Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1897)
- Date
- 1897-07-09
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228231--53829-3267775- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Minsk 1× ep/1000754
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
. Der „Tcirgowski Vestnik", der in Sofia erscheint, veröffentlicht folgende Notiz: Bei Gelegenheit des Osterfestes haben die bulgarischen Bischöfe die Popen versammelt und ihnen die Entscheidungen mitgetheilt, die jüngst die heilige Synode über die Anklagen von Ritualmord, den man mit Unrecht den Juden vorwirft, gefaßt hat. Wir erfahren aus sicherer Quelle, daß der Metropolit von Sofia, ein sehr toleranter Mann, den Priestern energisch eingeschärft hat, allen ihren Einfluß zu benutzen, um aus ihren Gemeinden das berüchtigte Vorurtheil zu entfernen, daß die Juden Menschenblutes für gewisse Ritualcerernonien bedürfen. Mit Recht glaubt man, daß die anderen Prälaten des Fürstenthums in demselben Sinne und Geiste gehandelt haben, da dies Jahr ausnahmsweise nirgends in ganz Bulgarien eine Anklage wegen Ritualmordes erhoben wurde. * Bon den vielen Einschränkungsgesetzen, welche in den letzten fünfzehn Jahren gegen die Juden in Rußland ausgearbeitet wurden, ist vom moralischen Standtpunkt keins von so großer Wirkung gewesen wie das Munizipalgesetz, welches ihnen das aktive und passive Wahlrecht, das ihnen die alte Gesetzgebung gewährt hatte, genommen hat. Zur Zeit können sie keine Funktion, kein bezahltes Amt im Munizipaldienste ausüben. An den Munizipalgeschäften können sie nur als einfache Beisitzer theilnehmen, jedoch darf ihre Zahl nicht 10 pCt. der Gesammtzahl der gewählten Räthe überschreiten. Dies bedeutet also eine regelrechte Ausschließung. Nun bilden aber in den meisten Städten des Territoriums die Juden 40 bis 50 PCt. der Bevölkerung. In einzelnen Städten erreicht das jüdische Element sogar 75 pLt. der Ortsbevölkerung, und um die Interessen der steuerpflichtigen Juden, die einen großen Theil der Munizipallasten tragen müssen, zu schützen, giebt es nur zwei oder drei Personen, die mehr oder weniger willkürlich gewählt werden und weder Einfluß noch Ansehen besitzen. Diese einschränkenden Maßregeln werden noch durch die Art und Weise verschärft, in welcher die Provinzialbehörden davon Gebrauch machen. So hat zum Beispiel in Kowno der Magistrat die Zulassung von Juden in die Kommission, die die Monatssteuer zu vertheilen hat, verweigert. Die Juden wandten sich an den Senat, welcher zu ihren Gunsten entschied. Etwas Aehnliches geschah in Minsk, wo der Magistrat die Aufnahme der Juden in die Handelskammer verweigerte. Der Senat gab den Beschwerden der Juden Recht. Dasselbe ereignete sich in Pereyaslaw. In Odessa hat die Abtheilung der städtischen Angelegenheiten sich ungebührlicherweise das Recht angemaßt, nach ihrem Belieben die Liste der Juden aufzustellen, die der Behörde zur Wahl vorgeschlagen werden, um den unbedeutenden Posten von Beisitzern auszufüllen. Die Abtheilung schloß von dieser Liste willkürlich die bekanntesten Israeliten aus, wie ehemalige Schöffen, ehemalige Räthe, denen die städtischen Angelegenheiten vertraut waren, und ersetzte sie durch Seilte, die der Bevölkerung so gut wie unbekannt waren. Man reichte eine Klage beim Senat ein. Dieser entschied zu Gunsten der Beschwerdeführenden; da aber die Wahl, die die betreffende Abtheilung getroffen hat, schon von der Behörde bestätigt war, so kann die Entscheidung des Senats ihre Wirkung erst in vier Jahren bei den nächsten städtischen Wahlen ausüben. * Sehr trübe Nachrichten kommen aus Persien. In Teheran hat die mohamedanische Geistlichkeit neue Hetzen gegen die Juden eingeleitet. Sie droht, alle Juden umbringen zu lassen, wenn dieselben nicht den. Islam annehmen, und ihr Rädelsführer, der Mostahid Sagid Raghan Allah, hat