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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-09 · Heft 28 (9.7.1897) · p. Seite 327

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 28 (9.7.1897)
Date
1897-07-09
Page
Seite 327 (sequence 3)
Language
German
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32? Wir bitten Sie im Namen des Glaubens, der uns eint und unseren Herzen theuer ist, Ihre Meinung auf dem umstehenden Blatte Ausdruck zu geben.und dasselbe umgehend zurückzusenden. Berlin, im Juni 1897. Hochachtungsvoll Siegfried Brünn, Kurfürstenstr. 126, Adolf Ginsberg, Victoriastr. 9, Dr. P. Haac, Rechtsanwalt und Nolar, Potsdamerstr. 119, Leopold Jacobi, Stadtverordneter, Matthäikirchstr. 32, Julius Joelsohn, Rauchstr. 4, Paul Jüdel, Stülerstr. 9, L. Kalisch, Stadtverordneter, Matthäikirchstr. 4, Jacob Landsberger, königl. Kommerzienrath, Thiergartenstr. 26, Gustav Levinstein, Schloß Lichterfelde, Dr. Mendelsohn, Privatdozent an der königl. Universität, Neust. Kirchstr. 9, Albert Philipp Meyer, Rauchstr. 19, Professor Dr. Philippson, Lessingstr. 4, Albert Rathenau, Rauchstr. 9, Eugen Rosenstiel, Askanischer Platz 4, I. Rosenthal, Spandauerstr. 73, Siegfried Sachs, Hindersinstr. 4, Hermann Salomon, Rentier, Matthäikirchstr. 8, Dr. Julius Schneider, Oberlehrer, Steglitzerstr. 4, Dr. A. Seligsohn, Rechtsanwalt und Notar, Friedrichstr. 226, Professor Dr. Steinthal, Schöneberger Ufer 42, Dr. Wollner, Geh. Sanitätsrath, Lützowstr. 60. Die beiden Fragen, welche in dem Schreiben gestellt werden, lauten wie folgt: 1. Würden Sie es für wünschenswerth Hallen, daß neben dem Sabbathgottesdienst eine religiöse Feier mit Predigt an den Sonntagen in den Synagogen stattfindet? 2. Sind Sie damit einverstanden, daß ein bez. Antrag dem, Vorstande der jüdischen Gemeinde unterbreilet wird? Wir haben unsere Ansicht über einen Sonntagsgottesdienst neben dem Sabbathgottesdienst, welcher fest und unverrückbar als eine Grundsäule des Judenthums stehen bleiben muß, oft und ausführlich begründet und sind deshalb wohl auch der Mühe überhoben, in diesem Falle nochmals für eine solche Institution, die uns allerdings in dieser Zeit ein wahres Bedürfniß zu sein scheint, eintteten zu müssen. Ganz anders stehen wir jedoch zu der zweiten Frage. Ist die Errichtung eines Sonntagsgottesdienstes unzweifelhaft überall da wünschenswerth, wo das Bedürfniß nach einem solchen zu Tage tritt, so muß doch auch gesagt werden, daß in Berlin durch die Reformgemeinde diese Frage in der ausreichendsten und würdigsten Weise gelöst ist. Alle Diejenigen, die an einem Sonntagsgottesdienst theilnehmen wollen, finden dort einen solchen, der religiöse Erbauung im Geiste des Judenthums vollauf zu gewähren im Staude ist, — und man katm doch wahrlich nicht annehmen, daß die Herren etwa durch irgendwelche religiöse' Bedenken an dieser Theilnahme verhindert würden. Es erscheint uns deshalb unnöthig, einen dahingehenden Antrag an den Vorstand der Gemeinde zu richten, neben dem Sonntagsgottesdienst der von der Hauptgemeinde reichlich snbventionirten Reformgemeinde noch einen besonderen einzurichten. Für Berlin ist die Frage, wie gesagt, schon gelöst, und es ist nothwendig, allen künftigen Eventualitäten gegenüber hierbei ausdrücklich zu bemerken, daß der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin" mit dieser Agitation nichts zu schaffen hat und dieselbe auch nicht billigt. Am 24. v. M. hat die englische Judenheit wieder einen schweren Verlust zu beklagen gehabt. Sir John Simon, bekannter als Sir Sergeant Simon, einer der letzten Kämpfer aus der Emanzipations- Zeit, starb in seinem 81. Jahr, nachdem es ihm vergönnt war, die Erfolge seiner Mühen im privaten wie im öffentlichen Leben mit eigenen Augen zu schauem und nach einem an Arbeit reichen Leben ein ruhiges Alter zu genießen. Geboren am 9. Dezember 1818 in Montego Bay auf Jamaika, erhielt Sir John Simon die erste Erziehung auf dieser Insel, wo sein Vater, einer der bedeutendsten Kaufleute, feinen großen Einfluß zu Gunsten einer besseren Behandlung der Negerbevölkerung einsetzte. Im Alter von 14 Jahren kam Simon auf die Schule nach Liverpool, und