Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1897)
- Date
- 1897-07-09
- Page
- Seite 332 (sequence 8)
- Language
- German
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332 Gemeinde, möge hier nicht fehlen! Unvergessen wird es Abraham Geiger bleiben, wie er die oberste Kirchenbehörde, welche die Ehre des Judenthums schwer zu kränken gewagt hatte, vor etwa 25 Jahren vor das Tribunal der Oeffentlichkeit gefordert und mit den Waffen der Wissenschaft in die gebührenden Schranken gewiesen hat. Noch eindringlicher lautet die Mahnung unserer neuesten und gegenwärtigen Noth! Schmachvolle und systematische Verhetzung und Verunglimpfung zwingen uns zu einem Kampf für unsere Ehre und für unser Recht — und in diesem Kampfe haben wir keine bessere Wehr und keine bessere Waffe als die Wissenschaft des Judenthums. Schwerer aber noch als die äußere Bedrängniß lastet auf uns die innere Verwüstung. Unseres Festes Weihe soll nicht getrübt werden; was bleibt den Getreuen, den muthig Ausharrendm, den Ehrlichen und den doch noch von historischem Ehrgefühl Beseelten als bittere Klage über den schlimmen und unrühmlichen Schaden im eigenen Lager? Daran aber muß auch an dieser Stelle nachdrücklich erinnert werden, daß auf die Unwissenheit über Juden und Judenthum von der schweren Schuld kein geringer Theil fällt! Verehrte Festversammlung! Daß ein gutes Werk gelinge, gedeihe und wachse, bedarf es kräftiger Stütze, wie man zu sagen Pflegt, einer 281 TI?, einer Stadt und einer Mutter in Israel. Der fürsorgenden Mutter hat unsere Lehranstalt während der ganzen 25 Jahre sich erfreut; möge der liebe Gott die verehrte Frau, unsere treue Helferin in jeglicher Noth, noch lange, lange Jahre in Gesundheit und Kraft erhalten! Und die Stadt? Das übermächtige und übermüthige Edom bezeichnete sein Rom als die Stadt, auch bei den Juden war Jerusalem einst die Stadt. Wird die Gemeinde, die in Israel als die große, reiche und intelligente gepriesen wird, die Gemeinde, in welcher die Wissenschaft des Judenthums neu begründet worden ist, wird sie die Stadt auch für unsere Lehranstalt sein, die Stütze ihrer Entwickelung und ihres Wachsthums? Die Zukunft, so hoffen wir, wird eine gute Antwort geben, und mögen meine Worte, wie sie mir von Herzen gekommen, auch zu Ihren Herzen gegangen sein! Briefe aus England. Von Rev. Dr. Chotzner in Belfast. fie großartigen Feste und Feierlichkeiten, welche am vergangenen 22. Juili in fast allen Weltgegenden zu Ehren des Jubiläums der Königin Viktoria von vielen Millionen Menschen veranstaltet worden sind, werden sicherlich noch lange in deren Gedächtnisse als höchst angenehme Erinnerungen Zurückbleiben, nicht minder aber auch die verschiedenen religiösen Funktionen, welche zum gleichen Zwecke zwei Tage vorher in allen Kirchen, Tempeln, Moscheen, und Synagogen im ganzen britischen Reiche stattgefunden haben. Während solcher Funktionen wurden meist unsere altehrwürdigen, herzerhebenden Psalmen gesungen oder recitirt, und gleichfalls waren die Texte der bei dieser Gelegenheit von jüdischen und nichtjüdischen Geistlichen gehaltenen Predigten größtentheils und vorzugsweise dem alten Testamente entnommen. Dieser beachtenswerthe Umstand ist recht dazu geeignet, den modernen Judenhassern die Thatsache vor die Seele zu führen, daß das jüdische Volk auf geistigem und namentlich auf religiösem Gebiete durch sein Meisterwerk, die Bibel, die gesammte gebildete Welt zu ewigem Danke verpflichtet hat. Es würde diesen Brief zu weit ausdehnen, wollte ich hier über den Inhalt der meist gediegenen Predigten referiren, die von verschiedenen jüdischen Geistlichen in England am besagten Tage gehalten wurden, da' jene außerdem blos ein lokales