die Oberrabbiner zu sich berufen und ihnen in dürren Worten die Wahl zwischen Tod oder Islam gestellt. Gleichzeitig ist das aufgewiegelte Volk über die Juden hergefallen, hat ihr Quartier geplündert und viele mißhandelt, so daß einige, darunter sogar der Sohn des berühmten Chacham Nehoorag. den jüdischen Glauben verlassen haben. Die Regierung ist freilich eingeschritten und hat Soldaten abgesandt, welche das jüdische Quartier bewachen sollen, doch scheint es, als wenn der Schah selbst und sein Ministerium, das allgemein für judenfreundlich gilt, der allgemeinen judenfeindlichen Strömung nicht gebieten können. Denn auch die Behörden sind schärfer gegen die Israeliten als je aufgetreten, haben wieder das Tragen des Judenabzeichens verlangt und auch sonst die alten beschränkenden Vorschriften erneuert und sogar noch neue hinzugefügt. So steht es in der Hauptstadt, in der Provinz wird es sicher noch viel schlimmer sein. Wie es heißt, hat die Alliance israelite universelle die Hilfe der französischen Regierung erbeten, während die Anglo Jewish Association gemeinsam mit dem Board of Deputies die Intervention der englischen Gesandtschaft zu Gunsten der verfolgten persischen Juden nachgesucht hat. Generalversammlung des Vereins jnd. Lehrer der Provinz Brandenburg zu Frankfurt a. G. am 8. Juni 1897. m Dienstag den 8. Juni, Vormittags 10 Va Uhr, versammelte sich zu Frankfurt a. O. im Gesellschaftshaus Halbestadt eine stattliche Anzahl jüdischer Kollegen aus allen Theilen der Provinz Brandenburg und aus Berlin; es fand nämlich die Generalversammlung des Vereins jüdischer Lehrer der Provinz Brandenburg daselbst statt. Bereits am Bahnhofe wurden die Mitglieder des Vereins von ihren Vereinsgenossen, den Herren Rabbiner Dr. Hochseld und Lehrer Abraham empfangen und in das Versammlungslokal geführt, woselbst sie von Herren aus dem Vorstande und der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde Frankfurts warm begrüßt wurden. Nachdem noch mancher Händedruck und Willkommensgruß ausgetauscht war, eröffnete der Vorsitzende, Herr Rektor Dr. Adler-Berlin, die Sitzung und ertheilte dem Vorsitzenden des Gemeindevorstandes, Herrn Lewin, das Wort. In einer schwungvollen, von warmherziger Begeisterung zeugenden Rede begrüßte Herr Lew in die Versammlung und wies darauf hin, daß gerade Frankfurt der geeignete Ort für eine Lehrerkonferenz sei. Der verehrte Herr Vorsteher führte etwa Folgendes aus: Frankfurt beherberge die größte Provinzialgemeinde Brandenburgs. Seit 500 Jahren etwa gebe es dort bereits einen jüdischen Friedhof. Aber nicht nur Größe und Alter der jüdischen Gemeinde, sondern auch die geistigen Beziehungen Frankfurts seien immer bedeutende gewesen. Nicht nur sei dort die erste jüdische Buchdruckerei entstanden, sondern auch die erste Universität Brandenburgs, welche 300 Jahre daselbst blühte. Auch die historische Bedeutung Frankfurts sei eine außerordentliche. Noch zeugten die alten Mauern von dem dreißigjährigen Kriege, noch grünten Bäume in der Stadt, die Huß, Tetzel und Luther gesehen hätten. Auch die Kultur der neueren Zeit sei in Frankfurt vertreten. Ranke und Humboldt sowie Simson hausten einst hier. In Denkmälern finde man den Minister von Thiele, Prinz Leopold von Braunschweig, Eberhard v. Kleist und Prinz Friedrich Karl von Preußen sowie die drei Gebrüder Beer, den Astronom, den Dichter und den Komponisten, verewigt. Nachdem der Herr Redner so die Berechtigung Frankfurts als Gastgeber einer Lehrerversammlung begründet hatte, fuhr er etwa fort. Jetzt wolle er eine alte Sitte wieder aufleben lassen, nämlich die des Gastgeschenkes. Als solche gebe er der Versammlung ein paar Worte mit auf den Weg, und zwar: „Denn von Zion ging die Lehre aus, und das Wort Gottes von Jerusalem." Nach Jerusalems Fall entstand das Judenthum in seiner ganzen Größe, da begann seine