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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-09 · Heft 28 (9.7.1897) · p. Seite 333

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 28 (9.7.1897)
Date
1897-07-09
Page
Seite 333 (sequence 9)
Language
German
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333 dessen Obligation nn „Kol- Nidre"-Gebet mit Vorabend des Versöhn nngstages doil sich abzuschütteln suchen. Als Sachverständiger wurde Professor Marks von der Regierung aufgefordert, seine Erklärung in der fraglichen Angelegenheit abzugeben, und es gelang ihm auch, nachzuweisen, daß das besagte Gebet nur auf solche Eide Bezug habe, die der Jude seinem Gotte gegenüber, nicht aber seinen Mitmenschen gegenüber geleistet hat. Diese Auseinandersetzung der eigentlichen Sachlage hatte ebenfalls den erwünschten Erfolg, und der Eid des Juden in England hat heutzutage dieselbe Kraft und Wirkung als die eines Nichtjuden. Aus dem Gesagten geht mm Hervar, daß die frühere Begründung einer Reformgemeinde in London später direkt und indirekt verschiedene Vortheile für die gesammte englische Judeuschaft zu Tage gefördert hat. Wohl giebt es heute noch sehr viele Glaubensgenossen,. die selbst eine gemäßigte Reform im Judenthume mit scheelen Augen ansehen und ihr jede raison dßtre absprechen. Wer aber nicht zu der Kategorie gehört, von denen der Psalmist höhnisch sagt: „Sie haben Augen und wollen nicht sehen," der wird jeden Fortschritt auf jüdischem Gebiete mit Freuden begrüßen, selbst wenn ein solcher Fortschritt den Resormbewegungeu der Juden in verschiedenen Söiibettii^äne Entstehung zu verdanken hätte. -rHI—11-- .^. 11—1 MuMlMMkMWMvuiWMMWnWIMMMlMtlMuMWiisMMMMMmmM IffniiüllWlM 1 & 1 FEUILLETON 1 gyfriiurnmtmH, WMiMM C——1 I—I 1-■SN*-1 1-1 1- Flatterentchen. Von I. Zangwill. (Fortsetzung.) latterentcheu, derart von den Freuden zu den Pflichten der Mutterschaft zurückgeführt, fing das Gebet von vorne an: „Modiani!" Rahel überging das mit Schweigen. „Modiani!" Flatterentchens Stimme klang jetzt gebieterisch und übellaunig. Dann wandte sich Klein-Rahel ärgerlich zu ihrem Vater. „Vater, sie sagt sou wieder Modiani!" Da aber rief Flatterentchen, über diese kindliche Frechheit empört: „Hörst Du, Ludwig, mein Herz?" und begann stracks das Kind zu schlagen; und der Vater, von dem schrillen Geschrei, das dem Prügeln folgte, geärgert, schrie: „Nu, nu, ich hör' schon zu viel." Rahels Weigerung, sich zu den Andachtsüberstunden zwingen 311 lasten, entsprang nicht blos ihrem Gerechtigkeitssinn. Ihr Appetit hatte mehr damit zu schaffen. Das Gebet war der Zugang zum Frühstück; wenn sie ihrer leichtfertigen Mutter gestattet hätte, Wiederholungen zu fröhnen, so hätte das eine Hinausschiebung der Mahlzeit bedeutet. Wenn Flatterentchens Aufmerksamkeit einen Augenblick abgelenkt wurde, war sie im Stande, sogar in der Mitte abzlibrechell und wieder von vorne anfangen. So kam sie zum Beispiel bis „höre — meine Tochter — die Lehre — Deiner Mutter," wobei sie die Worte der heiligen Sprache, die für sie Abrakadabra war, jedes für sich aussprach. Klein-Rahel, die ebenso wenig davon verstand, wiederholte gehorsam: „Höre — meine Tochter — die Lehre — Deiner Mutter." Dann kochte der Topf über, oder Flatterentchen erfing eine Benlerkung eines der Gehilfen und warf ein „Ja, ich werd's ihm geben", oder „sie weiß viel davon" oder dergleichen ein; dann tastete sie nach dem verlorenen Faden des Gebetes und schloß, indem sie^ verzweifelt hervorstieß: / „Modiani!" Da aber das Kind sich finster gegen eine solche