack, und zugleich läßt er hier die Orgel mit reicheren selbst- / j ständigen Zuthaten sich betheiligen. In letzterem Verfahren sehen wir > eine gute Neuerung, denn wo das majestätische, eine herrliche Tonwelt in sich bergende Instrument der Orgel einmal vorhanden ist, sollte man > es nicht auf spärliche, blos ausfüllende Begleitung beschränken. Von dem L’cho dodi bemerken wir noch, daß es durch Benutzung und zwar j musikalisch geschickte Benutzung einer vorhandenen, für die Sabbath-? Eingangsstimmung vortrefflich passenden Melodie zu einem besonders anziehenden Stück geworden ist. — Nachdem der Autor dieser Zeilen! Veranlassung zu so vielem Lobe gefunden, will er auch mit einem? Tadel nicht zurückhalten. Er betrifft leider eins der größten Stücke, zugleich ein solches, das reich an schönen Einzelzügen ist: das Tow-Fhodoss. Hier hat der Verfaffer die Wirkung der Schlußpartie! durch gehäufte Tempo- und Takt - Verrückungen empfindlich beeinträchtigt. :.! Ein Komponist übersieht gar leicht den Umstand, daß beim Springen von einer Takt- und Tempoform in die andere zwar ihm selbst dieser Sprung klar ist, daß der Zuhörer aber sich in ihn; erst zurecht finden - muß, eine Arbeit, die, wenn sie ihm mehrmals hintereinander zugemuthet wird, ihn in Unruhe versetzt und den Genuß aushebt. — Dies ist aber die einzige Ausstellung, die ich an der ganzen Sammlung zu machen hätte, und so darf ich mein Urtheil dahin zusammen fassen, daß! ich in diesem Werk eine schöne Bereicherung der synagogalen Musik erblicke, deren Beachtung ich den Herren Kantoren und Chordirigenten an- .-j | gelegentlich empfehlen will. William Wolf.!