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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-09 · Heft 28 (9.7.1897) · p. Seite 329

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 28 (9.7.1897)
Date
1897-07-09
Page
Seite 329 (sequence 5)
Language
German
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329 Mission. Diese sei von jeher in kultureller und geistiger Beziehung gewaltig gewesen. Man denke nur an die Namen Juda Halevy, Spinoza, Mendelssohn. „Und Sie selbst, meine Herren," wandte sich der Redner an die Kollegen, „treten Sie nicht selbst in diese Fußtapfen ein? — Sie gleichen den Trappern des Urwaldes, in dessen tiefes Erdreich Sie Samen streuen. Wir kennen Ihre Verantwortlichkeit, deshalb begleitet Sie auch unsere Sympathie auf allen Bestrebungen, soweit es die Interessen der Gemeinde erlauben." Nachdem der Herr Redner geendet und die Versammlung ihm ihren Beifall kund gethan hatte, erfolgte die Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten, und wurde der alte Vorstand, bestehend aus den Herren Dr. Adler-Berlin, Cohn-Küstrin, Heidenfeld-Friedeberg, Remack- Berlin, Weber-Berlin, wiedergewählt. Jetzt schritt man zur Diskussion über eine vorher von Herrn Rabbiner Dr. Hochfeld abgehaltene Probelektion; die recht eingehende Debatte hierüber nahm stellenweise einen sehr lebhaften Charakter an, und wurde dem Herrn Rabbiner der Dank für das Vorgeführte durch Erheben von den Plätzen abgestattet. Hieran schloß sich das Referat des Kollegen Cohn-Küstrin über Maibaunrs Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes. Einleitend wird die Nothwendigkeit eines Wegweisers für den jüdischen Lehrer zur Ertheilung des Religionsunterrichts nachgewiesen und damit begründet, daß gerade in der Gegenwart die Wichtigkeit des Religionsunterichtes und die Verantwortlichkeit Derer, die ihn zu ertheilen haben, größer ist denn je, daß deshalb der Lehrer mit allem Eifer und mit allen Mitteln der pädagogischen Kunst dahin streben muß, seinen religiösen Unterricht recht wirksam und fruchtbar zu machen. Maibaums Methodik kann deshalb als eine erlösende That betrachtet werden, wenn sie auch, wie der Verfasser selbst zugiebt, nur ein Versuch ist; doch wird sie voraussichtlich bald berufene Kräfte aneifern, den nunmehr gelockerten Boden weiter zu bearbeiten. Die in dem Werke hervortretende Parteistellung Maibaums beeinträchtigt den wissenschaftlichen Werth des Buches nicht. Referent behandelt sodann das Werk nach dessen Einleitung, Lehrstoff und Lehrmethode. Einleitung und Lehrstoff werden in extenso vorgeführt. Referent fügt den vom Verfasser angeführten Gründen für die Nothwendigkeit des biblischen Geschichtsunterrichts noch hinzu, datz deren Kenntniß auch zur allgemeinen Bildung gehöre. Referent verlangt, daß der jeweilige Wochenabschnitt in der Schule regelmäßig kurz erklärt werde. In der Erörterung der Lehrmethode Maibaums zeigt Referent, daß dem Verfasser offenbar die Herbart-Zillersche Methode vorschwebt, die aber nicht richtig aufgefaßt zu sein scheint; namentlich falsch sei es, den Spruch der Erzählung vorauszuschicken. Der Verfasser scheint auch beim Unterricht die Regeln der Predigt als geltend zu erachten. Während Maibaum ferner bei Anwendung biblischer Bilder wünscht, daß das Bild erst nach dem Erzählen gezeigt werde, verlangt Referent mit Schwochow die Vorzeigung des Bildes, wenn man in der. Erzählung bei dem Momente anaelangt ist, den das Bild darstellt. Das vom Verfasser gewünschte Nacherzählen seitens der Schüler unmittelbar nach dem Vortrage des Lehrers ist für die Unterstufe unmöglich, und wird statt dessen zergliederndes Abfragen am Platze sein. Referent beruft sich hierbei auf Grave und Dörpfeld. In Bezug auf das hebräische Lesen erklärt Referent die vom Verfasser empfohlene Normalwörtermethode für umständlich und zeitraubend. Bei der Methodik der Religionslehre widerspricht Referent den Wünschen des Verfassers, an die Schöpfungsgeschichte die Lehre vom Menschen zu knüpfen, und zeigt, daß es richtiger und näherliegender sei, hieraus die Lehre von Gott zu ziehen. In gleicher Weise weist .'Redner auf weitere Jrrthümer des Verfassers hin und wundert sich darüber, daß Maibaum eine Methodik des systematischen Religionsunterrichts schreibt, ohne dieser Methodik irgend ein vorhandenes Religionsbuch unterzulegen. Referent verlangt bei diesem Unterricht im Gegensatz zu dem Verfasser, der die Akroamatik in den Vordergrund gestellt wissen will, mehr die Entwickelungsfrage. Im Uebrigen wird vom Referenten alles Empfehlenswerthe aus Maibaums Buch anerkennend hervorgehoben und das Werk als dankenswerthe Arbeit