Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1897)
- Date
- 1897-07-09
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
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—-- 331 —— - - Grundsatz — umsomehr aber als ein einfaches Pflichtgebot: die Ehrfurcht vor den Eltern, die Gebetsübung, die Friedensstiftung, die Liebeswerke jeglicher Art gegen Kranke, Arme, Schwache, für die Todten — sie alle werden ausgewogen von dem Studium der Lehre! Die Sprüche der Väter, auf die wir gern noch heute als auf die jüdische Ethik Hinweisen, preisen sie doch höher als die Priesterkrone und höher als die Königskrone die Krone des Wissens! Und diesem Ideal hat auch einst unter den Juden die lebendige Erfüllung nicht gefehlt. Darf ich, ohne Unbescheidenheit, dafür einen wissenschaftlichen Beleg bringen? Null, es ist eine gar löbliche Gewohnheit unserer jüdischen Gelehrten, daß sie in ihren Vorreden guch zum Volke oder —sollte ich sagen —zu ihrem Volke sprechen.. So weist mein alter Freund, der hochverehrte Nestor der jüdischen Wisienschaft, in der Vorrede zu seinem jüngsten, preisgekrönten Werke auf die Zeit hin, wo die Juden außer dem Adel der Gesinnung keinen anderen Rechtstitel auf den Adel gekannt haben, als das Wissen. Wie ist es anders geworden und weshalb? Das möge die Wisienschaft, die Geschichte der Juden beantworten! Daß es aber wieder anders werde, darum haben sich länger als ein ganzes halbes Jahrhundert eben jene Männer bemüht, welche, trotz alledem, nicht aufgehört haben, ihr Leben aufopferungsvoll der Wisienschaft des Jndenthums zu widmen! * Vor fast 80 Jahren hat die Neubegründung der Wisienschaft des Jndenthums begonnen. In dem Vorwort zu dem wissenschaftlichen Organ des zu diesem Zwecke gegründeten Vereins werden die „Glaubensbrüder" um Hilfe angerufen — „denn hienieden ist nun einmal jeder Geist an einen Körper ge bund en". Der Ruf ist nicht erhört worden, der Verein nach wenigen Jahren spurlos verschwunden in der „Sündfluth" der zwanziger Jahre, in dem allgemeinen Zusammenbruche unrühmlichen Andenkens. Wiederum, nach zehn Jahren, wurden in jener berühmten und heute noch ebenso denkwürdigen Vorrede zu den „Gottesdienstlichen Vorträgen der Juden" die gebildeten und vermögenden Glaubensgenossen, insbesondere auch die Genleindevorstände, an ihre Pflicht für die Religion und die Wisienschaft sowie an die Nothwendigkeit „hochstehender Lehranstalten" gemahnt: Die, wie vom prophetischen Zorn diktirte, Strafrede blieb unverstanden und unerhört. Ebenso erfolglos ist ein Versuch Geigers im Jahre 1836 geblieben: der von ihm zu gleichem Zwecke geplante Maimonidesverein hat das Licht der Welt gar nicht erblickt. Große und berechtigte Hoffnungen auf ein besieres Gelingen erweckte Ludwig Philippsons Aufruf zur Gründung einer jüdischtheologischen Fakultät, der im Jahre 1837 durch die Zeitung des Jndenthums in den weitesten Kreisen Verbreitung und auch Verständniß gefunden hat. Nicht ohne eine wohlthnende Befriedigung ersieht man aus den Subskriptionslisten, wie das Volk sich beeifert, seine Ersparnisse, seine kleinen und kleinsten Gaben, für die Fakultät darzubieten. Aber die Großen, die Vermögenden und die Intelligenten, sie bleiben fast ganz fern, — und wie schließlich der Aufruf in Vorstandsakten begraben worden ist, das darzulegen, muß ich mir an dieser Stelle versagen. Das ist, geehrte Festversammlung, von unserer Hochschule die trübe, trostlose Vorgeschichte: umsomehr mag es uns — ich sage es offen — zu einigem Verdienste gereichen, daß wir in dem Vertrauen auf unsere Glaubens- und Stammesgenossen nicht wankend geworden sind; und um so mehr gebührt aufrichtiger Dank Allen, die unser Vertrauen erfüllt und dazu geholfen haben und helfen werden, daß unsere Lehranstalt lebt und besteht, und daß auch sie berufen war und weiter-berufen sein wird, in etwas wenigstens den Glanz der jüdischen