Leichtfertigkeit stemmte, setzte es Klapse und Geschrei; und wenn der Vater Verwahrung erhob, warf Flatterentchen den Kopf zurück und erwiederte in ihrem würdevollsten Englisch: „Wenn ich bin eine Mutter, bin ich eine Mutter!" Einem logisch denkenden Erwachsenen wird es klar sein, daß dieser Eigensinn des kleinen Mädchens das Frühstück noch weiter hinausschob, aber eigensinnige kleine Mädchen denken nicht logisch, und wenn Rahel Schläge bekommen hatte, wollte sie gar nicht frühstücken. Das hübsche Gesichlchen vom Weinen verschwollen, die großen schwarzen Augen von Thränen verdunkelt, saß sie trotzig im Winkel. Dann durfte nur ihr Vater ihr schmeicheln. Er ging sogar so weit, daß er ihr erlaubte, die „Rebbeziu" zu streicheln, ohne sie daran zu erinnern, daß sie durch die Berührung des Thieres alles vergessen würde, was sie wußte, und in einen Katzenkopf verwandelt werden würde. Thatsächlich vergaß Rahel immer, die Katze nicht cmzurühreu. Die Grundlage dieses psychologischen Aberglaubens war möglicherweise die Thatsache, daß die Katze ein unreines Thier ist, das nicht berührt werden darf; denn er selbst wollte Miezchen nie anrühren, obwohl ihr Titel „Rebbeziu" oder Rabbinersfrau die Erfindung dieses Meisters der Spitznamen war. Ohne diese gelegentlichen Blitze würde Niemand bei dem finsteren Männchen Humor vermuthet haben. Aber er besaß welchen, und zwar trockenen. Er nannte die Katze „Rebbeziu" seit dem Tage, da sie sich geweigert hatte, Milch nach Fleisch zu trinken. Vielleicht war sie mit Fleisch schon vollgestopft. Er aber behauptete, daß die Katze durch das Leben in einer jüdischen Familie religiös geworden sei, und entwickelte eine Theorie, daß sie Fleisch nicht fressen wolle, b is es „koscher" sei, so daß es im früheren Stadium, ohne Furcht vor Gediebtwerden, umherliegen könnte. Katzen sind für Kinder ein Trost, aber als Rahel größer wurde, hörten sie auf, ihr zu genügen. Ihre Erziehung war, obwohl sie den Schulinspektor befriedigte, nicht barauf berechnet, den häuslichen Rebellen, der in ihr steckte, auszurotten. In der Schule erfuhr sie von der Existenz zweier hebräischer Worte, genannt Modell ani, aber erst einige Zeit später ging ihr das Licht aus, daß sie mit Modiani eng verwandt seien; die Entdeckung besserte ihre Meinung von der Mutter nicht. Sie war ein hübsches Kind, das ein schönes Mädchen zu werden versprach, und ihre Lehrerinnen verhätschelten sie. Diese Lehrerinnen trugen schöne Kleider, und Rahel hörte auf, Flatterentchens Sabbathshawl für das Muster von Geschmack unb Pracht zu halten. Noch ehe sie dreizehn Jahre alt geworden mar, murrte sie über ihre häusliche Umgebung unb empörte sich sogar gegen den alles durchdringenden Pelz. So seltsam eigen war sie daß sie das Fenster öffnete, um ihr Butterbrot) auf dem breit vorspringenden Fensterbrett zu essen; aber die Pelzhärchen kamen oft nur noch schneller gepflogen, als suchten sie Luft, und im Winter hatte ihre anmaßliche Heikelkeit zur Folge, daß alles brummte und in der plötzlichen Zugluft zusammenschauerte. Ihr Widerwille gegen Pelz richtete sich jedoch nicht auch gegen die Verarbeitung desselben, denn nach der Schule stichelte das kleine Mädchen geduldig bis spät in die Nacht, uin sich für die Zukunft vorzubereiten; der Verdienst munterte sie auf, und so setzte sie Streifen an Streifen — die Haare alle nach einem Strich — bis sie eine große, schwarze Schlange gemacht hatte. Natürlich bekam sie auch nicht annähernd drei halbe Pence für zwölf Ellen wie die

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