anerkannt, in welcher nur Lehrproben und die Stoffvertheilung für die einzelnen Stufen fehlen. Eine Diskussion fand auf allgemeinen Wunsch nicht statt, sondern die Versammlung dankte dem Referenten für die zwar mühevolle, jedoch mit größtem Fleiße und voller Sachkenntniß geleistete Arbeit durch Erheben von den Sitzen. Inzwischen war die Zeit zum Mittagsmahle herangenaht, und während desselben wechselten Toaste ernsten und heiteren Inhalts mit von den Kollegen Jacobsohn und Remack verfaßten Liedern ab. Leider konnte diesem behaglichen Zwischenakte nicht zu viel Zeit gewidmet werden, denn noch war ein wichtiger Punkt der Tagesordnung, nämlich das Referat des Vorsitzenden, Rektor Dr. Adler- Berlin, über das vom Vebandsvorstand gestellte Thema: „Die Frage der definitiven Anstellung fämmtlicher jüdischer Lehrer, ihrer Pensionirung und der Versorgung ihrer Hinterbliebenen" zu erledigen. Der Herr Referent führte etwa Folgendes aus: Als vor ca. zwei Jahren der Verband der jüdischen Lehrervereine ins Leben trat, setzte er sich in erster Reihe die Hebung des jüdischen Schulwesens und des jüdischen Religionsunterrichts als Ziel. Der Verbandsvorstand kam bald zu der Ueberzeugung, daß diese Hebung erst möglich sei, wenn die Stellung des Lehrers nach der sozialen und materiellen Seite hin die ihm gebührende geworden sei, und so richtete er seine Bemühungen zunächst nach dieser Seite hin. Und den nothwendigen Ueberblick über die gegenwärtige Lage der Lehrer zu gewinnen, veranstaltete der Vorstand eine Statistik der Verhältnisse der Lehrer, deren Resultat der Referent seinen Erörterungen zu Grunde legt. Leider zeigt sich dabei die Verzagtheit der Lehrer bereits in hohem Maße. Ein großer Theil der Lehrer sei, wie Referent bemerkt, vollständiger Apathie anheimgefallen unv verzweifle an einem Gelingen der Bestrebungen, eine Besserung der Lage herbeizuführen. Dieser Umstand lasse es erklärlich erscheinen, wenn nur ca. 60 pCt. der abgesandten Fragebogen ausgefüllt worden seien; indeß ergäben die eingelaufenen ca. 600 Beantwortungen ein ziemlich getreues und zwar recht trauriges Bild von der gegenwärtigen Lage. Günstig sei die Stellung nach der sozialen und materiellen Seite nur bei denjenigen Lehrern, die an öffentlichen jüdischen oder an Simultanschulen angestellt seien; indeß auch diese Lehrer ständen in Bezug auf das Grundgehalt, die Pensionirung- und Reliktenverhältnisse, wie der Referent im Einzelnen ausführte, vielfach schlechter als die christlichen Kollegen. Völlig rechtlos seien meistens die Lehrer an den privaten Elementarschulen sowie die zahlreichen Religionslehrer; in den meisten Fällen entbehren sie der Fürsorge im Falle ihrer Dienstnnfähigkeit. Es fehle jede feste Form der Anstellung, jede Sorge für die Hinterbliebenen u. s. w.; zudem sei das Einkommen, besonders in den kleinen Gemeinden, ein ganz unzureichendes, das weit unter dem des christlichen Kollegen stehe. An zahlreichen, besonders markanten Beispielen erläutert der Vortragende die Folgen, die aus dem Fehlen jedes Kontraktes, aus dem zu geringen Einkommen, aus der mangelnden Versorgung hervorgehen, und versetzte die Versammlung durch seine Mittheilungen in die lebhafteste Erregung, namentlich, als er erwähnte, wie die Gemeinden bisweilen selbst jeder Besserung der Lage der Lehrer abhold seien, obwohl ihnen dadurch keinerlei soziale Opfer auferlegt würden. Der Referent empfahl dann in rühmenden Worten die bestehenden Unterstützungskassen, die auf die Initiative wackerer Genossen entstanden seien, führte ihre Zahl und ihre Leistungen an, aber verschwieg auch nicht die großen Mängel, die das schwankende Quotensystem und die Form der Unterstützung mit sich brächten. Im zweiten Theil seines Referats präzisirte Herr Dr. Adler zunächst seine Stellung zur jüdischen Schule. Das Ideal sei und bleibe die paritätische Schule, an der jeder Lehrer ohne Rücksicht auf sein Bekenntniß seine Wirksamkeit entfallen könne. Dieses Ideal schwebe aber noch in so weiter Ferne, daß es für Jeden, der seinen Glauben lieb habe, Pflicht sei, die gegenwärtig bestehende jüdische Schule zu erhalten und zu kräftigen. Zur Kräftigung der Schulen sei es aber vor allem nothwendig, dem Lehrer eine Stellung zu verschaffen, die ihm ein gedeihliches Wirken möglich mache, und die seiner Bedeutung in der Gemeinde entspreche. Im weiteren Verlauf seiner Darlegungen wies der Herr Referent auf den verheißungsvollen Anfang hin, der für die Hebung des Lehrerstandes in dem letzten Jahre gemacht sei, einestheils durch die Bildung der Provinzialverbände, welche die Aufgabe hätten,

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