Wiffenschaftskrone zu beleben^und zu erhöhen. Namens des Kuratoriums darf ich an die hochverehrte Festversammlung deshalb aus vollem Herzen die Bitte richten, mit uns den heutigen Tag als ein Freuden- und ein Dankesfest zu feiern. Sind wir auch aller Sorgen noch nicht ledig, ist unter unseren mannigfachen Wünschen insbesondere das eigene Heim — ein Haus, geweiht den Lehrern der jüdischen Wissenschaft — noch nur ein frommer Wunsch — unsere Freude ist darum doch eine volle und ungetrübte. Unsere lediglich der Wissenschaft des Judenthums gewidmete Lehranstalt, frei, unabhängig, keiner Partei dienstbar, von der lebendigen Volkskraft geschaffen und in ihrer rechtlichen Existenz gesetzlich anerkannt, sie lebt und besteht nunmehr seit 25 Jahren. Daß sie besteht — das allein genügt auch als gute, volle Bürgschaft dafür, daß sie weiter bestehen, sich entwickeln und wachsen wird. Unser jüdisches Bewußtsein wird, Gott sei Dank, immer klarer und kräftiger, und unsere Pflicht für unsere idealen Güter wird in immer weiteren Kreisen als eine Gewissenssache empfunden und geübt werden. Wir Juden, das Volk des Buches, welches uns in der Weltlitteratur den ersten Platz anweist — wir sollten verständnißlos und theilnahmslos zusehen, Wß derjenigen Wisienschaft, welche berufen ist, die Wahrheit, nichts als die Wahrheit über Juden und Judenthum zu erforschen, die ihr gebührende Stelle im Universalreiche der Wissenschaften versagt oder verkümmert werde? Man hat gefragt, ob denn die Wissenschaft konfessionell sei, und ferner, wem denn wohl.die Fürsorge für die Wissenschaft obliege? Es braucht nicht gesagt zu werden, wohin mit Recht solche Fragen zu richten sind — Fragen, die uns heute noch weniger als wie vor 25 Jahren beirren sollen. Die Juden wissen, was sie ihrer Wissenschaft schuldig sind, und noch fester halten wir heute an dem Vertrauen fest, daß sie zur Ehre der Wissenschaft und zur Ehre des Judenthums auch gegenüber der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums ihre Schuldigkeit thun werden. Verehrte Festversammlung! Möge es gestattet sein, nach diesen, der Zukunft gewidmeten Hoffnungsworten, noch eine Dankespflicht zu erfüllen, welche der Vergangenheit entstammt und auch in der Gegenwart nicht erloschen ist: ich denke an den Dank, welchen wir den Männern der jüdischen Wissenschaft schuldig sind. Die Erbauer des zweiten Tempels haben ihr Werk verrichtet, in der einen Hand die Maurerkelle, in der anderen das Schwert zur Abwehr andrängender Feinde. Die Männer, welche am Tempel der jüdischen Wissenschaft bauen, sie kämpfen zu gleicher Zeit und immer in erster Reihe für unser Recht und für unsere Ehre! Aus unserer tausend- und tausendjährigen Geschichte nur einige Beispiele aus den letzten hundert Jahren: Zuerst Moses Mendelssohn, der Bibelübersetzer und damit auch der Deutschlehrer der Juden! Die „Rettung der Juden", die er einst an dem Urahn judenhassender deutscher Professoren vollzogen hat, wird vielleicht länger als irgend eins seiner philosophischen Werke unvergessen und — wer weiß, wie lange noch — leider zeitgemäß bleiben! — Wie der Neubegründer der jüdischen Wissenschaft im Anfänge unseres dritten Jahrzehntes — auch in der Vorrede zu den gottesdienstlichen Vorträgen —, die Rechte und Freiheiten der Juden zurückweisend, das Recht und die Freiheit für die Juden verlangt hat — das ist in unserem Emanzipationskampfe gewissermaßen ein historisches Ereigniß. War doch von der muthigen und rückhaltlosen Offenheit, die noch heute ein Muster sein könnte, die überwachende Polizei und die damalige Zensur gewaltig überrascht. Und von demselben Vorkämpfer für unsere Sache stammt auch der Ausspruch, daß „die , soziale Gleichstellung der Juden in Sitte und Leben hervorgehen wird aus der Gleichstellung der Wissenschaft des Judenthums" — Und noch ein drittes Beispiel, aus unserer Zeit und aus unserer