nach einem längeren Erholungsaufenthalte in Jamaika ging er wiederum nach England, um die J Jurisprudenz zu studiren. Damals war die Advokatur den Juden noch nichfi geöffnet, und Francis Goldsmid, der zehn Jahre älter als Simon war, hatte, obwohl er als erster Jude alle Examina gemacht, die Aufnahme in das Advokatenkollegium noch nicht erreichen können. Auch John Simon wurde sie verweigert, und nachdem er 1843 sich verheirathet, ging er mit seiner jungen Frau nach Jamaika, wo er anstandslos als Advokat praktiziren,konnte. Er blieb aber nur zwei Jahre dort, weil seine Frau das Klima nicht vertragen konnte, und kehrte dann nach England zurück, wo es ihm gelang , in Liverpool die Zulassung und ausgedehnte Praxis zu finden. Im Jahre 1856 ging er nach London, und hier wurde er 1864 Sergeant at Law, Advokat erster Klasse, eine heute nicht mehr bestehende Würde. 1868 trat Simon in das Parlament ein und schloß sich der liberalen Partei an, der er 20 Jahre lang, so längerer im Unterhause saß, angehörte. Gemeinsam mit Francis Goldsmid vertrat er im Parlament die jüdischen Jntereffen und vertheidigte seine Glaubensgenossen in England wie im Ausland bei jeder Gelegenheit. Sein Werk in erster Linie waren die großen Versammlungen in Mansion Hoüse, und er scheute sich auch nicht, gegen den Führer seiner eigenen Partei, gegen Gladstone, aufzutreten, als dieser die Vertheidigung der rumänischen Juden ablehnte, weil die Juden in Sheffield für die konservative Partei gestimmt hatten. Gladstone war sehr pikirt, und Simon erhielt erst 1886 die Ritterwürde, die ihm' viel.früher zugestanden hätte. 1888 legte er wegen Altersschwäche sein Mandat nieder und ist seitdem öffentlich nur höchst selten aufgetreten. Er vereinigte auf die glücklichste Weise die Eigenschaften des Juden mit ' denen des Engländers und wußte seiner Liebe zu England ebenso wie der für die Juden gerecht zu werden. Von dem Ansehen, das er sich erworben, gab die Beerdigung einen Beweis, an der die Spitzen der jüdischen Gemeinde und viele bedeutende Christen theilnahmen. . ’ , . Ueber die Lage der Juden in Bulgarien bringt der letzte Monatsbericht der A. I. U. einige interessante Mittheilungen. Der Direktor der Schnle der Alliance in Zamboli schickt an das Central- Komitee folgende Mittheilung: Der Metropolit von Sliwno, Monsignore Aerwassi, ist in den letzten Tagen in unsere Stadt gekommen. Die kirchlichen Behörden von Aamboli, zu denen ich in den freundlichsten Beziehungen stehe, benachrichtigten mich von seiner bevorstehenden Ankunft und luden mich ein, mich an dem Festzug, der dem Prälaten entgegengehen sollte, zu betheiligen. Ich und ein Mitglied unseres Komitees beeilten uns, das Anerbieten, anzunehmen. Monsignore Ierwassi ist einer der aufgeklärtesten Prälaten Bulgariens, einer von denen, die am wenigsten ein Geheimniß aus ihrer toleranten Gesinnung machen. Er machte sich bei unseren bulgarischen Glaubensgenossen dadurch volksthümlich, daß er mitten im jüdischen Ostern den Rabbiner der Gemeinde Sliwno besuchte. . . Nach den üblichen Vorstellungen ließ uns Ierwassi Erfrischungen anbieten und lud unszu einem ländlichen Mahle ein. Beim Dessert drückte ich ihm die Sympathien und die Ehrfurcht der bulgarischen Juden aus und lud ihn ein, unsere Schule zu besuchen. Monsignore Aerwassi antwortete sehr wohlwollend, versprach binnen kurzer Zeit einen Besuch der Schule und fügte hinzu, daß er zu der jüdischen Gemeinde von Iamboli kommen werde, um zu wiederholen, daß alle Bulgaren Kinder eines Vaterlandes und denselben Gesetzen unterworfen seien, und daß alle Menschen ohne Unterschied der Religion Brüder seien. Diese Antwort, in diesem Augenblicke und vor einer Zuhörerschaft, die sich aus den Civilbehörden von Sliwno und Iamboli, Abgeordneten der Sobranje und-vielen Delegirten zusammensetzte, hatte eine große Wirkung. Am nächsten Sonnabend hielt Monsignore Nerwassi eine Rede in dem israelitischen Klub. Bor jüdischen Zuhörern sprach dieser orthodoxe Prälat mit Feuer für die Toleranz und das Recht aller Menschen, in Freiheit die von den Vätern ererbte Religion auszuüben.

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