Jntereffe haben. Doch will ich es nicht unterlassen, die Leser dieses Blattes auf einige Bemerkungen aufmerksam zu machen, die der ehrwürdige erste Prediger der Reformgemeinde in London, Profeffor Marks, bei fraglicher Gelegenheit in seiner Predigt gemacht hat. Diese Bemerkungen haben einigen historischen Werth, da sie auf die Periode Bezug haben, während welcher die Judenemanzipation in England im englischen Parlamente zum Gegenstand der Besprechung gedient hatte, und sie verdienen demnach allgemeine Beachtung. Vor dem -Jahre 1842 war das jüdische religiöse und Gemeindeleben in England ungefähr so, wie ich es in meinem vorigen Briefe geschildert habe, nämlich keineswegs rosig und modellartig. Die höheren und niedrigen Klassen der englischen Bevölkerung kannten bis dahin fast ausschließlich nur die Schattenseiten der Juden und des Judeuthums, und die Lichtseiten derselben waren ihnen ganz unbekannte Größen. Marlow, Shakespeare und manche andere spätere englische Dramatiker repräsentirten den Juden auf der englischen Bühne als eine rach- und habsüchtige Person — eine Kreatur, die ihr Alles, selbst ihren Gott, ihrer gemeinen Habgier opfern würde. Was Wunder, daß solche und ähnliche Schilderungen des jüdischen Wesens und Charakters, obschon der Wahrheit widersprechend, der englischen Nation stets als Warnung vorschwebten, ihre Zustimmung zur Emanzipation der Juden nicht zu geben. Was den Sachverhalt noch trüber machte, war der Umstand, daß nämlich die geistigen und religiösen Leiter der englischen Judenschaft der besagten Periode außer Stande waren, in der Landessprache durch Wort und Schrift ihre christliche Umgebung eines Besseren zu belehren. Um diese Nachtheile nach und nach zu beseitigen, bildete sich in London eine kleine Reformgemeinde, die ihre erste Synagoge im Jahre 1842 eröffnete und einen tüchtigen englischen Prediger, den besagten Professor Marks, anstellte, der regelmäßige religiöse Vortrüge in schöner, gewählter englischer Sprache hielt. Nun geschah es, daß dessen Äntrittspredigt, die, im Geiste eines Salomon und Geiger abgefaßt, auf die Lichtseiten und die höhere Tendenz des geläuterten Judenthums hinwies, in die Hände des damaligen, recht einflußreichen Bischofs von Exeter gelangte. Letzterer war von dem Inhalte dieser Predigt derart eingenommen, daß er nicht allein seine frühere Opposition gegen die Judenemanzipation aufgab, sondern daß er vielmehr auch diese mit großer Wärme befürwortete. Ja, dieser edle Bischof that noch mehr. Er schrieb hinsichtlich der fraglichen Angelegenheit an' den Ministerpräsidenten von England und gewann auch dessen Sympathien für die lange genug als Parias angesehenen und behandelten Nachkommen der Propheten des Alterthums, deren Wesen, Charakter und Religionsanschauung allgemein nicht gekannt und deshalb auch verkannt waren. Diese Bemühungen des besagten Bischofs und seiner ebenso liberal gesinnten Kollegen waren nachher mit dem schönsten Erfolge gekrönt, und Profeffor Marks Antrittspredigt kann daher mit Recht als die Schöpferin einer neuen glanzvollen Aera in der Geschichte der Juden in England angesehen werden. Bei einer späteren Gelegenheit — so erfahren wir aus der am vergangenen Jubiläumsfeste von Professor Marks gehaltenen Rede — war derselbe ebenfalls in die günstige Lage versetzt, sich seinen englischen Glaubensgenossen nützlich zu machen. Dies war zur Zeit, als im englischen Parlament eine Bill zur Modifizirung der damals in Gebrauch gewesenen Eidesformel diskutirt wurde. Juden, hieß es damals, seien nicht glaubwürdig, selbst wenn sie einen Eid geleistet haben, da sie der von dem bekannten Eisenmenger in feinem Buche „Entdecktes Judenthum" gemachten Aussage zufolge